Joachim Möller : "Arbeitslosigkeit ist teurer als Kurzarbeit"

Der Leiter des Forschungsinstituts IAB, Joachim Möller, über Konjunkturpakete und steigende Arbeitslosenzahlen

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Joachim Möller steht seit Oktober 2007 an der Spitze des BA-eigenen Forschungsinstituts. Foto: ddp

Herr Möller, die Regierung wirbt derzeit massiv für Kurzarbeit. Seit Oktober sind schon Anträge für 1,5 Millionen Beschäftigte bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) gestellt worden. Wird das so weitergehen?



Der richtige Boom der Kurzarbeit wird wohl erst noch kommen. Je bekannter das Instrument wird, desto mehr werden es in Anspruch nehmen. Wie viele es am Ende genau sein werden, können wir heute noch nicht abschätzen.

BA-Chef Frank-Jürgen Weise hat bereits gesagt, dass die Agenturen bei der Flut von Anträgen kaum noch mit der Prüfung hinterherkommen. Das öffnet dem Missbrauch doch Tür und Tor.

Es mag durchaus Fälle geben, wo das Kurzarbeitergeld missbräuchlich in Anspruch genommen wird. Es gibt aber keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass so etwas massenhaft passiert. Es ist ja auch so, dass Kurzarbeit teilweise noch ein Negativimage hat. Manch ein Unternehmer nimmt das Instrument daher nicht in Anspruch, weil er glaubt, dass es ein Indiz für wirtschaftliche Schwäche ist. Es gibt also auch Faktoren, die der Inanspruchnahme entgegenwirken. Aber sicher: Bei so einer großen Zahl von Anträgen kann man einen Missbrauch nicht vollkommen ausschließen.

Und die Arbeitsagentur nimmt das so hin?

Arbeitslosigkeit zu finanzieren wäre noch sehr viel teurer und zudem für die Betroffenen extrem belastend. In dieser Krisenzeit sollte man mit aller Macht versuchen, Arbeitslosigkeit zu verhindern. Denn die führt sonst zu noch mehr Verunsicherung und letztendlich zu einer Verschärfung der Krise. In der heutigen Situation wird man daher auch mit gewissen Mitnahmeeffekten leben müssen. Verglichen mit höherer Arbeitslosigkeit sind sie das kleinere Übel.

Wie lange wird Kurzarbeit noch wirken?

Kurzarbeit wird von kaum einem Unternehmen ganze 18 Monate lang genutzt. Nach sechs bis acht Monaten ist in der Regel Schluss. Das heißt, sollten die Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte Licht am Ende des Tunnels sehen, dann haben wir gute Chancen, dass wir mit der Kurzarbeit viele Entlassungen verhindern können. Sollte die Rezession aber bis ins nächste Jahr andauern – was derzeit niemand mit Sicherheit beantworten kann – ist das Instrument der Kurzarbeit ein stumpfes Schwert.

Während der Ölkrise Mitte der 70er Jahre stieg die Arbeitslosigkeit in Westdeutschland innerhalb von zwei Jahren auf das Vierfache, und damit so stark wie nie seit 1945. Die Regierung sagt, dass wir uns derzeit in der schlimmsten Krise der Nachkriegszeit befinden. Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt?

Bei dem Vergleich mit den 70er Jahren muss man beachten: Das Niveau der Arbeitslosigkeit war damals sehr viel niedriger. Die Arbeitslosigkeit hat sich zwar tatsächlich innerhalb von zwei Jahren von rund 250 000 auf gut eine Million vervierfacht. Das Bild sieht aber etwas anders aus, wenn man sich die absoluten Zahlen ansieht. Der damalige Anstieg von rund 800 000 liegt beispielsweise unter dem Rückgang der Arbeitslosigkeit in den vergangenen zwei Jahren. Wie unsere Einschätzung für das Jahr 2009 aussieht, werden wir gegen Ende der Woche sagen können.

Könnte es denn mehr als vier Millionen Arbeitslose noch in diesem Jahr geben?


Dass wir bei einer ungünstigen Entwicklung gegen Ende des Jahres die Vier-Millionen-Marke erreichen, ist nicht auszuschließen.

Die milliardenschweren Maßnahmen der Regierung – wie die Kurzarbeit oder der Rettungsschirm für Unternehmen – sollen so einen drastischen Anstieg doch gerade verhindern.

Sicher ist, dass das Konjunkturprogramm massiv dazu führt, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben. Eine genaue Zahl zu nennen ist nicht möglich. Grob geschätzt kann es sich aber um bis zu 250 000 Arbeitsplätze handeln.

Wenn die Arbeitslosigkeit also möglicherweise bis Ende 2009 um gut eine halbe Million auf vier Millionen steigt, wen trifft es nach den Zeitarbeitern als Nächstes?

Befristet Beschäftigte haben jetzt ein erhöhtes Risiko, ihren Job zu verlieren. Generell kann man auch sagen, dass Geringqualifizierte sehr konjunkturabhängig sind. Sie gehören zu den Verlierern des Abschwungs. Und dann haben wir natürlich Struktureffekte. Im exportorientierten verarbeitenden Gewerbe stehen mehr Jobs auf der Kippe als etwa im Dienstleistungsbereich.

Wo wird mehr entlassen – im Mittelstand oder bei Großunternehmen?


Wir haben im zurückliegenden Konjunkturzyklus beobachtet, dass kleine und mittlere Unternehmen im Abschwung stärker Beschäftigung abgebaut haben als große Unternehmen. Dafür bauen sie im Aufschwung wesentlich schneller wieder Beschäftigung auf. Aber: Die Unternehmen haben noch die Diskussion um den Fachkräftemangel aus dem Jahr 2008 vor Augen. Sie werden deshalb versuchen, ihre Leute in diesem Jahr zu halten.

Irgendwo müssen die Unternehmen ja Kürzungen vornehmen – vielleicht bei den Auszubildenden?


Aus früheren Krisen weiß man, dass beim Thema Ausbildung gespart wurde. Was dieses Jahr anbelangt, haben wir aber noch keine Hinweise dafür, dass es zu einem dramatischen Rückgang kommen wird.

Hätte die Arbeitslosigkeit in diesem Abschwung ein Gesicht. Wie sähe es also aus?

Das Gesicht wäre am ehesten das eines Mannes, der gering qualifiziert ist. Außerdem arbeitet er bei einem Zulieferer für den Fahrzeugbau.

Die Politik behauptet immer wieder, die Hartz-Reformen hätten den Arbeitsmarkt krisenfester gemacht. Woran kann man das denn jetzt erkennen?


Die Arbeitsmarktreformen haben die Strukturen am Arbeitsmarkt verändert. Das greift aber vor allem beim nächsten Aufschwung. Etwa beim Verhalten der Bewerber auf freie Stellen. Unternehmer haben uns berichtet, dass inzwischen auch weniger attraktive Stellen angenommen oder ungünstige Bedingungen in Kauf genommen werden. Die Reformen haben auch dazu geführt, dass der harte Kern der Arbeitslosigkeit – die sogenannte Sockelarbeitslosigkeit – zumindest an den Rändern geschmolzen ist. Viele Personen, die lange ohne Arbeit waren, haben inzwischen wieder eine Erwerbstätigkeit aufgenommen.

Die sie jetzt womöglich wieder verlieren. Das größte Problem bei der Sockelarbeitslosigkeit war ja immer, dass sie von Abschwung zu Abschwung größer wurde. Und das soll jetzt anders sein?


Zumindest halte ich die Gefahr, dass sie sich wieder verhärtet, für deutlich geringer als früher.

Das Gespräch führte Yasmin El-Sharif

DER DIREKTOR Joachim Möller leitet seit Oktober 2007 das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Der 56-Jährige studierte in Tübingen, Straßburg und Konstanz Philosophie, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre. 1990 habilitierte er sich an der Universität Konstanz. Seit 1991 lehrt er Ökonomie an der Uni Regensburg.

DAS INSTITUT Die Forschungseinrichtung IAB wurde 1967 als Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit gegründet und zählt heute rund 280 Mitarbeiter. Schwerpunkt ist die empirische Erforschung des Arbeitsmarkts.

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