Joachim Hunold : "Die Flugsteuer ist verfassungswidrig"

Air-Berlin-Chef Joachim Hunold spricht im Interview über die Politik der Bundesregierung, den Konflikt mit den Piloten und die Chancen des Großflughafens BBI.

Air Berlin bleibt in Tegel. Joachim Hunold will mit der Zentralverwaltung nicht in die Nähe des BBI umziehen. Aber trotzdem setzt er ganz auf den neuen Flughafen.
Air Berlin bleibt in Tegel. Joachim Hunold will mit der Zentralverwaltung nicht in die Nähe des BBI umziehen. Aber trotzdem setzt...Foto: Mike Wolff

Herr Hunold, in dieser Woche gehen die Gespräche mit den Piloten weiter. Wo sehen Sie Einigungschancen?

Wir wollen eine einvernehmliche Lösung erzielen. Wir haben auch, ebenso wie die Richterin, eine Schlichtung angeboten.

Wie wahrscheinlich sind Warnstreiks in der Advents- und Weihnachtszeit?

Wir gehen davon aus, dass wir eine Lösung am Verhandlungstisch erzielen.

In den Medien gelten Sie nicht gerade als Gewerkschaftsfreund.

Journalisten schreiben ja gern voneinander ab, da bekommt man schnell ein Attribut zugeschrieben, das man gar nicht mehr hat.

Was hat sich denn geändert?

Was heißt hier geändert? Ich habe ein ganz normales, sachliches Verhältnis zu den Gewerkschaften. Aber die Interessen sind manchmal sehr unterschiedlich. Mit dem Betriebsrat an unserem größten Standort in Düsseldorf zum Beispiel arbeiten wir sehr vertrauensvoll und verantwortungsbewusst zusammen.

Kleinmachnow macht gegen BBI-Flugrouten mobil
1.500 Menschen versammelten sich am Montagabend auf dem Kleinmachnower Rathausmarkt, um gegen die geplanten Flugrouten des Flughafens BBI zu protestieren.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Thilo Rückeis
20.09.2010 21:071.500 Menschen versammelten sich am Montagabend auf dem Kleinmachnower Rathausmarkt, um gegen die geplanten Flugrouten des...

Wie kam es dazu?

Air Berlin hat eine bestimmte Größe erreicht. Als es 2006 und 2007 um die Übernahme der LTU ging, stand ich vor der Entscheidung: strategische Entwicklung mit Tarifverträgen oder keine weitere strategische Entwicklung. Wir mussten uns mit den Gewerkschaften einigen und sind damals aktiv auf sie zugegangen, um einen Tarifvertrag zu bekommen.

Jetzt sind Sie auf die Regierung zugegangen, um die Luftverkehrssteuer zu stoppen. Kann es auch da eine Annäherung geben?

Dass die Bundesregierung diese Steuer freiwillig zurücknimmt, glaube ich nicht. Aber wir geben nicht auf. Es gibt mittlerweile mehrere juristische Gutachten, die belegen, dass das Gesetz nicht verfassungskonform ist. Wir prüfen eine Verfassungsklage.

Falls die Steuer zum Januar wie geplant kommt: Was kostet Air Berlin das?

Wir rechnen mit zusätzlichen Belastungen von 160 bis 170 Millionen Euro im kommenden Jahr. Wir müssen versuchen, diesen Betrag an unsere Kunden weiterzugeben. Das tun wir auch bei Buchungen für das kommende Jahr schon.

Wie klappt das auf Routen mit starker Konkurrenz?

Wo der Markt Preiserhöhungen nicht hergibt, müssen wir das anders kompensieren. Daher gehen wir vorsichtig ins nächste Jahr und reduzieren unsere Kapazitäten um fünf Prozent, das entspricht sieben Flugzeugen. Dabei wollten wir eigentlich mit der Konjunktur wachsen. Uns werden durch das Gesetz Wachstumschancen genommen. Und nicht nur uns, sondern auch der Region Berlin.

Welche Strecken könnten fallen?

Die, die nicht so ertragreich sind. Aus Wettbewerbsgründen werden wir Details erst mit Veröffentlichung des Flugplans bekannt geben.

Es liegt nahe, dass es vor allem innerdeutsche Strecken betrifft.

Nein, so pauschal kann man das nicht sagen. Wir werden unser Streckennetz im Hinblick auf unsere künftige Mitgliedschaft in der Oneworld strukturieren. Was wir machen, muss zu unseren neuen Partnern passen. Zumindest in Berlin planen wir keine Reduzierung der Kapazität.

Und wie sieht es mit Personalabbau aus?

Wir müssen sehen, wie sich die Zusammenlegung von Air Berlin und LTU entwickelt. Die wollen wir bis zum 1. April abschließen. Wir hoffen, das über Fluktuation hinzubekommen. Wenn nicht, muss an der einen oder anderen Stelle auch über Personalabbau nachgedacht werden. Aber auch hier ist es noch zu früh zu sagen, welche Standorte wie stark betroffen sein könnten.

Sie sprachen das Oneworld-Bündnis an: Wie würden Sie Ihre strategische Rolle darin beschreiben?

Das Debakel um den neuen Flughafen in Bildern
Ende August 2012 hatte der Regierende Bürgermeister und Aufsichtsratvorsitzende des BER, Klaus Wowereit, noch die Verantwortung für das Flughafen-Desaster übernommen. Am 24.05.2013 wies er jedoch eine persönliche Verantwortung für die mehrfache Verschiebung des Eröffnungstermins im BER-Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses von sich. Doch nun, Mitte Dezember ist sein Comeback als Aufsichtsrat sicher.Weitere Bilder anzeigen
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13.12.2013 10:52Ende August 2012 hatte der Regierende Bürgermeister und Aufsichtsratvorsitzende des BER, Klaus Wowereit, noch die Verantwortung...

Als sehr stark! Sonst hätte Oneworld uns ja nicht eingeladen, Mitglied zu werden. Im Kerngebiet Europas werden wir ein führender Partner sein. Umgekehrt macht das Bündnis auch für uns viel Sinn, zum Beispiel in Nordamerika. Dort haben wir nur wenige Überschneidungen mit dem Mitglied American Airlines. Wir fliegen künftig mit New York, Miami und Los Angeles aber gerade deren Knotenpunkte an.

Werden Oneworld-Mitglieder Ihre Drehkreuze verstärkt anfliegen – auch Berlin?

Darüber sprechen wir mit den Partnern. Die Qantas hat schon erkennen lassen, dass sie Drehkreuzfunktionen an anderen Orten infrage stellt und Berlin eine Rolle spielen könnte.

Ryanair-Chef O’Leary sagte unserer Zeitung, er halte Berlins neuen Flughafen BBI für, so wörtlich, eine Schwachsinnsidee.

Klar sagt er das, weil Ryanair und auch Easyjet in den vergangenen Jahren subventioniert worden sind mit Gebühren, die wir bezahlt haben. Beide haben Verträge mit maßgeschneiderten Begünstigungen bei den Berliner Flughäfen. Die werden mit der Eröffnung des BBI endlich wegfallen. Wir können Herrn O’Leary doch nicht ewig subventionieren.

Inwieweit ist es ein Problem für Sie, dass sich der ursprünglich geplante Eröffnungstermin nicht halten lässt?

Wir haben uns mit der Verspätung bis 2012 abgefunden und vertrauen nun ganz drauf, dass es dabei bleibt. Eine weitere Verzögerung wäre nicht hinnehmbar. Schließlich wollen wir in die Zukunft investieren und unseren Passagieren größtmöglichen Komfort bieten. Tegel ist, jedenfalls als Umsteigeflughafen, alles andere als optimal ausgelegt.

Das sagen Kritiker auch von den Flugrouten. Was halten sie von der Debatte?

Da könnten Sie mich auch fragen, was ich von der Stuttgart-21-Debatte halte. Das ist nämlich fast das Gleiche. Bei beiden Projekten ist vor vielen Jahren ein demokratischer Prozess in Gang gesetzt worden, der ein Ergebnis produziert hat. Im Falle von BBI kam dabei heraus, dass Flugverkehr stattfinden darf. Das kann man jetzt nicht einfach infrage stellen. Wie die Routen genau verlaufen, ist Sache der Deutschen Flugsicherung. Es wurde sicher nicht immer gut kommuniziert, aber der Prozess hat jetzt an Sachlichkeit gewonnen.

Letztlich geht es darum, ob zwei Bahnen gleichzeitig benutzt werden müssen.

Ohne Parallelbetrieb braucht man den Flughafen gar nicht in Betrieb zu nehmen. Das ist eine Grundvoraussetzung – allein schon mit dem Verkehrsvolumen, das zum Zeitpunkt der Eröffnung zu erwarten ist, und der Drehkreuzfunktion des Flughafens. Und der Verkehr soll ja wachsen.

Was wird aus Ihrer Zentrale hier in Tegel?

Ein Umzug würde mehrere Millionen Euro kosten. Die Mitarbeiter und Partner haben sich auch daran gewöhnt, dass wir hier am Saatwinkler Damm sind. Also haben wir uns entscheiden: Wir bleiben hier.

Aber der neue Flughafen ist doch ganz am anderen Ende der Stadt.

Die Einzigen, die künftig eine Viertelstunde früher aus dem Büro müssen, sind die Mitglieder des Managements, die viel fliegen. Und die halten das aus.

Einer Ihrer Ausflüge hat uns in diesem Jahr überrascht: Air Berlin hat auf der Musikmesse Popkomm ein Tochterunternehmen vorgestellt. Wie entwickelt es sich?

Hintergrund war, dass 80 Prozent unserer Flugzeuge Video und Musik an Bord haben. Das ist eine sehr starke Werbeplattform, für die ich derzeit Lizenzgebühren zahlen muss, die ich lieber in Erträge ummünzen würde. Ich könnte mir vorstellen, dass wir künftig über diese Plattform auch Konzert- oder Musicalkarten an Bord verkaufen. Im kommenden Jahr rechnen wir immerhin schon mit einer Million Euro Umsatz.

Das Interview führten Moritz Döbler und Kevin P. Hoffmann

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