Wirtschaft : „Jürgen Klinsmann ist ein Streber“

Der Berliner Musikproduzent Jack White über die Wiederbelebung einer Fußball-Hymne, den deutschen Schlager und Stress an der Börse

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Herr White, werden wir Weltmeister?

Na ja, unsere Mannschaft fängt meistens schwach an und steigert sich dann. Das kann auch 2006 klappen, wenn wir die eigenen Fans im Rücken haben. Aber ich muss ehrlich sagen: Ich mag den Klinsmann nicht. Ich hätte lieber Hitzfeld oder Rehhagel als Trainer gehabt. Klinsmann ist ein Streber. Ihm geht es nur ums Geld.

Schreiben Sie wie 1974 wieder einen Song für die Nationalmannschaft?

Die Mannschaft wird nicht singen. Das hat Klinsmann so entschieden. Ich als Fußballer finde das völlig daneben, weil es an den Fans vorbeigeht. Es wird natürlich einen offiziellen Fifa-Song geben, wahrscheinlich aus Schweden. Und der DFB wird auch irgendeinen Song haben. Ich garantiere, dass es ein teuer eingekauftes englisches Lied wird. Und das bei einer deutschen Weltmeisterschaft!

Also zur WM nichts aus Ihrer Feder?

Doch. Es wird ein Album mit Stadionhits geben. Darauf habe ich mein 74er WM-Lied „Fußball ist unser Leben“ neu bearbeitet. Schauen Sie – ich bekomme gerade eine Gänsehaut …

Also funktioniert der Remix von „Fußball ist unser Leben“?

Ich habe die Aufnahmen von damals mit ein paar zusätzlichen Instrumenten und Schlagzeug moderner gemacht. Den Schlachtruf „Haho, hejahejahe“ habe ich herausgenommen. Als Kick für das Album gibt es ein Musikvideo mit der singenden 74er Weltmeister-Elf, also den Beckenbauers und Breitners im Look der 70er.

Die waren große Fußball-Jahre und Ihre besten als Schlagerproduzent. Ist beides Geschichte?

Überhaupt nicht. Wenn man ein tolles Lied hat, hat der Schlager immer eine Chance. Aber die Zeiten haben sich natürlich geändert. Das Radio spielt kaum noch deutsche Schlager, und im Fernsehen fehlt ein Format wie die Hitparade. Dafür gibt es reichlich Volksmusik. Aber es gibt kein einziges Format, wo junge Schlagersänger ans Publikum herangeführt werden können.

Profitieren Sie nicht vom Erfolg deutscher Interpreten, über den sich die Musikkonzerne freuen?

Das spielt sich in einer anderen Abteilung ab. Deutscher Rock und Pop wird auf Musiksendern wie MTV oder Viva gespielt. Der klassische deutsche Schlager hat heute keine Chance. Wir probieren es immer wieder, aber die großen Umsätze sind mit Schlagern nicht mehr zu machen. Deshalb engagieren wir uns ja auch in anderen Musikstilen.

Sie schreiben keine Hits mehr.

Das können Sie so nicht sagen. Ich habe gerade im vergangenen Jahr mit „Hände zum Himmel, Hände zur Hölle“ wieder einen Evergreen für Hansi Hinterseer geschrieben. Vorgestern habe ich an einem Nachmittag das neue Hinterseer-Album geschrieben. Ich hatte einfach einen Lauf. In vier Stunden fertig mit der ganzen LP – das lernt man an keiner Universität.

Hinterseer verkauft sich von selbst. Reicht das, um das Unternehmen Jack White insgesamt auf den Beinen zu halten?

Dem Hansi haben wir Anfang dieses Jahres eine Sonder-Platin-Platte verliehen – für 3,3 Millionen verkaufte Alben in elf Jahren. Auf so eine Zahl kann man setzen. Wir wissen, dass wir von jedem Hinterseer-Album mindestens 150 000 verkaufen. Hansi hat seine Hardcore-Fans.

Daniel Küblböck auch?

Unser Highlight ist Küblböck nicht, ich gebe zu, dass ich Bedenken hatte, ob er zu uns passt. Immerhin haben wir keinen Verlust mit ihm gemacht. Aber lassen Sie uns über den Welthit reden, den wir über unsere puerto-ricanische Company mit „Gasolina“ von Daddy Yankee hatten. Oder über den Sommerhit unserer HipHop-Gruppe „Die Firma“. Den habe ich zwar nicht geschrieben, aber wir haben die Single 200 000-mal verkauft. Man muss auch eine gute Nase für einen Song haben, den man nicht selbst geschrieben hat. Jack White ist keine One-Man-Show mehr. Bei uns ist viel passiert seit dem Börsengang vor sechs Jahren.

Nach einem schnellen Hoch ging es mit der Aktie bergab. Heute hat sie sich wieder erholt. Haben Sie den Börsengang bereut ?

Nein, das nicht. Aber die Börse hat schon dazu geführt, dass ich weniger zum Schreiben komme und der Druck gestiegen ist, mit dem Unternehmen zu wachsen. Anfangs ist es ja auch schief gegangen, weil ich mich zu sehr unter Druck habe setzen lassen. Ich wusste 30 Jahre nicht, was Verluste sind. 2000 habe ich es gelernt.

Warum sind Sie überhaupt an die Börse gegangen?

Weil es 1998 schick war und die Leute einen verrückt gemacht haben. Es gab eine Menge Überredungskünstler. Dabei war mir lange gar nicht klar, was Börse bedeutet. Dann waren wir plötzlich notiert, hatten 30 Millionen D-Mark auf dem Konto, und es hieß nur noch: Jetzt musst du Gas geben. Ich habe mich in den ersten zwei Jahren mehr als einmal gefragt, warum ich mir das angetan habe.

Und heute?

Heute freue ich mich sogar auf die Hauptversammlungen. Das war am Anfang anders. Ich musste alles neu lernen – etwa wie wichtig es ist, Prognosen einzuhalten. Die Leute wollten immer Zahlen haben. Aber wie sagt man Hits voraus? Wir verkaufen ja keine Autos oder Mikrochips.

Inzwischen machen Sie Schlager, Volksmusik, HipHop, Reggaeton ... Können Sie noch sagen, was die Marke Jack White charakterisiert?

Uns interessiert alles, womit wir Geld verdienen können. Das gelingt uns mit dem neuen Vertriebsvertrag mit dem Musikkonzern Sony-BMG. Ich finde es schade, wenn ich nur mit Schlager identifiziert werde. Vergessen Sie bitte nicht, wir hatten zwei Nummer-eins-Hits in den USA. Herrn Bohlen kennt in Amerika kein Mensch. Aber man weiß in der amerikanischen Musikindustrie, dass dieser „german guy“ Jack White viele Hits in den Charts hatte. Die Hauptsache ist, dass die Musik gut ist.

Marilyn Manson klingt gut?

Ins Studio würde ich mit Manson nicht gehen. Das ist mir einfach zu laut. Aber ich kann heraushören, was gut ist. Ich mag nur keinen Krach.

Was ist mit Reggaeton, der Mischung aus HipHop, Rap und Reggae?

Wir sind nach Puerto Rico gegangen, um in die Latinowelt einzusteigen. Dort ist die Brutstätte aller Latino-Stars. Jennifer Lopez, Ricky Martin, Marc Antony – alle haben ihre Wurzeln in Puerto Rico. Das Schöne für uns: Die Latino-Gemeinde ist sehr treu. 2003 bekamen unsere ersten Reggaeton-Künstler Grammys, vergangenes Jahr waren wir in den Latino-Charts. Heute reißen sich Stars wie Jennifer Lopez um unsere Künstler für Duette.

Und Sie verdienen gut?

Unser puerto-ricanisches Label hat 2002 zwei Millionen Dollar Umsatz gemacht, im vergangenen Jahr waren es 7,5 Millionen, und in diesem Jahr erwarten wir knapp 30 Millionen Dollar Umsatz. Richtig spannend wird es, wenn Universal Music – das sich an unserem Label zu 50 Prozent beteiligt hat – seine schwarzen Rapper mit unseren zusammenbringt. Wir sind mit Reggaeton im weltweiten Vertrieb von Universal. Der Markt schreit nach Reggaeton.

Auch der deutsche Markt?

„Gasolina“ war in diesem Sommer in den Top Ten. Nun können Sie sagen, das war ein One-Hit-Wunder. Ich kann das nicht ausschließen. Aber es gibt viele, die sagen, Reggaeton ist die neue Musikrichtung, die wie früher Disco, Rap oder HipHop einen Siegeszug vor sich hat.

Haben Sie keine Probleme mit Schwarzbrennerei und Internet-Piraterie?

Die schlimmen Jahre der Musikindustrie sind vorbei. Die aktuellen Verkaufszahlen in den USA und Europa zeigen, dass sich die Branche erholt. Wir waren von den Problemen aber kaum betroffen. Der Fan von Hansi Hinterseer, Roland Kaiser oder Ireen Sheer lädt sich keine Musik illegal aus dem Internet herunter.

Bei Reggaeton dürfte das anders sein.

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass der Verkauf unserer Tonträger von Quartal zu Quartal rasant steigt. Auch der Gesetzgeber hat geholfen, die ersten Piraten sind in den Knast gegangen, der Kopierschutz funktioniert.

Ihr Unternehmen wird in diesem Jahr glänzend verdienen. Warum wollen Sie dennoch erst für 2006 eine Dividende zahlen?

Weil wir es vorher nicht dürfen. Wir haben seit dem Börsengang in der AG noch Verlustvorträge in der Bilanz. Aktuell rund 600 000 Euro, die wir aber bis Jahresende abgebaut haben. Liquidität hätten wir genug für eine Dividendenausschüttung. Aber ich sage ganz klar: Für das Jahr 2006 bekommen unsere Aktionäre eine Dividende. Wir sind im Moment das profitabelste börsennotierte Medienunternehmen der Welt mit einer Gewinnmarge von mehr als 30 Prozent.

Stimmt es, dass Sie allein von den Lizenzgebühren von „Schöne Maid, hast du heut für mich Zeit“ gut leben könnten?

Nein. Aber Jack White privat könnte von „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ leben. Das ist mein größter Evergreen.

Sie erwägen derzeit den Umzug nach Berlin. Wann ist es so weit?

Unser Kind wird nächstes Jahr eingeschult, und meine Frau und ich sind uns noch nicht sicher, ob es in Kitzbühel – unserem Hauptwohnsitz – oder in Berlin in die Schule gehen soll.

Das Gespräch führten Alfons Frese und Henrik Mortsiefer.

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