• Jerzy Hausner sieht einen Rückstand bei der Angleichung an den Westen trotz rasantem Wirtschaftswachstum

Wirtschaft : Jerzy Hausner sieht einen Rückstand bei der Angleichung an den Westen trotz rasantem Wirtschaftswachstum

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Bei allen wirtschaftlichen Fortschritten, die Polen als Aufnahmekandidat in die Europäische Union vorzuweisen hat, sind die zahlreichen Barrieren, die einem Beitritt zur Zeit noch im Wege stehen, nicht zu übersehen. "Nicht die Mitgliedschaft in der EU ist unser Problem", sagte der polnische Ökonomie-Professor und ehemalige Staatssekretär Jerzy Hausner am Donnerstag anlässlich der Präsentation einer Studie über Potenziale und Defizite seines Landes. Wichtiger als die reine Mitgliedschaft sei die Integration Polens in die Gemeinschaft der westeuropäischen Staaten.

Natürlich erfülle man die Aufnahmekriterien, sagte Hausner. Polen ist nach seiner Verfassung ein demokratischer Rechtsstaat, die Inflationsrate liegt bei rund acht Prozent und soll bis 2006 bei einem bisher gleichmäßigen Wachstum von fünf Prozent um die Hälfte gesenkt werden. Dennoch warnt Hausner vor der Illusion einer schnellen Anpassung an westeuropäische Standards. Als eines der ganz großen Probleme nennt er die Landwirtschaft. Sicher könne man darauf bauen, als Mitglied der Europäischen Union von den Brüsseler Subventionen zu profitieren. Damit aber ist dem Land nicht geholfen.

Wie weit die notwendige Restrukturierung reifen muss, zeigt ein Blick auf die Bevölkerungsstruktur Polens. Mehr als ein Drittel der Menschen - ganz anders als in Deutschland oder Frankreich - arbeiten in der Landwirtschaft. Gehen die Bauern in die Städte, führe das zu einem Kollaps, sagt Hausner. Um den Anpassungsprozess solide zu gestalten, müsse in wesentlich größeren Zeitabständen gedacht und geplant werden. Schon heute ist die Ende 1999 verzeichnete Arbeitslosigkeit von rund zwölf Prozent in den landwirtschaftlich geprägten Gebieten besonders hoch.

Auf Dauer, so Hausner, könne sich Polen Ausreden mit dem Hinweis auf das kommunistische Erbe nicht mehr leisten. Jetzt sei die Regierung gefragt, Defizite schneller abzubauen. Hier aber deute nichts auf eine Besserung hin. Die Außenhandelsbilanz ist negativ, der Staatsapparat, gemessen an seinen Möglichkeiten, noch zu ineffizient und die finanzielle Situation instabil. Hausner: "Wir befinden uns in der Nähe einer Krise." Von seiner Kritik wollte er auch die Banken nicht ausnehmen. Im Moment gehe es darum, die vielfach entstandenen kleinen und mittleren Unternehmen in ihren Wachstumsanstrengungen zu unterstützen. Dafür benötigten sie Kredite, die ihnen weder der Staat noch die Geldinstitute in ausreichendem Maße zur Verfügung stellten. Ein anderes Thema sei die Umwelt. In der EU liege der Standard für entsprechende Investitionen bei 40 Milliarden Euro pro Jahr. In Polen sind es lediglich zwei Milliarden. "Wir brauchen 20 Jahre, um hier gleich zu ziehen", sagte Hausner. Ähnlich düster sieht es bei den technologischen Entwicklungen aus. In Polen werden 20 Mal weniger Patente pro Einwohner angemeldet als in Deutschland.

Zu einer anderen Einschätzung der Situation kommt Heinrich Machowski, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Für ihn ist die Stimmung in Polen schlechter als die Lage. Mit einem für das nächste Jahr prognostizierten Anstieg um 5,5 Prozent wachse die polnische Volkswirtschaft doppelt so schnell wie die deutsche. Seine These: Könnten beide Länder ihre wirtschaftlichen Potenziale voll ausschöpfen, würde sich dieser Abstand bis 2010 fortsetzen, die polnische Wirtschaft würde doppelt so schnell wie die deutsche wachsen. Kritisch sieht allerdings auch Machowski die Rückgänge in der Leistungsbilanz. Für 1999 wird das Defizit auf 10,5 Milliarden Dollar geschätzt, das sind 6,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Schon bei fünf Prozent schrillen die Alarmglocken. Trotz aller Barrieren aber ist der DIW-Wissenschaftler der festen Überzeugung, dass Polen seine Probleme am schnellsten als Mitglied der Europäischen Union lösen könnte.

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