Wirtschaft : Jizchak Schwersenz

Geb. 1915

Henning Mielke

Seit er im Untergrund lebte, grüßte er mit „Heil Hitler“. Nie wieder zurück nach Deutschland! Das stand für ihn fest, als er im Februar 1944 über die Schweizer Grenze floh.

Am 28. August 1942 um 18 Uhr sollte Jizchak Schwersenz sich in seiner Tiergartener Wohnung „zur Evakuierung“ bereithalten. Und er hätte das auch glatt getan: „Wir deutschen Juden waren so deutsch wie die anderen: gehorsam, preußisch.“ Es war seine Freundin Edith Wolff, die ihn beschwor, in den Untergrund zu gehen. Er tat es; seine Familie ließ sich abholen.

Jizchak Schwersenz trennte den Judenstern aus seiner Jacke und ersetzte ihn durch ein Hakenkreuzabzeichen. Aus seiner Tasche lugte nun immer „Das Schwarze Korps“, die Zeitung der SS. Helfer hatten ihm gefälschte Papiere besorgt, er hieß jetzt Ernst Hallermann. „Heil Hitler“ wurde zu seinem Standardgruß.

Das Leben in der Illegalität war belastend für den so auf Korrektheit bedachten jungen Lehrer. Um ihn überhaupt zum Untertauchen zu überreden, hatte seine Freundin Edith Wolff, genannt Ewo, ihm eine Idee in den Kopf gesetzt: Gemeinsam wollten sie möglichst viele seiner Schüler aus der Jugend-Alia- Schule retten: Seine Kinder, wie er sie nannte. An die Auswanderung nach Palästina, auf die die Schule die Jugendlichen vorbereiten sollte, war seit Kriegsbeginn nicht mehr zu denken. Deshalb hatte Schwersenz den Schülern am Tag der Schulschließung gesagt: „Wenn es nicht mehr weitergeht, dann kommt in die Wohnung von Ewo.“

Die Zeit war reif, als die Gestapo am 27. Februar 1943 alle noch nicht deportierten Juden aus den Betrieben abholte. Einige der Schüler flüchteten über die Dächer oder sprangen vom Gestapo-Lastwagen ab. Am Abend fanden sich zwölf bei Edith Wolff ein. Gemeinsam mit Jizchak Schwersenz kümmerte sie sich um Quartiere bei deutschen Helfern, Geld und Lebensmittelkarten. Die beiden gründeten die illegale jüdische Jugendgruppe „Chug Chaluzi“. Schwersenz zeigte den Jugendlichen, wie man sich im Untergrund verhält, jede Nacht trafen sie sich im Tiergarten, im Grunewald oder im Friedrichshain. Der Lehrer gab Unterricht, es wurde gebetet und gesungen. 33 von 40 Mitgliedern der Jugendgruppe überlebten die Nazizeit.

Im letzten Kriegsjahr mussten sie sich allerdings ohne Jizchak Schwersenz durchschlagen. Nachdem Ewo festgenommen worden war, flüchtete er. In Luftwaffenuniform mit falschem Militärpass stieg er am Anhalter Bahnhof in die Eisenbahn und gelangte so bis zur Schweizer Grenze.

Nie wieder zurück nach Deutschland! Jizchak Schwersenz ging nach Israel und lebte als Lehrer in Haifa – zusammen mit Ewo, die 18 Zuchthäuser und KZs überlebt hatte. Die Erinnerung an Deutschland versuchte er, so gut es ging, zu verdrängen. 1958 stand eine Gruppe deutscher Pfadfinder vor seiner Wohnung. Nach einigem Zögern ließ er sie hinein.

Danach hatte er öfter Deutsche zu Besuch und nahm für einige Jahre einen Pflegesohn aus Hamburg auf. Der Kontakt zu den jungen Leuten öffnete Jizchak Schwersenz den Weg zurück nach Deutschland. 1979 wagte er den letzten Schritt und nahm eine Einladung des Regierenden Bürgermeisters nach Berlin an – unter einer Bedingung: Er wollte vor Schulklassen über sein Leben berichten. Die Antwort aus Berlin kam postwendend: „Alle Schulen stehen Ihnen offen.“

Die Geschichte der versteckten Gruppe erzählte er hunderte Male. Er kam nun jedes Jahr nach Deutschland und schlug mit seiner Erzählung die Schüler in Bann: atemlose Stille und dann viele Fragen. Für Jizchak Schwersenz waren das Interesse und die Anteilnahme der Jungen eine Kraftquelle. 1991 zog er endgültig zurück nach Berlin, natürlich nach Charlottenburg, in seinen alten Heimatbezirk. Er besuchte die Synagoge in der Pestalozzistraße, in der er schon als Junge oft gewesen war. Unbeirrt hielt er als einer der letzten lebenden Zeitzeugen seine Vorträge in den Schulen, vor ihm Jugendliche, die so alt waren, wie damals „seine Kinder“. Wer ihm dabei in das Gesicht schaute, fand darin einen Ausdruck tiefen Friedens mit sich und mit der Welt.

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