Wirtschaft : Jeremy Rifkin im Gespräch: "Kommerz funktioniert nicht ohne Kultur"

Herr Rifkin[Sie sagen uns ein neues Zeitalter des]

Jeremy Rifkin (55) ist Präsident des Thinktanks "Foundation on Economic Trends" in Washington. Der Gesellschaftskritiker ist Autor von 14 Büchern, die sich mit dem Einfluss von wissenschaftlichen und technologischen Umwälzungen auf die Wirtschaft befassen. In diesen Tagen ist sein neuestes Werk erschienen, "The Age of Access". Am 8. September wird Rifkin im Reichstag vor der Grünen-Fraktion sprechen.



Herr Rifkin, Sie sagen uns ein neues Zeitalter des Kapitalismus voraus, in dem alle Lebensbereiche von martkwirtschaftlichem Denken durchdrungen werden.

Die Entwicklung der Telekommunikation, das Internet, Globalisierung, E-Commerce - all das wird uns ein neues System bescheren, eines, das anders ist als die Marktwirtschaft. Mitte des nächsten Jahrhunderts wird es die Wirtschaft, wie wir sie heute kennen, größtenteils nicht mehr geben. An ihre Stelle tritt etwas, das ich die Netzwerk-Wirtschaft nenne: In ihr werden nicht mehr Waren, sondern Zugangs- und Nutzungsrechte gehandelt. Die alte Marktwirtschaft ist zu langsam für die Entwicklungen der Zukunft, deshalb werden Netzwerke an ihre Stelle treten. Zugleich werden immer größere Teile des alltäglichen Lebens in den Cyberspace verlagert.

Welche Folgen hat das für unser Leben?

Waren, Konsum, Dienstleistungen, Erlebnisse, Kommunikation werden rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche möglich sein. Die Folge: Es gibt keine Käufer und Verkäufer mehr, sondern nur noch Lieferanten und Nutzer. Durch die neue Technik sinken die Transaktionskosten gegen Null, ebenso die Gewinnmargen beim Verkauf physischer Güter. Eigentum wechselt nicht mehr den Besitzer, nur noch den Nutzer; alles wird vermietet. Geld wird in Zukunft durch die zeitweise Überlassung von Nutzungsrechten und Service verdient. Physischer Besitz wird zu teuer und zu langsam. Entscheidend wird das intellektuelle Eigentum sein. Früher wurde mit Rohstoffen und Produkten Geld verdient. Morgen kommt es darauf an, kulturelles Wissen und Erfahrungen in konsumierbare Erlebnisse umzuwandeln.

Ist das gut oder schlecht?

Für die Umwelt ist das gut, das Verhältnis der Unternehmen zur Umwelt wird sich drastisch verändern. Die Wirtschaft wird an Energiesparen, an Nachhaltigkeit interessiert sein. Ein Hersteller von Klimaanlagen wird nicht mehr seine Geräte verkaufen, sondern die Dienstleistung "kalte Luft". Er ist für alles zuständig, was damit zu tun hat - dichte Fenster, niedriger Energieverbrauch, guter Service. Nur wenn er sparsame Technik einsetzt, verdient er Geld.

Ist das so neu?

Die Art, wie Firmen Mehrwert schaffen, ist eine andere. Die Dienstleistung zählt, und die Idee dazu, der Zugang. In der alten Marktwirtschaft maximiert man die Produktion und damit den Gewinn. In einer Netzwerk-Wirtschaft wird die Produktion minimiert, die so entstehenden Ersparnisse werden aufgeteilt. Ein Pharma-Unternehmen wird künftig nicht mehr daran interessiert sein, dem Patienten so viele Arzneien wie möglich zu verkaufen. Im Netzwerk arbeiten Krankenversicherung, Arbeitgeber, Pharmahersteller, Krankenhäuser zusammen und haben nur die eine Aufgabe - die Gesundheit des Patienten aufrecht zu erhalten. Die so entstehenden Einsparungen bedeuten mehr Gewinne.

Können sich die Verbraucher darüber freuen?

Zunächst ja. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Wir werden eine enormen Zunahme der Machtkonzentration bei den Unternehmen sehen. Dann nämlich, wenn Ideen, Wissen und Zugang zählen, dieser Zugang aber von nur wenigen Multis wie Bertelsmann, AOL Time Warner oder Pearson kontrolliert wird. Um uns Kunden herum werden immer mehr Netzwerke geknüpft. Und eines Tages werden wir davon umzingelt sein, jeder Aspekt des Lebens wird kommerzialisiert sein.

Welche Rolle spielt der Staat? Kann er die Bürger nicht davor schützen?

Nur begrenzt. Die Gefahr ist, dass die Wirtschaft Kulturgut für sich vereinnahmt, dass es Kultur nur noch gegen Geld gibt. Der Staat muss vor allem garantieren, dass sich keine "digitale Kluft" auftut zwischen Computer-Nutzern und Nicht-Nutzern, zwischen Arm und Reich, zwischen Erster und Dritter Welt. Sonst leben die Menschen eines Tages in unterschiedlichen Realitäten.Der große Kampf des 21. Jahrhunderts wird zwischen Kultur und Kommerz ausgefochten werden. Kohl, Thatcher, Reagan haben in den Achtzigern und Neunzigern den Staat zurückgedrängt und wo es ging privatisiert. Jetzt ist die Kultur an der Reihe.

Wo ist die Grenze?

Die Politik des so genannten "Dritten Weges" setzt voraus, dass für eine gesunde Kultur und eine gesunde Gesellschaft eine gesunde Wirtschaft Voraussetzung ist. Das hieße aber, dass Kultur ohne Kommerz nicht funktionierte. Richtig aber ist es umgekehrt: Kommerz funktioniert nicht ohne Kultur.Wenn wir die Kultur der kommerziellen Ausbeutung öffnen, ist das, als ob wir eine ganze Spezies der kommerziellen Ausbeutung preisgeben würden. Wenn wir sie einmal verloren haben, werden wir sie nie wiederbekommen.

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