Wirtschaft : Johanna Fischer

Geb. 1922

Thomas Loy

„Die kann ja gar kein Japanisch“, heißt es, was weder falsch ist noch richtig. Eine gewichtige Person war sie, eine stattliche Dame, deren räumliche Präsenz schon etwas Furchteinflößendes hatte. Vor der Fischer wurde man gewarnt. Sie galt als politisch rückständig und wissenschaftlich zweifelhaft. Bei der Fischer zu studieren, bedeutete, die eigene Reputation als progressiver, politisch aufgeklärter Mensch aufs Spiel zu setzen. Die Fischer war Mitglied der „NofU“, der „Notgemeinschaft für eine freie Universität“. Die NofU kämpfte gegen eine Übernahme der FU durch trotzkistische und maoistische Basisgruppen. Die Fischer paktierte mit dem Feind.

Wir befinden uns im Zeitalter der Berliner Studentenbewegung. Langhaarige Nonkonformisten treiben der Gesellschaft ihre bürgerlich-bigotte Moral aus. Johanna Fischer, damals wissenschaftliche Assistentin am Institut für Japanologie, ist eines ihrer ersten Opfer.

Der Chef des Instituts hatte seine Meriten vor allem unter den Nazis verdient und war durch antisemitische Äußerungen aufgefallen. Sein Institut wird im Mai 1968 besetzt; es ist die erste Institutsbesetzung. Daniel Cohn-Bendit kommt aus Frankreich, um sich das anzuschauen. Weil der Professor auf Reisen ist, wird die Assistentin zur Zielscheibe. Johanna Fischer flüchtet ins Sinologische Institut. Als auch das besetzt wird, trifft sie sich mit den Studenten in ihrer Wohnung, aber selbst dort gibt es bald keine Ruhe. Drohanrufe, kaputte Fensterscheiben, Studenten, die in den politikfernen Literaturkursen wissen wollen, wann der Zen- Buddhismus endlich seine Verstrickung in den Tenno-Faschismus aufarbeitet.

Johanna Fischer, die besonders die japanische Naturlyrik und Märchendichtung liebt, leidet still, lässt sich in ihrer Arbeit aber nicht beirren. „Die kann ja gar kein Japanisch“, heißt es, was weder falsch ist noch richtig. Das Übersetzen beherrscht sie vorzüglich, das Sprechen eher nicht. Da fehlt es ihr an Praxis. Im Krieg musste sie Kartoffelsäcke nach Hause schleppen, damit ihre Familie überleben konnte. Damals war an Japan-Reisen nicht zu denken. Und später ist immer jemand dabei, der Japanisch besser spricht als sie. Dem überlässt sie dann die meiste Konversation. Eitel ist sie nicht.

Anfang der siebziger Jahre wird Johanna Fischer Professorin auf einer schlecht bezahlten Stelle. Man sagt dazu „Instant-Professor“, weil die Kandidaten statt Habilitation nur fünf Jahre Lehrpraxis nachweisen müssen. Von der Fachwelt wird Johanna Fischer kaum wahrgenommen. Sie übersetzt Literatur, ringt um Worte, kann stundenlang über begriffsgeschichtliche Bedeutungsverschiebungen oder die feinen Nuancierungen japanischer Höflichkeitsformen nachdenken, das Theoretisieren in Fachorganen überlässt sie anderen.

In den achtziger Jahren erhält die Japanologie einen ungeahnten Aufschwung. Japans Wirtschaftswunder wird im Westen wahrgenommen, und viele wollen wissen, was im fernen Asien anders läuft als in Europa. Johanna Fischers Literaturseminare erhalten neuen Zulauf. Immer noch kursieren die alten Vorurteile, aber Frau Fischer behandelt ihre Studenten sehr pfleglich und steigt langsam zur Instanz auf, wenn es um Austauschprogramme und Literaturbeschaffung geht. Weil sie weder Hobbys noch Familie hat, investiert sie ihr ganzes Geld in Bücher, die sie auch an Studenten verleiht. Abends lädt sie zum Essen bei ihrem Lieblings-Italiener. Als Dame vom alten Schlag trinkt sie zum Rotwein gern auch einen Wodka.

Johanna Fischer lebt allein und braucht doch immer Menschen um sich . Nicht um sie zu belehren, sondern um sich Gewissheit über viele Fragen zu verschaffen. Mit ihr diskutiert man auf Augenhöhe. Wenn sie länger nichts von einem Studenten hört, ruft sie bei ihm an, auch am Sonntag. Es entsteht eine japanologische Gelehrtenfamilie um Johanna Fischer.

Ihr Leben nach der Pensionierung ist das gleiche wie ihr Leben davor. Als sie eines Tages verwirrt von einem Kongress zurückkehrt, organisieren ihre Studenten eine ambulante Pflege. Sie kann bei ihren Büchern bleiben und sich langsam aus der Welt verabschieden. Zuletzt bleibt ihr Herz stehen.

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