Wirtschaft : John Kenneth Galbraith ist tot

Linksliberaler US-Ökonom mit 97 Jahren gestorben

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New York - Der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith ist am Sonnabend im Alter von 97 Jahren in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts gestorben. Der Kapitalismuskritiker Galbraith war einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts und zugleich einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren.

Der gebürtige Kanadier war nicht nur ein anerkannter Volkswirt und Professor der Universität Harvard. Er diente auch mehreren US-Präsidenten als Berater, war Botschafter seines Landes in Indien und schrieb unzählige Artikel und zahlreiche Bücher. Sein bekanntestes Werk „The Affluent Society“ (Gesellschaft im Überfluss) gehört bis heute zu den Standardwerken amerikanischer Wirtschaftsliteratur. Galbraith beschreibt darin die negativen Folgen der amerikanischen Konsumgesellschaft für Gesellschaft und Umwelt. Der Ökonom leitet daraus die Forderung ab, dass nur staatliche Eingriffe die Marktkräfte bändigen können und die Wirtschaft in einem Gleichgewicht halten. „Das ist seine wichtigste Botschaft für unsere heutige Gesellschaft“, sagte Richard Parker, Verfasser der jüngsten Galbraith-Biografie.

Galbraith wurde 1908 auf einer Farm in Ontario als Sohn schottischer Einwanderer geboren. Er studierte Agrarökonomie in Toronto und Berkeley und wurde 1937 amerikanischer Staatsbürger. Geprägt wurde Galbraith während seines Studiums von den Werken zweier großer Ökonomen: dem Amerikaner Thorstein Veblen und dem Briten John Maynard Keynes. Von Veblen („Theorie der feinen Leute“) lernte er die große Bedeutung sozialer Institutionen für die wirtschaftliche Entwicklung. Von Keynes übernahm er die Überzeugung, dass der Staat in die Wirtschaft eingreifen müsse, um Krisen zu verhindern.

In den 40er Jahren überwachte Galbraith als Regierungsbeamter die Preis- und Lohnkontrollen der Roosevelt-Administration. „Am Ende war die Zahl meiner Feinde größer als die meiner Freunde“, sagte er später in Anspielung auf die Kritik von Seiten der Industrie. Präsident John F. Kennedy schickte ihn Anfang der 60er Jahre als Botschafter nach Indien. Galbraiths Berichte aus Asien waren so wortgewaltig, dass Kennedy die meisten persönlich las. Der Ökonom diente danach Präsidenten Lyndon B. Johnson als Berater, zerstritt sich jedoch mit ihm über den Vietnam-Krieg. Später holte sich Bill Clinton gelegentlich den Rat des großen Liberalen.

Was Galbraiths Ideen an mathematischer Eloquenz fehlte, glich er durch seine sprachliche Begabung aus. „The Affluent Society“ schaffte es auf Platz 46 der meistgelesenen Sachbücher des 20. Jahrhunderts. „Am Ende sind es die Liberalen, die die Konservativen retten“, sagte der Linksliberale in der Überzeugung, dass der Kapitalismus nicht ohne einen Sozialstaat überleben könne. Bis zum Ende blieb sein Motto: „Wenn du die Geplagten nicht trösten kannst, plage die Wohlhabenden.“ tor/HB

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