Wirtschaft : "Jetzt zahlen wir für die Fehler der Vergangenheit"



TAGESSPIEGEL: Herr Ennen, haben Sie schon Pläne für die Silvesternacht 1999?

ENNEN: Ich wollte versuchen, mit wenigen guten Vorsätzen auszukommen.Aber Sie wollen natürlich wissen, ob ich mich auf mögliche Folgen des Jahr-2000-Problems vorbereite.Ich teile die allgemeine Hysterie nicht.Und da wir im Haus einen schönen Kachelofen haben, bin ich guter Dinge.

TAGESSPIEGEL: Computer können uns auf den Mars bringen, aber eine technisch scheinbar simple Datumsumstellung bedroht die Weltwirtschaft.Woher kommt das?

ENNEN: Das Jahr-2000-Problem ist nur eine Folge der Art und Weise, wie wir in der Vergangenheit mit der Informationstechnik umgegangen sind.Wir haben die Darstellung des Datums und der Zeit nie normiert, sie unterliegt immer gewissen Eigenwilligkeiten.Wir haben auch heute noch das Problem, daß die Entwickler den gesamten Kalender nachprogrammieren müssen.Es gibt Empfehlungen und sogar eine DIN-Norm, wie mit dem Datum zu verfahren ist.Letztendlich hat sich die Zunft der Programmierer wenig daran gehalten.

TAGESSPIEGEL: Kann man das Problem auf eine Branche reduzieren?

ENNEN: Nein, die Reduzierung auf kleinere Unternehmen greift zu kurz.Überall, wo Informationstechnik eingesetzt wird, sind die Probleme identisch.Unterschiede gibt es allerdings in der Art und Weise und der Intensität, das Jahr-2000-Problem zu lösen.

TAGESSPIEGEL: Was raten Sie also den Unternehmen?

ENNEN: Die Lösung beginnt mit einer Analyse der vorhandenen Systeme, die mit einem Zeitbezug arbeiten.Wir empfehlen zunächst, ein Inventar aller Produkte zu erstellen.Die Verantwortlichen wissen oft gar nicht, welche Hardware vorhanden ist und welche Version einer bestimmten Software zum Einsatz kommt.Anhand dieser Liste läßt sich erst feststellen, ob die den Zeitsprung fehlerfrei überstehen.Das Problem sind ja nicht nur die alten, selbstprogrammierten Anwendungen, sondern auch neue, die man von der Stange gekauft hat.

TAGESSPIEGEL: Bieten die Software-Hersteller denn ausreichend Hilfe an?

ENNEN: Die Situation ist noch unbefriedigend.Die Kunden laufen noch zu oft hinter den wichtigen Informationen hinterher.Es ist notwendig, daß die Hersteller erkennen, mit der Aussage, "mein Produkt ist Jahr-2000-fähig", ein Marketinginstrument in den Händen zu halten.

TAGESSPIEGEL: Was sagen Sie den Spätzündern aus der Industrie? Ist es für Schadensbegrenzung zu spät?

ENNEN: Das wird kaum noch jemand schaffen, der jetzt erst beginnt.Wir unterteilen den Prozeß in verschiedene Phasen: Bewußtseinsbildung, Analyse, Umstellung und Tests.Dabei verschlingt allein das Testen über 50 Prozent des gesamten Aufwands.

TAGESSPIEGEL: Sind deutsche Unternehmen darauf vorbereitet? Wird das Problem genügend ernst genommen?

ENNEN: Ich begegne auch heute noch auf vielen Veranstaltungen IT-Verantwortlichen, die die Dramatik der Situation herunterspielen.Die empfinden das als Provokation, wenn man sie darauf hinweist.

TAGESSPIEGEL: In verschiedenen Untersuchungen wird Deutschland ein großer Nachholbedarf attestiert.

ENNEN: Das liegt daran, daß diese Studien von Außenstehenden wie der amerikanischen Gartner Group gemacht werden - man kann die Zahlen weder widerlegen, noch bestätigen.Eigene Daten haben wir nicht, da fehlte bisher eine zentrale Stelle.Deshalb hat der Wirtschaftsminister vor kurzem die Taskforce Y2K ins Leben gerufen, deren Mitglied ich bin.Wir wollen bis zum Frühjahr 1999 endlich eigene sichere Zahlen bringen.Schließlich ist das auch ein Wirtschaftsfaktor, wenn andere Länder ständig behaupten, in Deutschland sähe es schlecht mit der Lösung des Jahr-2000-Problems aus.

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