Juden-Vergleich : Ifo-Chef Sinn entschuldigt sich

Wirtschaftswissenschaftler nimmt Vergleich zwischen Juden und Managern zurück – findet aber Unterstützung für seine Kritik

Carsten Brönstrup

Berlin - Der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hat sich für den umstrittenen Vergleich der Kritik an Managern mit dem Antisemitismus der dreißiger Jahre entschuldigt. „Ich bedauere es sehr, dass sich die jüdische Gemeinschaft durch meine Äußerungen im Tagesspiegel verletzt fühlt“, schrieb Sinn am Montag an Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Zuvor hatte es massive Kritik an den Äußerungen des Ökonomen gegeben, auch die Bundesregierung hatte eine Klarstellung von ihm verlangt.

Sinn schrieb, er habe das Schicksal der Juden nach 1933 in keiner Weise mit der heutigen Situation der Manager vergleichen wollen. Dieser Zeitung hatte er gesagt: „In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken.“ Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 habe niemand an einen anonymen Systemfehler glauben wollen. „Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.“

Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte, die von Sinn gezogene Parallele sei „vor der deutschen Geschichte nicht zulässig und falsch“. Das Ifo-Institut finanziert sich zu 50 Prozent aus Zuschüssen des Bundes und Bayerns. Zuvor hatte der Zentralrat der Juden Sinns Aussage als „hanebüchen“ kritisiert. „Die Juden waren die Opfer, bei den Banken wird zu Recht nach Verantwortlichen gefragt – es ist unverantwortlich, da irgendeinen Vergleich zu ziehen“, sagte auch die Hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann.

In der Debatte um die Ursachen der Finanzkrise fand Sinn indes Unterstützung. „Es ist zu einseitig, die Schuld nur den Managern zuschieben zu wollen“, sagte Thomas Straubhaar, Chef des Instituts HWWI. Die Krise habe viele Ursachen – „die Häuslebauer in den USA, die Kredite zu waghalsigen Konditionen eingegangen sind, die Federal Reserve mit ihrer Politik des billigen Geldes, die Kleinanleger, die auch vom Boom profitieren wollten“. Hinzu kämen die Bank-Manager – aber auch hier habe es Aufsichtsräte gegeben, die nicht hingeschaut hätten, und Aktionäre, die eine hohe Rendite hätten sehen wollen. Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sagte, die Finanzkrise sei „systematisch bedingt“. Es habe nicht genügend Regeln gegeben, um Fehler und die Folgen menschlicher Schwächen wie Gier oder übertriebenen Ehrgeiz zu begrenzen.

Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, sagte: „Es gab ein großes Casino, wo alle mitgemacht haben.“ Die Bankvorstände hätten aber ein besonderes Maß an Verantwortung. „Es kann nicht sein, dass wir die zu Abhängigen und Opfern erklären.“ Rainer Brüderle, Vize-Fraktionschef der FDP, befand, „staatliches Versagen und verantwortungsloses Handeln einzelner Finanz-Hasardeure haben sich gegenseitig verstärkt“.

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