Joe Kaeser zieht Bilanz bei Siemens : Eine Nummer kleiner

Siemens hat ein Wachstumsproblem, bilanziert Joe Kaeser sein erstes vollständiges Jahr als Vorstandsvorsitzender. Probleme gibt es auch wieder im wichtigen Energiegeschäft. Die Nachfrage nach großen Gasturbinen sinkt. Das stellt das Unternehmen vor neue Herausforderungen – auch in Berlin.

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Siemens-Chef Joe Kaeser (Mitte) hat Lisa Davis in den Vorstand der Siemens AG geholt. Sie verantwortet die Energiesparte. Ralf Thomas (links) ist für die Finanzen zuständig.
Siemens-Chef Joe Kaeser (Mitte) hat Lisa Davis in den Vorstand der Siemens AG geholt. Sie verantwortet die Energiesparte. Ralf...Foto: dpa

Im Mai war es wieder so weit: Da verließ eine riesige Gasturbine das Siemens-Werk an der Huttenstraße in Moabit. Die Straßen waren gesperrt, der Transporter bewegte sich im Schritttempo, denn so eine Gasturbine vom Typ SGT5-8000H ist 13,20 Meter lang, fünf Meter hoch, 5,50 Meter breit und wiegt 444 Tonnen. Es ist die größte Gasturbine der Welt – und da liegt das Problem: „Die Nachfrage nach großen Gasturbinen geht stark zurück“, sagt Lisa Davis. „Alle Hersteller müssen mit erheblichen Überkapazitäten in der Fertigung zurechtkommen.“ Seit 98 Tagen ist die US-Managerin Davis für das Energie-Geschäft von Siemens verantwortlich. „Wir haben einiges an Arbeit vor uns“, sagt sie.

Eine Gasturbine walzt durch Berlin
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1 von 56Foto: Thilo Rückeis
20.05.2014 19:52

Am Donnerstag präsentierte Siemens-Chef Joe Kaeser gemeinsam mit Davis und Finanzchef Ralf Thomas die Bilanz des Unternehmens für das Geschäftsjahr 2013/14, das am 30. September endete. Es war Kaesers erstes vollständiges Geschäftsjahr im Amt, er hat das Unternehmen tiefgreifend umgebaut. Seit 1. Oktober arbeitet das Unternehmen nun in der neuen Struktur. Von Aufbruchstimmung war in der Mosaikhalle in der alten Siemens-Hauptverwaltung in Berlin aber wenig zu spüren.

Der Umsatz geht leicht zurück

Im abgelaufenen Geschäftsjahr verdiente das Unternehmen bei einem leicht auf knapp 72 Milliarden Euro gesunkenen Umsatz 5,5 Milliarden Euro. Das ist rund ein Viertel mehr als noch im Jahr zuvor. Erreicht wurde dies vor allem durch Verkäufe und Einsparungen. „Hat Siemens ein Wachstumsproblem?“, fragt Kaeser selbst. „Offensichtlich schon, wenn man zwei Jahre hintereinander nicht wächst“, sagte er. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet er – ohne Berücksichtigung von Zu- und Verkäufen – einen stagnierenden Umsatz. Erst ab 2016 könne mit Besserung gerechnet werden.

Die Energiesparte steht für den größten Umsatzanteil. Im vierten Quartal sank der Umsatz im Vergleich zur Vorjahresperiode um vier Prozent auf 7,1 Milliarden Euro, das Ergebnis schrumpfte gar um 28 Prozent auf 403 Millionen Euro. Ein Problem gab es einmal mehr im Geschäft mit der Windenergie. Zwar legte die Nachfrage nach Windrädern zuletzt stark zu. Aber die hohen Stückzahlen drückten auf die Qualität. Kaputte Rotorblätter und zu früher Verschleiß bei anderen Bauteilen kosteten im vierten Geschäftsquartal 223 Millionen Euro und rissen die Sparte in die roten Zahlen.

Kapazitätsanpassungen auch in Berlin

Um die Energiesparte wieder zum Erfolg zu führen, will Davis mehr Geld in Forschung und Entwicklung investieren, die Produktionsprozesse verbessern und schneller auf Kundenwünsche reagieren. „Die Nachfrage nach kleinen Gasturbinen steigt in fast allen Regionen der Welt“, sagte sie am Donnerstag. „Die dezentrale Stromerzeugung ist kontinuierlich auf dem Vormarsch.“ Hier hat sich Siemens bereits durch Zukäufe verstärkt.

Und was passiert mit dem Turbinenwerk in Berlin? Kapazitätsanpassungen hat sie hier bereits im Oktober angekündigt. Nach Informationen des Tagesspiegels geht es um den Abbau von 150 Arbeitsplätzen. Offiziell heißt es, es sei noch nichts beschlossen, die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern liefen noch. „Wir sehen auch die Herausforderungen“, sagte der Berliner IG-Metall-Chef Klaus Abel dem Tagesspiegel. „Aber das muss nicht zwangsläufig den Abbau von Arbeitsplätzen bedeuten. Wir sehen sinnvollere Alternativen, auf die veränderten Marktbedingungen zu reagieren.“ Abel denkt etwa an flexiblere Arbeitszeiten und an eine Stärkung des Vertriebs. Im Ernstfall sei man aber „aktionsbereit“, sagte der Gewerkschafter.

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