Wirtschaft : Jil Sander macht wieder Mode

Im Jahr 2000 war die Designerin im Streit mit Prada aus dem Geschäft ausgestiegen. Nun kommt sie zurück

Susanna Nieder

Berlin. Jil Sander kehrt ins Modegeschäft zurück. Schon seit Tagen kursierte das Gerücht in der internationalen Modeszene, die 59-jährige werde wieder in den Betrieb einsteigen. Eine Sensation! Am Dienstagabend folgte die offizielle Mitteilung: „Ich freue mich, meine Arbeit fortzusetzen und das kreative Konzept von Jil Sander weiterzuentwickeln“, ließ die Designerin wissen. Ganz klar ist ihre neue Funktion in der Firma noch nicht, aber offenbar soll sie wieder das Design übernehmen.

1999 hatte Jil Sander ihr Unternehmen und ihren guten Namen an den italienischen Luxus-Konzern Prada verkauft und sich ein Jahr später gänzlich aus der Modebranche zurückgezogen. Nun kommt sie wieder. „Ich bin sehr erfreut, dass Jil diese wichtige Entscheidung getroffen hat“, teilt Patrizio Bertelli mit. Leicht werden ihm diese Worte nicht gefallen sein. Bertelli, Ehemann der Modemacherin Miuccia Prada und Chef des Prada-Konzerns – zu dem unter anderem die Marken Fendi und Helmut Lang gehören – gilt als kompromissloser Mann. Als die Prada Holding BV 1999 75 Prozent der Stamm- und 15 Prozent der börsennotierten Vorzugsaktien der Jil Sander AG übernahm, wurde die Firmengründerin Vorstandsmitglied und blieb zunächst verantwortlich für das Design ihrer Kollektionen und Produkte. Sie sei froh, sich künftig auf Design und Styling konzentrieren zu können, sagte Jil Sander noch im August 1999. Nur wenige Monate später, im Januar 2000, schied sie aus.

Der Streit zwischen ihr und Bertelli wurde selbst vor den Mitarbeitern der eigenen Firma geheim gehalten – so gut es ging. Immerhin zischte Bertelli ihr damals hinterher: „Am besten hätte sich Jil Sander einen Finanzgeber gesucht und keinen Unternehmer. Der Erfolg einer solchen Marke ist nicht vom Namen eines Chefdesigners abhängig.“

Da hat er sich getäuscht. Jil Sander, die 1968 in Hamburg ihre erste Boutique eröffnete und 1973 die Marke lancierte, mit der sie 1989 an die Börse ging, war nicht nur die erste Frau in Deutschland, die mit ihrem Gesicht für die eigenen Produkte warb. Ihre Dominanz und die enge Verknüpfung ihrer Person mit ihrem Unternehmen wurden sogar als einer der Gründe gesehen, warum sie sich zum Verkauf entschloss: „Die 55-Jährige muss in den nächsten Jahren ihre Nachfolge regeln, wenn der Konzern nicht ins Trudeln geraten soll“, schrieb damals das Handelsblatt. Die Tatsache, dass sie ins Unternehmen zurückkommt, ist Bertellis Eingeständnis, dass er ihre Bedeutung für die Marke Jil Sander gewaltig unterschätzt hat.

2000 kletterten die Umsätze der Jil Sander AG um 16,4 Prozent auf 134,8 Millionen Euro, das Jahresergebnis betrug 4,9 Millionen Euro. Im Jahr danach musste Bertelli jedoch bereits rote Zahlen für die Firma bekannt geben: Auf 10,7 Millionen Euro belief sich der Fehlbetrag. 2002 wuchs das Minus sogar um mehr als das Doppelte auf 26,3 Millionen Euro.

„Die Prada-Führung wollte die Marke mit aller Gewalt jung machen, aber dafür ist der Name nicht hip genug“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter, der fünf Jahre unter Sander und zwei Jahre unter der neuen Führung für das Unternehmen tätig war. Sanders Handschrift erkennt man an der hohen Qualität, den ausgezeichneten Stoffen und Schnitten. Oft hatte sie gerade dann mit Understatement Erfolg, wenn die Kollegen in Mailand den allerneuesten Trends hinterherliefen; „Queen of Less“ wurde sie genannt. Gleichzeitig ist ihr Look modischer als der von Giorgio Armani, der seine pure Linie seit 20 Jahren fast unverändert durchhält.

Der von Bertelli engagierte neue Chefdesigner, Milan Vukmirovic, versuchte dagegen, sich stärker an den jeweiligen Trends zu orientieren. In der laufenden Sommerkollektion arbeitete er beispielsweise mit Punk-Elementen wie Reißverschlüssen und hochhackigen Schuhen mit breitem Knöchelriemen aus der Bondage-Kultur. Mit solchen Experimenten wurde die klassische Stammkundschaft von Jil Sander verprellt. Gleichzeitig ging aber offensichtlich das Kalkül nicht auf, den Labels wie Gucci, Versace oder Dolce e Gabbana, die auf Trends und Sexappeal setzen, die jüngere Kundschaft abspenstig zu machen.

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