Wirtschaft : Johannes-Martin Lehning

Geb. 1935

Thomas Loy

Warum denn in die Abgründe schauen? Besser nach oben. Zu Gott. Stör ich gerade?

Ja.

Soll ich später nochmal anrufen?

Ja.

Vielleicht um drei?

Ich bitte darum.

Manche haben dann gar nicht mehr angerufen beim Herrn Kirchenmusikdirektor Lehning. Sein Ja konnte sehr brüsk und schneidend sein. Er sprach oft im Stakkatostil. Dabei mochte er die Menschen. Nur eben nicht alle. Und wenn er an der Orgel übte, kamen auch die ungelegen, die er liebte.

Hans-Martin Lehning arbeitete „bei Kirchens“, wie man in seinen Kreisen sagt. Er war Organist an der Gedächtniskirche. Ein begehrter Posten, weil man sich voll auf das Orgelspiel konzentrieren kann und nicht nebenher einen Chor leiten muss. Seiner Schuldigkeit gegenüber Gott und den Christenmenschen war sich Lehning aber vollkommen bewusst. Er übte jeden Tag. Um das ungestört tun zu können, ließ er sich in seiner Wohnung eine Orgel einbauen. 50000 Mark kostete das.

Lehning war ein kultureller Nimmersatt. Zu Ostern ging es in den Parsifal, Berliner Staatsoper. Im Sommer Bayreuther Festspiele, wenn es Karten gab. Zwischendurch Deutsche Oper, Schaubühne, auch gerne zu Castorf in die Volksbühne. Bis zu drei Mal die Woche in die Gemäldegalerie. Ins Konzerthaus, in die Philharmonie. Mindestens einmal im Jahr nach Italien, Augenwanderungen durch Florentiner Renaissance-Paläste. Mit dem Fahrrad in die fränkischen Kirchenprovinzen. Mit dem Auto durch die k.u.k.-Hinterlassenschaft. Das Universum der Künste konnte für ihn nicht groß genug sein. Begleitet wurde er fast immer von Hans-Reinhard, seinem Lebenspartner, auch Kirchenmusikdirektor. Auf der Musikschule hatten sie sich kennen gelernt.

Hans-Martin liebte die romanischen Sprachen. Und er pflegte seine Marotten. Eine davon war seine Abneigung, Englisch zu sprechen. Diese Sprache fand er unästhetisch. Außerdem sprechen die Amerikaner Englisch, und die mochte Hans-Martin schon gar nicht. Als er von einer USA-Reise zurückkehrte – dahin war er Hans-Reinhard zuliebe mitgefahren – gab er dies zu Protokoll: „Eine Mülltonne in Neapel ist immer noch besser als ein Fünf-Sterne-Hotel in New York.“

Englischsprechen im Ausland: Wenn es sich gar nicht vermeiden ließ, übernahm das Hans-Reinhard. Dafür musste er sich von Hans-Martin Vorhaltungen machen lassen: „Du bist ein Charakterschwein.“

Lehning pflegte eine gesunde Ignoranz gegenüber dem Mainstream. Gepaart mit stilvollem Auftreten und einer stattlichen Erscheinung entfaltete diese Haltung eine enorme Anziehungskraft.

Wie geht’s Ihnen denn heute?

Schlecht.

Auf diese Antwort waren Lehning-Kenner vorbereitet. Es war ratsam, die Wie- geht’s-Frage nur zu stellen, wenn man etwas Zeit hatte oder die Chuzpe, auf das „Schlecht“ mit einem „Na, dann ist ja gut“ zu antworten. Lehning erzählte Freunden gerne und ausführlich von seinen Beschwerden und den wohlwollend-hilflosen Versuchen diverser Ärzte, etwas dagegen zu unternehmen. Er war ein treuer Kunde der pharmazeutischen Industrie. Für jedes Organ hielt er einen Vorrat an Pillen bereit, die sich nicht immer miteinander vertrugen. Die wichtigsten Pillen lagerten in seinem Kopfkissen, in einer extra dafür angenähten Leiste. Die vielen Medikamente milderten seine stete Sorge, er könne ernstlich erkranken. Auch Alkohol und Zigaretten entfalteten zu später Stunde ihre wohltuende Wirkung.

Weil er von allein nicht schlafen konnte, nahm er starke Schlaftabletten, von denen er bald abhängig wurde. Er ging dann zum Psychologen, um mal nachzuforschen, woher diese Unruhe kommt. Die Gespräche mit dem Psychologen waren immer sehr anregend. Hans- Martin erzählte Hans-Reinhard von den vielen Fragen des Arztes und den Antworten, die er sich dazu ausdachte. Dann lachte er. Von Psychologie hielt er im Grunde gar nichts.

Woher diese Leichtfertigkeit kam? Hans-Reinhard weiß es nicht. Genauso wenig der Bruder. Auch die große Unruhe können sie sich nicht erklären. War es die Kriegszeit als Kind? Aber der Krieg war doch weit weg. Die Lehnings lebten in einem kleinen Dorf bei Wuppertal. Als Wuppertal brannte, soll Hans-Martin es von weitem gesehen haben. War er geschockt? Der Vater musste in den Krieg, aber immerhin kam er wieder.

Sechs Geschwister waren sie zu Hause. Da blieb nicht viel Freiraum für eigene Träume. Die Modelleisenbahn wurde unter den Jungen weitergereicht, aber Hans-Martin war kein Techniker. Sport konnten die anderen Brüder auch besser. Nur beim Klavierspiel war Hans-Martin überlegen. Also ließ er sich auf die Musik ein, half bald an der Schulorgel aus, entschied sich früh, Musik zu studieren. Kirchenmusik.

Dass er Männer liebte, behielt er für sich. Darüber sprach man nicht. Der Mensch ist nach Lehning nicht auf der Welt, um in sein Innerstes hinabzusteigen. Da lauern sowieso nur Abgründe, und dann geht es noch tiefer. Besser in die entgegengesetzte Richtung schauen. Zu Gott.

Was ist eigentlich der Sinn Ihrer Arbeit?

Die eigene Vervollkommnung.

In den letzten Jahren, Lehning war inzwischen im Ruhestand, erlahmte sein Drang nach Wissen und Kunst. Der Pharmacocktail hatte sein Gehirn geschwächt und die Persönlichkeit verändert.

Nicht mal die Aussicht auf Karten für Bayreuth konnte ihn ermuntern. Zuletzt hatten sie 1998 eine Zuteilung erhalten. Im letzten Sommer bestellte Hans-Reinhard wie immer die Karten fürs nächste Jahr. „Ich glaub, wir sind mal wieder dran.“ – „Ach, ich hab gar keine Lust. Fahr du doch hin.“ Hans-Reinhard war fassungslos. Bayreuth war doch immer das Größte gewesen.

Die Karten sind dann auch gekommen. Eine ist zu viel.

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