Jobcenter : Die Löhne Mannheims

Er leitet das erfolgreichste Jobcenter in Deutschland. Hermann Genz hat seine Behörde auf Tempo gebracht. Arbeitslose sollen gar nicht erst ankommen im Bedarfssystem – und plötzlich gibt es keine hoffnungslosen Fälle mehr.

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Erster Eindruck: Angebot! Hermann Genz im Foyer seines Mannheimer Jobcenters. Seine Ideen nahmen sich die Hartz-IV-Macher zum...Foto: Vario images

Sie steigt hinab in den Tag, Stufe für Stufe, hinter den Treppenhausfenstern wartet er schon, ein Februarfreitag, er hat die Farben Schwarz und Weiß. Sie tritt hinaus auf die Straße, es ist früh am Morgen, die Nacht über hat es geschneit. Eine kleine Frau auf frischem, sauberem Schnee, ein makellos weißer Teppich, ein Fest, ihn betreten zu können, bevor es die anderen tun. Monika Uyar geht zur Arbeit.

Garnisonstraße, Friedrich-Ebert- Straße, über die Straßenbahngleise, dann hat sie die Wahl, wie immer am Park entlangzugehen oder durch die einfamilienhausbestandene Straße, die parallel dazu verläuft und Carl-Benz-Straße heißt, benannt nach dem Mann, der hier in Mannheim einst das Auto erfand. Monika Uyar setzt kleine, energische Schritte in den Schnee. Jeder einzelne davon führt sie weg von dem, was der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland „anstrengungslosen Wohlstand“ genannt hat. Leute, die die Sache anders sehen, sagen „Repressalien“ dazu.

Denn Monika Uyar, 38 Jahre alt, war vor Kurzem noch Teil einer Bedarfsgemeinschaft im Sinne des Sozialgesetzbuchs, Zweites Buch, in Kraft gesetzt am 1. Januar 2005 im Rahmen des Vierten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, „Hartz IV“. Sie hatte mit dem Jobcenter zu tun. Mit der Mannheimer Behörde von Hermann Genz.

Über Genz wurde einmal geschrieben, dass er bekannt sei „für seinen rigiden Kurs gegen einkommensschwache Leistungsberechtigte“. Arbeitslosenvertreter, Gewerkschafter formulierten das so zu einer Zeit, als „Hartz IV“ schon absehbar war, aber noch nicht Gesetz. Die „Hartz IV“-Macher indes nahmen sich Genz’ Methoden zum Vorbild.

Und nun hat Hermann Genz’ Behörde Monika Uyar eine Arbeit verschafft. Genz leitet eines der erfolgreichsten und angesehensten Jobcenter des Landes. Aber woran messen sich Erfolg und Ansehen einer Behörde wie seiner? Ist entscheidend, welche Worte Außenminister oder Arbeitsloseninitiativen für das Leben der Menschen finden, mit denen sich Genz und seine Mitarbeiter befassen? In Mannheim arbeitet man daran, solche Leben gar nicht erst zuzulassen oder rasch zu ändern. Die Langzeitarbeitslosigkeit wurde hier halbiert. Der Teil der Jugendarbeitslosenquote, für den sie zuständig sind, liegt bei 0,4 Prozent. Im Bundesdurchschnitt ist sie laut einer Auskunft der Bundesregierung vom September 2009 mehr als zehnmal so hoch.

Nenad Markovic steigt hinauf in die Nacht. Ihre Farben sind Schwarz und Weiß, es schneit. Markovic wurde vor 21 Jahren in Mannheim geboren, seine Eltern sind aus Jugoslawien eingewandert. Gerade sind im Keller eines Industriebaus im Norden der Stadt zwei Stunden Probe zu Ende gegangen, Heavy-Metal-Musik, nein, „Melodical-Tech-Death- Metalcore, so würde ich das am besten beschreiben“, sagt Markovic. „Oder doch besser Custom Core, den Begriff wollen wir prägen.“ Custom soll so viel heißen wie handgemacht, Handwerk, und könnte man der Kreissäge eines Zimmermanns Noten beibringen, kämen deren Klänge der Musik im Probenkeller nahe. Es ist kurz nach 23 Uhr, zwei der vier jungen Männer werden gleich noch durch die Nacht ziehen, irgendwo Musik hören, quatschen. Zwei gehen nach Hause, sie müssen morgen früh ausgeschlafen sein. Die Arbeit. Einer davon ist Markovic, einer von denen, die nun nicht mehr in der Mannheimer Jugendarbeitslosenstatistik geführt werden.

Markovic und Uyar gehören zu Genz’ Vorzeigefällen. Ihre Geschichten hören sich an, als seien sie für ein Werbeprospekt des Jobcenters erfunden worden. Eine nahezu unausgebildete Frau, seit zwei Jahrzehnten meist nur sporadisch irgendwo angestellt, wenn überhaupt. Und ein junger Mann ohne Lust und Orientierung, der die Schule geschwänzt hat und rausgeflogen ist, der Hilfsangebote ausschlug und kurz davor war, sich einzurichten im Leben mit Hartz IV.

Am Tag zuvor, der Schnee hängt noch in den Wolken, steht Hermann Genz im Foyer seines Hauses. Er ist einer von zwei Chefs hier, er hat gute Laune. Hermann Genz hat in Mannheim einen Begriff erfunden. Er sagt, das, was sie hier praktizieren, sei eine „warme Übergabe“. Es wird nicht völlig klar, was er damit meint, aber er verwendet diese Worte oft, und manchmal packt er seine Gesprächspartner im gleichen Moment am Arm. Gesprächspartner haben sie hier viele, gerade erst waren Arbeitsmarktfachleute aus Südkorea hier, um sich die warme Übergabe erklären zu lassen, davor Experten aus Polen, Frankreich, Belgien und Spanien. Am häufigsten allerdings ist wahrscheinlich Mannheims Oberbürgermeister hier. Er will wissen, was vor sich geht.

Warme Übergabe bedeutet so viel wie: die Menschen sofort irgendwo zu packen kriegen, wenn sie hier auftauchen. Bei ihrem Tatendrang, ihrer Ehre, ihrer Hilflosigkeit, ihrem Alleinsein, bei was auch immer, Hauptsache, es ist etwas, das brennt in ihnen. Und sie dann weiterzugeben ans Arbeitsleben, so schnell wie möglich. Denn wer sich erst einmal in der Behördenobhut befindet, ist dabei, zu erkalten.

Draußen in den großen Schaufenstern des Jobcenters hängen die Stellenangebote des Tages. Es sind mit Gardinenklammern an gespannte Drähte geheftete Papierbögen. Wer ins Haus will, muss daran vorbei. „Erster Eindruck: Angebot!“, sagt Genz, und: „Aus Holland geklaut, die Idee. 80 Prozent von dem, was wir hier machen, ist aus Europa zusammengesammelt.“ Aus Großbritannien und Schweden hat er die Methoden, nach denen er seine Mitarbeiter, die Fallmanager, ausbilden lässt. Aus Holland stammt neben der Idee für die Papierbögen im Schaufenster die für die neun Mannheimer „Jobbörsen“, Arbeitsvermittlungslokale, die sich über die Stadt verteilen. Und aus Skandinavien und der Schweiz kommt das Menschenbild, das Genz „ganzheitlich“ nennt und unterstellt, dass nahezu jeder fähig ist, seine Lage selbst zu bessern, bevor der Staat das tut. Man müsse die Leute nur darauf aufmerksam machen, wie das gehen könnte, im Zweifel gemeinsam mit ihnen danach suchen.

Es ist eine Ansammlung von Kleinigkeiten, jede einzelne ist wenig originell und im Grunde in den Hartz-Gesetzen schon angelegt. Kapitel 1 des Sozialgesetzbuchs, Zweites Buch hat die Überschrift: „Fördern und Fordern“. In ihrer Summe jedoch sind die Kleinigkeiten offenbar wirksam. Je mehr davon ein Jobcenter zusammenträgt, je ernsthafter es an jeder einzelnen von ihnen arbeitet, desto besser. Manche machen es den Leuten leichter oder nehmen ihnen ein paar Dinge ganz ab, andere muten ihnen etwas zu.

Neben der Luftschleuse hinter der Eingangstür wartet der erste Arbeitsvermittler. Wer an einem der Papierbögen im Schaufenster interessiert ist, geht gleich in dessen Büro. „Kommt gar nicht erst ins Haus“, sagt Genz. Wer daran vorbeigeht und das Foyer erreicht, der sieht einen großen Mann auf sich zukommen, der fragt, was man hier wolle. Falls man es weiß, zeigt er einem dann rechts den Tisch mit den Computerterminals, hier kann man selbst nach Stellenangeboten suchen, oder weiter hinten die Fotoecke, hier kann man Bewerbungsbilder von sich machen lassen, sich schminken, eine Krawatte leihen. Ein paar Meter daneben sitzen fünf junge Frauen und tippen Lebensläufe und Anschreiben von Arbeitssuchenden ab. An einem Pfeiler in der Raummitte hängt ein Telefon, das Arbeitgebertelefon, „da machen wir den Leuten Mut, und sie rufen gleich von hier aus beim Arbeitgeber an“. Wenn der sie sofort zu sich einlädt, sie aber sagen, sie hätten kein Geld für einen Fahrschein, um dorthin zu kommen: „Geben wir ihnen eines der Fahrräder draußen vor der Tür.“

Aber so einfach ist es oft nicht. Bei Uyar zum Beispiel. „Ich will so nicht weitermachen“, sagt Uyar, das sei es gewesen, was sie vor einem halben Jahr gedacht hat. „Ich komm’ so nicht weiter.“ Sie konnte es nicht genauer formulieren, „ein kleiner Fisch“ ohne Hauptschulabschluss, so spricht sie von sich, aber die Jobcenter-Fallmanagerin, die sie damals seit zwei Jahren kannte, bemerkte etwas an diesen Sätzen. Etwas Neues, ein Restglimmen, den wirklichen Wunsch, aufzuhören mit dem Hin und Her aus Ein-Euro-Jobs, Zeitarbeit, Putzengehen, aussichtslosen Bewerbungen und immer wieder Lethargie. Sie griff zu. „Sie wollen also nicht für immer so leben, Frau Uyar?“ Sie malte ein Zukunftsbild aus Worten in die Luft, tat ihr ein wenig weh, indem sie die enge 47-Quadratmeter- Wohnung erwähnte, in der Uyar mit ihrem Mann und ihrem vierten, jüngsten Kind lebt. Aber sie sprach eben auch von der Möglichkeit, dass sich das ändern könnte. Wie wär’s mit einem Wagnis, wie wär’s mit einer Ausbildung?

Uyar machte eine sechswöchige Schulung, sie ist nun Alltagsbetreuerin in der Altenpflege, seit dem Jahresanfang hat sie eine Halbtagsstelle im Pflegeheim „Maria Frieden“. Sie macht dort Gymnastik mit den Alten, Gedächtnistraining, singt ihnen vor, fährt sie durch den Park. Etliche von ihnen sind dement, „ich heiße jeden Tag anders“, sagt Uyar, die Alten wissen nicht, wer sie ist. Sie selbst weiß jetzt vielleicht, wer sie ist. „Sie sah glücklich aus, als ich sie nach der Schulung zum ersten Mal wiedergesehen habe“, sagt die Fallmanagerin. Und glücklich sieht Monika Uyar auch an diesem Morgen aus.

Bei Markovic war es ähnlich, nur ging alles viel schneller. Der entscheidende Moment bei ihm war gekommen, als das Jobcenter ihm das Geld strich und zu einem Berufsvorbereitungsverein schickte, mit dem es zusammenarbeitet. Auch hier wird viel nach der Wärme geforscht, und irgendwann sprach Markovic mit seinem Betreuer über Custom Core im Probenkeller. Es war ein sehr ernstes Gespräch, Markovic hatte viel darüber zu erzählen, was es mit „I Survived The Dog Attack“ auf sich hat. Dass der Name seiner Band auf einen Vorfall in Markovics Elternhaus zurückgehe. Dass der Zwergpudel der Familie einmal den jungen Mann angefallen habe, der das Schlagzeug spielt. Der Betreuer schickte Markovic über die Straße ins gegenüberliegende Musikhaus Weng, er solle dort nach einem Praktikum fragen.

Heute macht er bei Weng eine Lehre als Einzelhandelskaufmann, verbringt den Tag zwischen Instrumenten und Noten, sein Chef ist zufrieden, und wenn das Geschäft abends um halb sieben schließt, ist Markovic überrascht, dass es schon so weit ist. Er sagt, das ist sein Traumberuf, er weiß, dass er Glück gehabt hat, dass es ohne die Kontakte vom Jobcenter und vom Berufsvorbereitungsverein nicht geklappt hätte.

Auf dem Weg zur Bandprobe ging er am Rathaus vorbei, im Zimmer des Oberbürgermeisters brannte Licht. Der Mann, der wissen will, was vor sich geht. Er heißt Peter Kurz, und er mischt sich ein, wenn Unheil droht. Zuletzt im Januar, als er mit der Autorität, die der Bürgermeister einer 320 000-Einwohner-Stadt haben kann, vor allem eines zu tun schien: warnen, bei jeder Gelegenheit, vor der Zerschlagung der 346 deutschen Jobcenter, die wie das Mannheimer nicht verfassungsgemäß organisiert waren. Das ist in der Zwischenzeit abgewendet worden.

Kurz hat an diesem Tag unter anderem den Prinzessinnenempfang hinter sich gebracht, die Mannheimer Variante der Weiberfastnacht. Kurz ließ sich die Krawatte abschneiden und hielt eine Rede, sie fiel ihm ein bisschen schwer. Er sprach von den Leuten, die im Rathaus sitzen, dass das doch die größten Narren seien, die jedoch keine Kappen trügen und dass das Dialektik sei. Das war sein bester Witz. Aber man erzählt sich von ihm, dass er jeden arbeitslosen Jugendlichen, für den Genz’ Behörde noch keinen Job gefunden hat, persönlich kenne. Es sind 70.

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