JP Morgan-Chef : "So ist das Leben"

Bei JP Morgan Chase hat ein Händler zwei Milliarden Dollar verspielt. Bankchef Jamie Dimon steht unter Druck.

Lars Halter
In Erklärungsnot. Der bis vor kurzem noch gefeierte JP-Morgan-Chef Dimon muss nun für den Fehler geradestehen. Foto: AFP
In Erklärungsnot. Der bis vor kurzem noch gefeierte JP-Morgan-Chef Dimon muss nun für den Fehler geradestehen. Foto: AFPFoto: AFP

Rücksichtslose Wetten mit hochriskanten Papieren haben die Wall Street vor vier Jahren in ihre schwerste Krise gestürzt und das Vertrauen der Anleger in die amerikanische Finanzindustrie erheblich erschüttert. Nur eine Bank galt als einigermaßen stabil: das Traditionshaus JP Morgan Chase. Jetzt hat man ausgerechnet hier zwei Milliarden Dollar verspielt, binnen sechs Wochen. Die Wall Street ist entsetzt, Bankchef Jamie Dimon ist angeschlagen.

An der Wall Street hatte man sich auf einen lauen Donnerstagabend eingestellt. Die Märkte hatten nach ein par schwachen Tagen im Plus geschlossen, und nach Handelsschluss erwartete man keine wichtigen Quartalszahlen. Lediglich die Bilanzkonferenzen einiger Einzelhändler waren angesetzt – der Wochenausklang sollte ruhig bleiben.

Dann liefen plötzlich die Ticker heiß. JP Morgan , mit Einlagen von mehr als zwei Billionen Dollar die größte amerikanische Bank, hatte überraschend eine Telefonkonferenz mit Analysten einberufen, und da platzte die Bombe: Bruno Iksil, ein Händler im Chief Investment Office, hatte zwei Milliarden Dollar verspielt, ausgerechnet mit den hochexplosiven Kredit-Derivativen, die vor vier Jahren einen guten Teil der US-Finanzbranche vernichteten.

Iksil, intern „Der Londoner Wal“ genannt, gehört zu einer Abteilung, die Investments von bis zu 350 Milliarden Dollar betreut und damit rund 15 Prozent des gesamten Bankvermögens verwaltet. Iksil alleine hatte zuletzt Derivative mit einem Nennwert von mehr als 100 Milliarden Dollar im Portfolio. Unklar ist, warum die interne Aufsicht das Risiko nicht früher erkannt hat: Der regelmäßig kontrollierte „Risiko-Wert“, der besagt, wie viel Geld die Bank mit ihren aktuellen Positionen an einem einzigen Tag verlieren könnte, verdoppelte sich in den vergangenen zwölf Monaten von 88 auf 170 Millionen Dollar – eigentlich hätten die Alarmglocken bei JP Morgan schon längst läuten müssen.

Bruno Iksil hatte während des ersten Quartals 2012 zunehmend auf riskante Derivative gesetzt, angeblich um das Unternehmen „gegen strukturelle Risiken“ abzusichern. Das „Wall Street Journal“ berichtete am 5. April über die Geschäfte. Fünf Tage später stieg die Bank aus der Position aus. Auf Fragen während der Bilanzkonferenz reagierte Bankchef Jamie Dimon locker, aber kurz angebunden: JP Morgan sei „sehr zufrieden“ mit seiner Aufstellung, die kritische Berichterstattung sei „ein Sturm im Wasserglas“.

Vier Wochen später hört sich das ganz anders an: Dimon entschuldigte sich am Donnerstagabend kleinlaut und nannte die Trades „fehlerhaft, zu komplex, schlecht ausgesucht, schlecht ausgeführt und schlecht überwacht“. Die Fehler im Zusammenhang mit dem riskanten Investment, so der oft gefeierte „König der Wall Street“, seien „ungeheuerlich und selbst verursacht. Wir geben das zu, reparieren den Schaden und ziehen weiter.“

So einfach dürfte das mit dem „weiterziehen“ nicht sein – zahlreiche Aktionäre stiegen am Freitag zumindest aus der Aktie von JP Morgan aus. Das Papier verlor zeitweise mehr als acht Prozent, auch andere amerikanische Finanzaktien stürzten am letzten Handelstag der Woche ab.

Viel schlimmer als das Minus eines Handelstages dürfte aber der Vertrauensverlust sein. Ausgerechnet JP Morgan hatte bislang als stabilste der amerikanischen Großbanken gegolten. Unter den Rettungsschirm der amerikanischen Regierung ging man im Oktober 2008 nur, weil Washington darauf bestanden hatte, alle Banken gleich zu behandeln. Die 25 Milliarden Dollar, die seinerzeit ausgeschüttet wurden, nutzte JP Morgan zur Stärkung der eigenen Kapitalbasis und für Akquisitionen. Die Bank gehörte zu den ersten, die das Geld vollständig an die Regierung zurückzahlten.

Spätestens seit der Krise galt Jamie Dimon, übrigens der Sohn griechisch-stämmiger Einwanderer, als einer der erfolgreichsten amerikanischen Manager. Immerhin hatte er seine Bank durch die Krise geführt, in der andere Traditionshäuser – etwa Bear Stearns und Lehman Brothers – untergingen und der Rest der Branche existenzbedrohende Verluste einfuhr. Vor diesem Hintergrund gab es auch um sein Gehalt kaum Diskussionen: Satte 23 Millionen Dollar sackte Dimon gerade für 2011 ein – mehr als jeder andere amerikanische Bankchef.

Jetzt bemüht sich Dimon, die Bank auf Kurs zu halten. Allzu große Sorgen müsse man sich nicht machen, sagte er Analysten am Donnerstagabend. Für das laufende Quartal sei man weiterhin profitabel, wenngleich der Gewinn von rund sechs auf weniger als vier Milliarden Dollar zusammenschmelzen könnte. Obwohl in den nächsten Wochen aufgrund der aktuellen Volatilität der Märkte noch eine weitere Milliarde wegbrechen könnte, stehe das Unternehmen stabil in der Spur.

Größere Sorgen macht sich die Branche um die langfristigen Folgen der Geschichte. Denn mit dem Milliardenfehler bei JP Morgan werden erneut die Rufe nach einer stärkeren Regulierung der Wall Street laut, die sich seit Jahren vehement – und mit milliardenschwerer Lobby-Arbeit im Kongress – gegen neue Regeln wehrt. So fordert etwa der ehemalige Notenbankchef Paul Volcker, ein enger Vertrauter von Präsident Barack Obama, dass Banken künftig nicht mehr mit eigenem Kapital an den Kreditmärkten spekulieren dürfen. Die „Volcker Rule“ wird seit Jahren diskutiert und ist bis heute nicht in Kraft getreten – nicht zuletzt wegen des Protests aus der Finanzbranche.

Das umstrittene Geschäft, das JP Morgan gerade zwei Milliarden Dollar gekostet hat, hätte ohnehin nicht gegen die „Volcker Rule“ verstoßen, sagte Jamie Dimon vorsorglich, „wohl aber gegen meine eigenen Prinzipien“. Seinen Kritikern wird das nicht reichen, und Dimon weiß das. Der aktuelle Verlust spiele „einigen Experten da draußen in die Hand. Damit müssen wir uns abfinden“, sagt er. „So ist das Leben.“

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