Jürgen Hambrecht : „Wir dürfen uns nicht von Ängsten leiten lassen“

Der Vorstandschef des weltgrößten Chemiekonzerns BASF Jürgen Hambrecht spricht über Konjunktur, Energie, Klimaschutz – und die SPD.

Jürgen Hambrecht
BASF-Vorstandschef Jürgen HambrechtFoto: picture-alliance

Herr Hambrecht, Kurt Beck ist weg, Steinmeier und Müntefering sollen es nun richten. Ist der Führungswechsel bei der SPD gut oder schlecht für Deutschland?

Er ist gut, weil ich glaube, dass er zu mehr Stabilität in dieser Partei führt. Und alles, was zu mehr Stabilität führt, ist vorhersehbarer und besser steuerbar. Und alles, was besser steuerbar ist, ist gut für die Zukunft. Aber für Kurt Beck ist es bitter.

Sind die Wiederwahlchancen von Bundeskanzlerin Merkel dadurch besser oder schlechter geworden?

Wir sind ein Jahr vor der Wahl. Für Spekulationen ist es viel zu früh, auch deshalb, weil viele Fragen noch offen sind.

Eine der wichtigsten ist, wie es weitergeht mit der Wirtschaft. Die Chemiebranche gilt als Frühindikator. Sehen Sie Anzeichen für eine Rezession?

Das Wachstum wird geringer, auch im nächsten Jahr. Wir sind in Europa nicht immun gegen die Probleme in anderen Regionen. Wir sitzen doch nicht im Auge des Taifuns und können so tun, als ob der Sturm um uns herum uns nicht trifft. Es gilt deshalb klaren Kopf zu bewahren. Außerdem ist noch Wachstum da. Wir sind nicht in der Rezession. Die Finanzkrise ist zwar nicht überwunden, aber wir dürfen uns nicht von Ängsten leiten lassen.

Was bedeutet das für Ihr Geschäft?

Nächstes Jahr wird ein schwierigeres Jahr.

Gilt das auch für China? Es gab Befürchtungen, dass es eine Wachstumsdelle gibt, weil während der Olympischen Spiele Anlagen abgeschaltet werden mussten.

Während der Spiele sind Betriebe ausgeschaltet worden, um Smog zu vermeiden, das stimmt. Aber der Großraum Peking macht gerade einmal vier Prozent vom Bruttoinlandsprodukt Chinas aus, das fällt insgesamt nicht ins Gewicht. Generell läuft China nach wie vor auf einem hohen Wachstumsniveau. Ich kann keine Anzeichen für einen signifikanten Abschwung erkennen.

Die Rohstoffpreise dürften bei Ihrer Kalkulation eine große Rolle spielen. Sind die wahnsinnigen Preisausschläge bei Öl und Gas ein Problem?

Viele physische Produkte sind inzwischen Finanzprodukte geworden. Der Spekulationsanteil wächst bei steigender Konjunktur. Und wenn es mit der Konjunktur nach unten geht, wie im Moment, wird dagegen spekuliert. Die Preisentwicklung ist deshalb immer überhöht. Und das ist für die, die diese Rohstoffe physisch verwenden, ein Problem.

Ein Fass Rohöl hat im Juli noch 147 Dollar gekostet, zuletzt lag der Preis um die 100 Dollar. Wird er weiter fallen?

Ich habe schon drei Monate früher erwartet, dass es wieder nach unten geht. Die Fundamentaldaten haben eindeutig gezeigt, dass die Ölpreise stark übertrieben waren. Der Preis wird weiter sinken. Öl wird allerdings nie wieder so billig, wie es einmal war.

Mehr als 170 Gasversorger in Deutschland haben Anfang September ihren Kunden zweistellige Preiserhöhungen aufgebrummt. Sie sind auch Gashändler. Kommt da noch eine weitere Welle oder wird auch Gas wieder billiger?

Die Preise werden zweistellig steigen. Das liegt daran, dass der Verkaufspreis an den Ölpreis gekoppelt ist, mit einem Abstand von sechs Monaten. Rohöl war im Juli am teuersten. Das spiegeln die aktuellen Preiserhöhungen noch gar nicht wider. Wir werden das erst im ersten oder zweiten Quartal nächsten Jahres sehen.

Wie lange halten die fossilen Rohstoffe noch?

Bis über 2030 hinaus haben wir ausreichend Öl, Gas und vor allem Kohle. Übrigens auch Uran, für die Atomkraftwerke. Dazu kommt erneuerbare Energie wie Wind, Biomasse und Solarenergie. Wind ist an vielen Stellen sinnvoll, Biomasse auch als dezentrale Energieerzeugung. Solarenergie ist in Deutschland dagegen nur wettbewerbsfähig, weil diese hoch subventioniert wird.

Wäre es sinnvoll, die Laufzeiten für Kernkraftwerke in Deutschland zu verlängern?

Wir brauchen einen intelligenten Energiemix, der alle Arten der Energieerzeugung einschließt. Deutschland verfügt über moderne und sehr sichere Kernkraftwerke. Deshalb ist eine Laufzeitverlängerung sinnvoll.

Der Branchenverband VCI bezeichnet den Emissionshandel als „das mit Abstand größte Problem für die Zukunft der Chemieindustrie“. Das übliche Säbelrasseln vor schmerzhaften Entscheidungen?

Die EU hat sich klare Ziele gegeben: Bis 2020 sollen die CO2-Emissionen um acht Prozent reduziert werden. Ab 2013 sollen alle Unternehmen für CO2-Zertifikate zahlen, die bisher kostenlos verteilt worden sind. Für energieintensive Unternehmen bedeutet das nichts anderes als eine neue Steuer mit katastrophalen Folgen.

Die Branche schätzt die Zusatzkosten ab 2013 auf eine Milliarde Euro pro Jahr. Wie viel entfiele auf die BASF?

Ein Mehrfaches von Reach...

...das ist der neue Chemikalien-TÜV der EU.

Reach kostet unser Unternehmen rund 50 Millionen Euro pro Jahr. Sollte die EU ihre Pläne zum Emissionshandel umsetzen, würde das zu einer Deindustrialisierung vor allem in Deutschland beitragen.

Haben Sie Hoffnung, dass die EU ihre Pläne noch ändert?

Ich hoffe sehr, dass die Vernunft noch einkehrt. Eine Verlagerung der Produktion aus Europa und Deutschland heraus führt jedoch nicht zu einer sauberen Atmosphäre.

Was meinen Sie mit Verlagerung? Dass die BASF ihre riesigen Anlagen abschraubt und in China wieder aufbaut, wo es keinen Emissionshandel gibt? Das ist nicht Ihr Ernst.

Nehmen wir Ammoniak. Für die Produktion braucht man sehr viel Energie. Heute kostet die Tonne etwa 300 Euro. Die Brüsseler Pläne würden Ammoniak um mindestens zehn Prozent teurer machen. Damit wäre die Produktion in Europa global nicht mehr wettbewerbsfähig. Das hätte zum Beispiel Auswirkungen auf die Möbelindustrie. Viele Harze und Leime werden aus Ammoniak hergestellt. Spanplattenhersteller würden ihre Produktion dorthin verlagern, wo die Bedingungen besser sind. Europa müsste dann diese Produkte importieren.

Frieren Sie Investitionen ein, solange die EU-Entscheidung aussteht?

Wenn wir heute entscheiden würden, eine Ammoniak-Anlage zu bauen, könnte die frühestens in vier bis fünf Jahren produzieren. Darum brauche ich jetzt Investitionssicherheit und Vorhersagbarkeit. Darum ist es nötig, sehr schnell zu einer Entscheidung zu kommen und möglichst viele Unternehmen vom kostenpflichtigen Emissionshandel zu befreien.

Merkels-Klimaberater Schellnhuber sieht die Klimaziele in Gefahr, wenn zu viele Ausnahmen zugelassen werden. Hat er recht?

Herr Schellnhuber hat im Gegensatz zu mir keine Verantwortung für ein Unternehmen und dessen Mitarbeiter und kann deshalb leichter solche Vorstellungen äußern. Diese sind in der Konsequenz bezüglich ihrer Nachhaltigkeit sprich Sozialverträglichkeit nicht zu Ende gedacht.

Was schlagen Sie als Alternative zum europäischen Emissionshandel vor?

Am besten wäre, wenn wir eine globale Vereinbarung hätten und sich jedes Land zur Senkung der Emissionen verpflichtet. Neue Regeln allein in Europa einzuführen, macht uns weniger wettbewerbsfähig. Klimaschutz ist eine global zu lösende Aufgabe.

Kann es sein, dass es die BASF in der Form gar nicht mehr gibt, wenn die Regeln zum Emissionshandel in Kraft treten? Der Streubesitzanteil liegt bei 94 Prozent. Gerade gab es wieder Übernahmespekulationen.

Ich bin mit der aktuellen Höhe unseres Aktienkurses sicher nicht zufrieden, aber Sorgen vor einer Übernahme mache ich mir nicht.

Ihr Vertrag als BASF-Chef läuft bis 2011. Gibt es schon einen Nachfolger oder müssen Sie verlängern?

Da müssen Sie den Aufsichtsrat fragen. Nur so viel: BASF ist in der glücklichen Lage, fast alles aus eigener Kraft machen zu können. Das gilt auch für die Nachfolgersuche.

Das Interview führte Maren Peters.

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