Wirtschaft : Joachim von Harbou im Interview: "Dem Mittelstand fehlt es an Selbstbewusstsein"

Herr von Harbou[viele Mittelständler fü]

Herr von Harbou, viele Mittelständler fühlen sich von der Verschärfung der Kreditvorschriften, die in den so genannten Baseler Beschlüssen vorgeschlagen werden, bedroht. Sind die Ängste überzogen?

Ja, denn der Mittelstand ist besser als er sich selber manchmal sieht. Es mangelt ihm gelegentlich an Selbstbewusstsein. Schließlich werden die Kreditzinsen mit Hilfe des Ratings nur stärker am Risiko orientiert.

Das heißt?

Aus Sicht der Banken verschwindet damit der Missstand, dass gut beurteilte Unternehmen die Kosten von risikoträchtigen Unternehmen über den Weg von Einheitskonditionen mittragen, so wie das bisher vielfach noch geschieht. Per Saldo wird der Mittelstand von Basel II profitieren, auch wenn sich das gegenwärtig noch nicht genau in Zahlen fassen lässt.

Was wird sich an der Kreditvergabe denn ändern?

Die Kreditzinsen werden ausschließlich an der individuellen Risikosituation eines Unternehmens gemessen. Steigt das Risiko, muss die Bank den Kredit mit mehr Eigenkapital unterlegen, was im Endeffekt den Preis erhöht. Ich halte diesen Weg für richtig. Denn Gefahren sind für ein Unternehmen nicht gottgewollt, sondern können oft vom Management verhindert werden.

Werden die Unternehmen durch Basel II mit zusätzlichen Kosten belastet?

Wir bieten unseren Kunden ein von uns erstelltes Rating an, aus dem wir dann die Konditionen für die Kredite ableiten. Prinzipiell können die Unternehmen sich auch für ein externes Rating entscheiden, das aber sicherlich nur für den Fall von kapitalmarktnahen Finanzierungen sinnvoll ist. Der Preis hierfür würde zwischen 50 000 und 100 000 Mark liegen.

Was beeinflusst das Rating?

Unter anderem spielen die betriebswirtschaftlichen Kennziffern, die Position eines Unternehmens innerhalb eines Marktes, Managementqualitäten, aber auch die strategischen Planungen des Unternehmens eine Rolle. Ein wichtiger Punkt ist in diesem Zusammenhang auch die so genannte Nachfolgeregelung. Immerhin steht dieses Thema in den nächsten drei Jahren bei rund 300 000 Unternehmen an.

Wie viele Mittelständler sind von einem internen Rating betoffen?

Grundsätzlich wird das Thema Rating auf jeden Firmenkunden zukommen. Die Einzelheiten hierzu sind allerdings noch im Gespräch, insbesondere wird noch diskutiert, ob es für kleinere Kredite Befreiungsmöglichkeiten geben wird.

Die Mehrzahl der Mittelständler hat sich noch nicht mit dem Rating befasst. Gibt es hier noch viel zu tun?

Ja, die Hausaufgaben sind oft noch nicht gemacht. Viele Unternehmer verhalten sich zugeknöpft und tun sich schwer, ihre Zahlen auf den Tisch zu legen. Dafür gibt es keinen Grund. Wir werden mit den Unternehmen sprechen, wo wir Handlungsbedarf sehen, damit sie sich für 2004 wappnen können. Die meisten Unternehmen haben die Möglichkeit, durch eigenes Handeln ihr Rating und ihre Kreditkonditionen in den nächsten drei Jahren zu verbessern. Es wird allerdings auch Unternehmen geben, deren Handlungsmöglichkeiten gegen null gehen. Das wird aber die Ausnahme sein.

Wird die verschärfte Kreditvergabe die neuen Bundesländer besonders hart treffen?

Nein, denn im Osten, wo man sich schon seit vielen Jahren mit schwierigen Bedingungen auseinandersetzt, ist das Problembewusstsein viel größer als im Westen. Das wird besonders deutlich beim Stichwort Transparenz. Die Bereitschaft zu Offenheit ist in den neuen Bundesländern mitunter deutlich höher als in westlichen Ländern.

Dennoch bleibt die Kritik, dass Basel II gut für die starken Unternehmen und schlecht für die schwachen ist.

Schlecht bewertete Unternehmen bekommen die schlechteren Konditionen ja nicht deshalb, weil wir sie abstrafen wollen, sondern weil sie eine sehr viel höhere Ausfallwahrscheinlichkeit haben. Im Übrigen haben es die Unternehmen selbst in der Hand. Basel II ist in diesem Sinne gerade gut für die schwächeren Unternehmen. Denn sie werden nun wachgerüttelt, um sich mit ihren Defiziten auseinander zu setzen.

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