Wirtschaft : Jeder Streik macht stark

Tarifauseinandersetzungen bringen den Gewerkschaften Mitglieder / 1700 Eintritte bei Verdi in Berlin

Alfons Frese

Berlin - Hans-Joachim Kernchen ist „ein bisschen stolz“. Damit hatte er nicht gerechnet. Der Chef der Lokführergewerkschaft GDL in Berlin, Brandenburg und Sachsen studiert in diesen Tagen besonders gerne Mitgliederstatistiken. Wegen der steilen Kurve. „Das ging los, als wenn einer ’ne Rakete gezündet hätte.“ Beschäftigte der Berliner Verkehrsbetriebe BVG stürmten geradezu die Geschäftsstelle der GDL, ließen sich informieren und füllten dann eine Beitrittserklärung aus. Bevor der Streit ums Geld vor ein paar Wochen richtig hochkochte, hatte die Gewerkschaft nur 60 Mitglieder bei der BVG. Heute sind es 400. Die meisten organisieren sich erstmalig in einer Gewerkschaft. Von Verdi, der mit rund 8000 Mitgliedern dominierenden Organisation bei der BVG, seien höchstens „zwei Hände voll“ zu den Lokführern übergelaufen, sagt Kernchen.

Gewerkschaften profitieren grundsätzlich vom Tarifstreit. Je härter die Auseinandersetzung, desto besser für die Mitgliederentwicklung. Verdi bemüht sich seit Monaten in Berlin, für den öffentlichen Dienst eine Gehaltserhöhung durchzusetzen. Ein Ergebnis ist nicht in Sicht, doch knapp 1000 neue Mitglieder verbucht die Dienstleistungsgewerkschaft. Und allein bei der BVG, wo in den vergangenen zehn Tagen gestreikt wurde, hat Verdi 800 zusätzliche Mitglieder gewinnen können.

„Von drei Neuen bleiben zwei dauerhaft Mitglied“, sagt Andreas Köhn, stellvertretender Verdi-Chef in Berlin und Brandenburg. Mindestens ein Jahr sind alle an Bord. Denn wer früher austritt, der muss das Streikgeld, das er von Verdi als Lohnersatz bekommen hat, zurückzahlen. Erfahrungsgemäß gibt es vor Beginn einer Tarifrunde verhältnismäßig viele Eintritte, weil eben nur das Gewerkschaftsmitglied auch Anspruch auf Streikgeld hat. Für den Fall eines Arbeitskampfes ist man also auf der sicheren Seite.

Das Bedürfnis nach Sicherheit, mancher Gewerkschafter spricht von Opportunismus, zeitigt kuriose Folgen. In einer Berliner Druckerei zum Beispiel gibt es das Phänomen, dass vor jeder Tarifrunde ein Dutzend Drucker in die Gewerkschaft eintreten. Und ein Jahr später sind sie wieder weg. Bis zum nächsten Mal.

Das Streikgeld übrigens bemisst sich nach der Höhe des Mitgliedsbeitrags und soll den „normalen“ Verdienst annähernd ausgleichen. Bei Verdi zahlt das Mitglied ein Prozent vom Bruttolohn als Beitrag, bei der GDL 0,7 Prozent. Es gibt sogar Gewerkschaftsmitglieder, die erhöhen vor einer Tarifauseinandersetzung ihre Beitragszahlung – um ein höheres Streikgeld zu bekommen.

Eine Tarifrunde bringt – unabhängig vom Verlauf – den Gewerkschaften Mitglieder, weil die Organisationen in den Betrieben trommeln und mit ihren Kampagnen natürlich mehr Leute erreichen. So unterschrieben im vergangenen Jahr rund 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer bei Verdi, obwohl in dem monatelangen Tarifstreit des Einzelhandels noch kein Ende in Sicht ist. Überhaupt ist der Erfolg nicht maßgebend für den Zulauf. Vor zwei Jahren streikte Verdi monatelang im öffentlichen Dienst der Länder und einiger Kommunen. Am Ende des bis dahin längsten Arbeitskampfes im öffentlichen Dienst konnte Verdi zwar das Hauptziel, eine flächendeckende Verlängerung der Wochenarbeitszeit, verhindern und gewann 20 000 Mitglieder. „Doch vor allem in den Unikliniken haben wir nach dem erfolgreichen Tarifabschluss mehr neue Mitglieder erwartet“, zeigte sich Verdi-Kassenwart Gerd Herzberg damals enttäuscht. Immerhin hatte er rund 50 Millionen Euro für den Arbeitskampf aus dem Streiktopf der Gewerkschaft zahlen müssen.

Rund ein Drittel dieser Summe musste die IG Metall im Sommer 2003 aufbringen, als in Ostdeutschland um die 35-Stunden-Woche gekämpft wurde. Vergeblich. Zum ersten Mal nach Jahrzehnten verloren die Metaller wieder einen Arbeitskampf – und Mitglieder. Zwischen 2002 und 2006 verlor die IG Metall im Osten fast ein Viertel ihrer Leute und damit doppelt so viele wie in Deutschland insgesamt. Eine Niederlage kostet also reichlich Mitglieder, ein Sieg dagegen bringt nicht so sehr viel. Das trifft auch für die Lokführer zu. Nach fast einjährigem Arbeitskampf und durchschnittlich elf Prozent mehr Lohn hat die Gewerkschaft heute 35 700 Mitglieder – gerade mal fünf Prozent mehr als vor Beginn der Auseinandersetzung. „Dankbarkeit kann man nicht erwarten“, sagt ein Gewerkschafter.

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