Wirtschaft : Jüdische Konten für deutsche Banken kein Thema

Aber mögliche Ansprüche werden geprüft / Andere Situation wie in der Schweiz

FRANKFURT (MAIN).Die Versuche der Schweizer Banken, den Skandal um die Rückgabe von Geldvermögen jüdischer Naziopfer zu bewältigen, bringt den deutschen Geldhäusern eine ähnliche Diskussion.Ohne Belege in der Hand zu haben, hat unlängst Michel Friedman, Mitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland, die Banken aufgefordert, ihre Vergangenheit mit Blick auf die Nazi-Zeit offenzulegen.Details nannte Friedmann nicht.Er hat offenbar keinen konkreten Anhaltspunkt dafür, daß deutsche Banken Konten jüdischer Naziopfer verheimlichen.Erste Überprüfungen durch den Bundesverband deutscher Banken (BdB) haben jedenfalls, so heißt es dort, keine Hinweise ergeben."Wir stellen uns der Geschichte und gehen berechtigten Forderungen nicht aus dem Weg", sagt der Sprecher einer Frankfurter Großbank. Zur Situation der Schweizer Banken gibt es wegen der historischen Situation und wegen der Währungskontinuität bei den Eidgenossen allerdings ganz entscheidende Unterschiede, die einen ähnlichen Skandal bei deutschen Banken unwahrscheinlich machen."Vermögenswerte jüdischer Bürger unterstanden in der Nazi-Zeit einer besonderen Repression bis hin zum Verfall", betont Oliver Wolfrum vom BdB.In der Regel wurden die Juden im Zuge der "Arisierung" enteignet, spätestens 1938 wurden ihre Vermögenswerte eingezogen.Sofern sie nicht vorher ins Ausland, etwa in die Schweiz transferiert wurden.Dazu kam in Deutschland die Währungsreform von 1948.Nach dem Krieg regelten zudem die Alliierten in Deutschland erste Rückerstattungen an betroffene jüdische Familien, in den fünfziger Jahren wurden entsprechend den Entschädigungsgesetzen des Bundestages weitere Zahlungen geleistet.Das verhindert freilich nicht, daß es immer noch Forderungen nach der Entschädigung von Zwangsarbeitern durch deutsche Firmen gibt. Beim Bankenverband will man ebenso wie bei den Frankfurter Großbanken aber nicht ausschließen, daß man noch auf "Einzelfälle" stößt, in denen ein Vermögensschaden nicht abgedeckt wurde.Bei der Deutschen und bei der Commerzbank heißt es, mit absoluter Gewißheit könne man nicht sagen, "daß da nichts mehr ist".Commerzbank-Pressesprecherin Gisela Hawickhorst verweist auf die Arisierung und die damalige Einziehung jüdischer Vermögen.Deshalb sei das, was bei den Schweizer Banken aufgedeckt wurde, "für uns nicht relevant".Sie rechnet nicht damit, daß auf nachrichtenlosen Konten noch größere Beträge auftauchen.Wenn sich jemand melde, gehe man der Sache aber nach, sagt Deutsche Bank-Sprecher Walter Schumacher.Die Dresdner Bank versucht die Inhaber nachrichtenloser Konten selbst ausfindig zu machen.Zudem hat die zweitgrößte deutsche Bank erst vor wenigen Tagen unabhängige Historiker beauftragt, die Geschichte des Geldhauses in der Nazizeit zu erforschen. Freilich könnte auch das Bundesausgleichsamt Ansprechpartner sein.1976 wurde die Währungsreform von 1948 und damit die Umstellung von Reichs- auf D-Mark endgültig abgeschlossen.Nachrichtenlose Reichsmark-Konten, bei denen sich bis 1976 niemand gemeldet hatte, mußten damals von den Banken an das Bundesausgleichsamt überstellt werden.Wenn überhaupt, dann könnte man bei den Banken heute nur noch auf nachrichtenlose D-Mark-Konten stoßen.Die allerdings konnten erst nach 1948 eingerichtet werden.Tatsache ist offenbar, daß es bislang immer nur dann Anfragen wegen nachrichtenloser Konten gab, wenn es sich um einen Erbfall handelte. Bis zur Wiedervereinigung war es für die Banken selbst schwierig, sich ein klares Bild zu machen.Erst da wurden die Archive etwa der Deutschen Bank in Potsdam zugänglich, die umfangreiches Material über die Nazi-Zeit enthielten.Auch wenn sie für die Banken zum Teil wenig schmeichelhaft sind, sind zumindest die Archive der Deutschen Bank heute für jeden zugänglich.Allerdings gibt es dort, wie die Historiker der Bank betonen, nur noch bruchstückhafte Kontenlisten aus der Vorkriegs- und Kriegszeit.Als die Deutsche Bank zu ihrem 125jährigen Bestehen 1995 ihre Vergangenheit durch mehrere unabhängige Wissenschaftler durchleuchten ließ, wurden zwar etliche fragwürdige Verhaltensweisen der Bank in der Nazizeit angesprochen.Daß sie sich Konten jüdischer Naziopfer angeeignet habe, wurde der Bank aber nicht vorgeworfen. Obwohl sie nicht damit rechnen, bleiben die deutschen Geldhäuser für eventuell auftauchende Forderungen offen.Auf die auch bei nachrichtenlosen Konten mögliche Verjährungsfrist von 30 Jahren pochen sie nicht."Wir kennen keine Verjährungsfrist", sagt Deutsche Bank-Sprecher Schumacher.Das Geld wird lediglich aus Kostengründen nach 20 oder 30 Jahren auf Sammelkonten gebucht.Wer heute noch berechtigte Forderungen anmeldet, wird an sein Geld kommen.Doch es sind nur wenige, die sich jedes Jahr melden, heißt es bei den Banken. Eine völlig andere Sache versucht das Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles aufzuklären.Dort hat man eine Liste mit 350 führenden Managern aus der Nazi-Zeit und mit führenden NS-Mitgliedern zusammengestellt.Sie sollen noch vor der Kapitulation am 8.Mai 1945 Vermögenswerte ins Ausland geschafft haben.Um diese Fälle aufzuklären, hat sich das Wiesenthal-Center an die Bundesregierung gewandt.Die hat ihre Unterstützung zugesagt und gleichzeitig die Verbände der deutschen Kreditwirtschaft um Hilfe gebeten.Dort sucht man jetzt nach Wegen, wie solche Transaktionen aufgedeckt werden können.ROLF OBERTREIS

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