Wirtschaft : Jochen Müller

(Geb. 1944)||Er war Lukas und der Rest der Welt – alles Jim Knöpfe.

Anne Jelena Schulte

Er war Lukas und der Rest der Welt – alles Jim Knöpfe. Allen elterlichen Mahnungen zum Trotz spielte Jochen am liebsten rund um den nahe gelegenen Bahnhof. Die Eisenbahn verströmte Kraft und blieb doch immer berechenbar. Sicher und zuverlässig inmitten ruinierter Häuser und Biografien.

Jochen Müllers Vater war bei der Gestapo gewesen und hatte nach der „Entnazifizierung“ Berufsverbot. Sein Gehalt als Bergarbeiter in den Gruben von Wanne-Eickel und später als Mitarbeiter des BND reichte nicht aus, um auch Jochen, den dritten Sohn, studieren zu lassen.

Während sein älterer Bruder das Gewissen und die Erinnerungen des Vaters auf dunkle Stellen abzuklopfen begann, arbeitete Jochen als Schlosser in einer Mercedes-Werkstatt. Fremde Autos reparierte er gerne, doch fremde Gefühle, die tastete er lieber nicht an.

Er strebte vorwärts, einem soliden und sicheren Leben entgegen. Die Frau, die ihm für dieses Leben zur Seite stehen sollte, hatte er bereits im Alter von zehn Jahren ausfindig gemacht. Er war mit seiner Mutter auf Berlin-Besuch, als man ihm Gabriele vorstellte. Die war Berlinerin, Berlin hatte die U-Bahn und also entstammte Gabriele in gerader Linie dem Himmelreich. Selbstständiges U-Bahnfahren war beiden Kindern untersagt, doch Gabriele hatte in Jochen den Heldenmut geweckt. In einem unbeaufsichtigten Augenblick nahm er das Mädchen an die Hand, sie rannten zum U-Bahnhof Nollendorfplatz, von wo aus sie kreuz und quer durch Berlin fuhren.

In den darauf folgenden Jahren gab es weder in Jochens noch in Gabrieles Leben ein Abenteuer, das dieses übertreffen konnte. Als sie sich wieder trafen, war Jochen zu einem jungen, kräftigen Mann und Gabriele zu einer jungen, wasserstoffblonden Dame gereift. Eines Morgens brachte Jochen die Fülle seiner Empfindungen für die schienentaugliche Berlinerin in zwei Sätzen zum Ausdruck: „Zieh Dir was Schönes an. Wir kaufen Ringe.“

Drei Söhne wurden geboren. Wieder und wieder las Jochen ihnen „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ vor. Er konnte gar nicht genug kriegen von dieser Geschichte. Denn so war es doch: Er war Lukas, und der Rest der Welt bestand aus Jim Knöpfen, die er aufs sichere Gleis führen musste.

Er war fassungslos, als sein Sohn eines Tages im Radio ein Lied von den Ärzten aufdrehte, in denen das bürgerliche Leben an sich und Mercedes-Fahrer im Besonderen verhöhnt werden. „Die wissen doch gar nicht wovon sie singen! Die müssen keine drei Söhne durchfüttern! Keine Ahnung vom Leben haben die und nennen sich Ärzte!“

Ein Maschinenbaustudium hatte er an seine Schlosserlehre angefügt und sich stetig hochgearbeitet, bis Mercedes ihn nach Berlin berufen hatte. Service-Leiter aller Mercedes-Benz, Daimler-Chrysler und Smart-Filialen Berlins durfte er sich nennen. Berlin! Noch als älterer Herr blieb er an U-Bahnhöfen stehen, inhalierte tief die Luft und seufzte vor Wohlbehagen.

Solange er die Zügel führte, brauchte sich niemand Sorgen zu machen, seine Familie nicht und auch die Filialen nicht. Erfüllte er nicht alles, das man von einem Vater und Chef verlangen konnte?

„Jetzt passen wir aber auf, dass der Müller pünktlich Feierabend macht“, beschlossen die Filialleiter, als die Lungenkrebs-Erkrankung bekannt wurde. „Hab ich mir was zuschulden kommen lassen?“, fragte Jochen Müller fast wütend, als der Betrieb ihm eine Frührente anbot. Sollte er jetzt sein Führerhäuschen verlassen und sich in den Schlafwagen begeben? Niemals. Sieben Jahre lang hat Jochen Müller genauso weitergemacht wie zuvor. „Mensch, muss der gelitten haben“, sagte der Arzt, der die Sterbebescheinigung ausstellte, beim Durchblättern der Krankenakten.

Jochen Müller war nach einem langen Arbeitstag ins Bett gefallen, so wie immer. Und dieser Morgen, an dem der Arzt gerufen wurde, war der erste in seinem Leben, an dem er verschlief.

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