Wirtschaft : Jörg Haas

Geb. 1937

Thomas Loy

Reichelt-Plakate waren genug. Ein künstlerisches Über-Ego hatte er nicht. Mir doch egal, Sackpfeifen, eloquenter Braungebrannter, Bornholm, Mallorca, Timo, meine „Geliebte“, Pellworm, Reichelt, Tesa, TippEx, in die Mulle, Lux, Tagesspiegel, Zwetschen oder Zwetschgen – Mensch, schreib’ einfach Pflaumen, Scantext, Pinsel und, und, und...

Diese Textschnipsel haben seine Kollegen in die Todesanzeige gesetzt. Das ist der Jörg-Haas- Code, den nur Insider knacken können. Die Sackpfeifen und der eloquente Braungebrannte... also, jetzt kann man’s ja sagen: Das waren seine Chefs bei Reichelt, der Supermarktkette, für die er 40 Jahre und mehr die Plakatwerbung gemacht hat. Reichelt und Haas sind zusammen groß geworden. Reichelt ist dann in die Krise geschlittert, worüber sich Jörg Haas maßlos ärgerte, so maßlos, wie es seine stoische Grundhaltung zuließ.

Bornholm und Mallorca waren seine Urlaubsorte, Timo war ein Freund, Viola seine „Geliebte“, Tesa und TippEx brauchte er für die Druckvorlagen, Lux war seine Zigarettenmarke, Tagesspiegel seine Zeitung, die Mulle sein Bett, in das sie ihn schickten, wenn er mal wieder nicht zum Arzt gehen wollte. Der Rest erschließt sich von selbst oder bleibt geheim.

’N echter Typ war det. ’N Hush-Puppie. ’N Teddybär. Alfasud-Fahrer. Irre belesen.

Seine Kollegen halten große Stücke auf Jörg Haas. Der war wer in der Berliner Einzelhandels-Szene und wäre noch mehr geworden. Wollte er aber nicht. Hatte nur ein Sakko für Termine beim Vorstand. Ansonsten trug er seine hellbraune Lederjacke. „Mensch, Jörg, besorg dir mal „ne neue Jacke. Deine ist schon ganz zerschlissen.“ – „Findste?“ Dann passierte lange gar nichts, bis Jörg dann mit der gleichen Jacke in Neu ankam. Drunter trug er immer einen schwarzen Rolli, aus dem morgens der Kragenzettel heraushing. Zehn nach sechs war Jörg Haas immer im Büro, löste das BZ-Kreuzworträtsel, trank Kaffee, hatte seine Ruhe, bis um sieben die anderen kamen.

Sag mal Mädel, wo bleibt mein Obst?

Ein typischer Haas-Satz. Hörte man immer freitagmorgens, zehn nach zehn. Dann mussten die Plakate für die Obstangebote der nächsten Woche in die Mache. Als Jörg Haas bei Reichelt anfing, malte er die Preise noch eigenhändig auf die Schaufensterscheiben. Dann boomte Reichelt, und seine Plakate hingen überall in der Stadt. Die Kollegen sagen, das habe sein grafisches Ego restlos befriedigt. Ein künstlerisches Über-Ego hatte er nicht.

Wenn die Arbeit vorbei war, am Wochenende oder im Urlaub, verlor sie sofort jede Bedeutung. Jörg Haas sprach nicht mehr von ihr. Er las Bücher, den „Spiegel“, hörte Nachrichten, absorbierte das Weltgeschehen. Wenn Freunde kamen, ließ er sie lange erzählen. Und wenn sie fertig waren, fragte er: „Und wie geht’s dir sonst?“ Oder er saß auf einem Stuhl und beobachtete, was in seinem Sichtfeld passierte. Auf Violas Terrasse konnte er so lange still sitzen, bis die Mäuse an seinen Schuhen knabberten. Auf Bornholm saß er am Hafen und schaute den Fischern zu. Er aß mit Freude und reichlich, aber er konnte das Essen auch unterlassen. Wenn er nachmittags Hunger bekam, wartete er auf seine Geliebte, die abends etwas kochen würde. Wenn sie später kam, wartete er etwas länger. Er war nicht direkt faul. Er mochte sich nur nicht bewegen.

Seine Ruhe war keine Gelassenheit. Er machte sich Sorgen, hatte große Angst zu verlieren – seine Geliebte, seinen Job, sein Leben. Seinen Vater hatte er durch den Krieg verloren. In der Schule verlor er sein Selbstvertrauen. Er brach ab, floh an die Ostsee, um Seemann zu werden, aber auf dem Schiff wurden Hänselei und Gängelei – dieser männliche Korpsgeist, den er so hasste – nur noch schlimmer. Er floh in die Kunst, studierte Grafik an der HdK, brach wieder ab, um nicht dem Leistungsdruck der Prüfungen ausgesetzt zu sein. Er heiratete, kaufte eine Eigentumswohnung, schloss unzählige Versicherungen ab, sparte. Es kamen gute Jahre. Jörg Haas chauffierte seine Gattin Grita ins Theater und nach Italien. Um alles andere brauchte er sich nicht zu kümmern. Dann kam dieser verfluchte Tag, an dem seine Frau den Telefonhörer fallen ließ und in sich zusammensank. Gehirnschlag.

Medizinischen Fragen geht Jörg Haas fortan aus dem Weg. Ärzte genießen sein volles Misstrauen. Er raucht zu viel, isst ungesund, vergisst den Hut, wenn die Sonne seine Stirn verbrennt. Krankheiten kann man aushalten, sagt er, Schmerzen tolerieren – so lange, bis sie wieder verschwinden. Als die Schmerzen nicht mehr auszuhalten sind, geht er mit Viola zu einer Ärztin. Sie entdeckt Gallensteine und eine schwere Leukämie. Bei der Operation finden sie noch Krebsgeschwüre im Darm, Metastasen in der Leber und eine Sepsis der Bauchhöhle. Das Herz erleidet einen Infarkt. Fünf schwere Krankheiten gleichzeitig, aber davon wird der Patient nichts mehr erfahren. Vielleicht wusste er schon alles.

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