Wirtschaft : Jelena Popovskaja

Geb. 1943

Anne Jelena Schulte

Wer fort geht, lässt alte Probleme zurück und bekommt neue. Was bist du, Jelena? Bist Du Ukrainerin, Usbekin, Estin?“

„Ich bin Jüdin“, antwortete sie mit einem Lächeln.

Lange war der Freund mit dieser Antwort nicht zufrieden. Ja, sie war Jüdin, wenn auch keine religiöse. Aber konnte sie nicht trotzdem so etwas wie ein Heimatland haben? „Sie lebte“, sagte der Rabbiner bei ihrer Beerdigung, „immer im Exil.“

Jelenas Flucht begann schon im Mutterleib. Ihre Mutter diente als Ärztin an der ukrainischen Kriegsfront. Kurz bevor die Deutschen die Stadt Charkow eroberten, wurde sie schwanger. Als der Nachrichtenoffizier die „Festsetzung aller Juden und die weitere Behandlung dieser Elemente“ im Gebiet verlangte, war Jelena im Bauch der Mutter unterwegs ins sichere Usbekistan: Schwangere Frauen taugten nicht für die Front. Jelenas Vater versteckte sich bei einer Bauernfamilie.

Später gab er gerne Lektionen im Überleben. Dann wies er seine Lenotschka zurecht: „Geh doch nicht immer so, als wärst Du eine Tänzerin!“ Anstrengen sollte sie sich, gute Noten heimbringen.

Bei den Mitschülern galt Jelena als Streberin. Aber die hatten kein „J“ in ihrem Pass. Das „J“, so scherzten die Juden untereinander, bedeutete Invalide fünften Grades. Diplomatische, militärische und andere Karrieren blieben versagt. Wollten sie es trotzdem zu was bringen, mussten sie mit Glanzleistungen bestechen.

In Leningrad wurde Jelena Popovskaja Kinderärztin mit Einser-Diplom.

„Wenn Du fort gehst, lässt Du die alten Probleme zurück und kriegst neue“, sagte sie einmal. Und fügte hinzu: „Ich liebe neue Probleme!“ So kam es, dass sie von Armenien bis Sibirien auf sämtlichen Breitengraden der Sowjetunion arbeitete. Als die Perestroika kam, lebte sie in Estland. Sie verdiente wenig, der Sohn war arbeitslos, und die kranke Mutter bekam zehn Rubel Rente. Hinzu kam, dass sie sich als Russischsprachige zunehmend angefeindet fühlte.

Es war wieder einmal Zeit zu packen. Sie wollte nach Deutschland. Die Schuldfrage, beschloss Jelena, war Angelegenheit der Deutschen.

Als sie 1994 den zum Übergangsheim umgebauten Schlachthof in Thüringen betrat, war sie über fünfzig Jahre alt und hatte Mutter und Sohn nebst Familie im Gefolge. Die neuen Probleme ließen nicht lange auf sich warten. Ihr Diplom wurde nicht anerkannt. So arbeitete sie als Assistentin bei einem Berliner Neurologen, der sie fachlich nicht ernst nahm, schlecht bezahlte und schikanierte. Feierabends wurde sie von ihrer einsamen und pflegebedürftigen Mutter erwartet.

Jelena Popovskaja hatte vieles überstanden, ohne ihr breites Lachen zu verlieren: Eine unglückliche Ehe, Anfeindungen als Jüdin, als Russin, oder, wie in Armenien, als allein stehende Frau.

Nun war es zu viel. Ihre Lust auf Probleme, ob alte oder neue, war restlos verschwunden. Sie, die Reisende, wollte und wusste nicht mehr weiter. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch.

Das war das Beste, was ihr passieren konnte. Sie verlor den üblen Job und lernte ihre große Liebe der späten Jahre kennen, einen Psychotherapeuten. Als ihr neuer Freund sie zum ersten Mal auf den Stufen eines Theaters erwartete, wunderte er sich über die persische Prinzessin, die ihm in die Arme flog, so prächtig und farbenfroh war Jelenas selbst geschneidertes Gewand.

Ihr Arbeitskittel und der Theatermantel waren von nun an ein gleichberechtigte Begleiter. Tagsüber arbeitete sie mit Blutspendepatienten, pflegte die Mutter, schrieb an einem Kochbuch. Abends saß sie in Opern, Konzerten, Theateraufführungen, und der Genuss stand ihr aufs Gesicht geschrieben wie kaum einer anderen im Saal.

Ihre Lebenserfahrung, oder besser: Überlebenserfahrung, machte sie zu einer begehrten Ratgeberin. Behördengänge oder Liebeskummer, Dostojewskij oder Geldnöte, sie tröstete die Entmutigten und half ihnen auf den Weg.

„Ach ja,“ seufzte der Rabbiner, „sie war eine wunderbare Frau.“ Dann sprach er das jüdische Sterbegebet und verneigte sich gen Osten.

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