Wirtschaft : Jürgen Mrosek

(Geb. 1938)||Er verlor nie viel Zeit, er machte immer gleich mit.

Kirsten Wenzel

Er verlor nie viel Zeit, er machte immer gleich mit. Um seinen Job beneideten ihn viele. Museumspädagoge mit eigenem Büro im Pergamonmuseum, Panoramablick auf den prächtigen Vorplatz. Er konnte alles machen: Dokumentarfilme, Broschüren, Führungstexte, und, nicht zu vergessen, die damals so beliebten Diashows. Er arbeitete an der Idee der langen Museumsnacht, beriet das Fachpersonal, wie man eine Ausstellung inszenieren könnte. Mal ging es um Rembrandt, mal um den Islam, die Entstehung eines Bronzegusses oder gleich die ganze Antike. Er wurde gefragt: Machst du mit, interessiert dich das? Und er arbeitete sich ein, begeisterte sich – und musste als Didaktiker nie zum detailversessenen Experten werden. Dafür waren schließlich die Wissenschaftler da.

Wer ihn auf den langen Gängen des Pergamonmuseums traf oder mit wehenden Rockschößen auf dem Fahrrad ins Lankwitzer Musikerviertel sausen sah, der schaute in das sonnengebräunte, schnauzbärtig-freundliche Gesicht eines zufriedenen Mannes. Einer, der sich nie hatte verbiegen oder verkaufen müssen. Auch für die Stelle im museumspädagogischen Dienst nicht. Er war gefragt worden – und das ganz ohne Doktor, Geschichtsstudium, Latinum oder Graecum. Er war ausgebildeter Fluglotse.

In den Jahren ums Kriegsende musste der Junge den abwesenden Vater im Haus vertreten, seiner kleinen Schwester Vater und Lehrer, seiner Mutter geduldiger Gesprächspartner sein. Als der Vater aus der Gefangenschaft zurückkehrte, war er ein Fremder, und das Verhältnis blieb reserviert. Jürgen Mrosek machte sich noch in der Nacht nach seinem Abitur auf, weil er nicht abwarten konnte, was die Zukunft ihm bringen würde.

Schon in der Kneipe in Neukölln traf er einen Piloten und entschied: Das kann ich auch. Am nächsten Morgen reiste er nach England, als Lehrling einer Transportgesellschaft, die jedoch ein halbes Jahr später bankrott ging. Er kehrte zurück nach Deutschland, unverdrossen, wurde Fluglotse in München und Hannover, und wenige Jahre später, begabt wie er war, jüngster Towercontroller der Bundesrepublik.

Doch das Flugfeld genügte ihm nicht. 1964 begann er ein Lehramtsstudium, Englisch. Am schwarzen Brett lernte er seine Frau kennen. Sein Studienabschluss fiel in die Neuererjahre der Pädagogik, ihn zog es an die neuen Gesamtschulen. In Arbeitsgruppen arbeitete er wöchentlich neue Konzepte aus. Er hatte ein gewinnendes Wesen, einen wachen Geist und ein heftig schlagendes Herz für die Sache. Er verlor nie viel Zeit, er machte immer gleich mit.

Natürlich vergaß einer wie er über den Beruf niemals das Leben. Er spielte gern schon vor der Arbeit eine Partie Tennis im Club, fuhr Ski, kochte gemeinsam mit Frau und Kindern am Wochenende, traf sich mit Freunden zur Vorbereitung des jährlichen Marathons im Grunewald. Er brachte sogar seine zerstreute Familie wieder zusammen und mit viel gutem Zureden dazu, als eigenes Team beim Berlin-Marathon anzutreten.

Als selbst ihn einmal die Midlife-Crisis packte, weil plötzlich eine Art Grenze in seinem bisher so grenzenlosen Leben spürbar wurde, tat er etwas sehr Weises: Er kaufte sich ein teures Motorrad, machte ein paar längere Touren durch die Sahara und nach Russland – und blieb ansonsten einfach bei seiner Familie. Die Zeit, ein ganzes Haus zu renovieren, hatte er trotz aller Aktivitäten immer noch. Wie man Fliesen legt, Wände kachelt oder ein Treppenhaus abschleift, steht ja in Büchern. Man muss es nur nachlesen, sich einarbeiten, sich begeistern – und dann los!

Als er im Sterben lag, plante er einen Kamin für das Wohnzimmer und erledigte mit dem Laptop im Bett die Steuererklärung. Kurz vor seinem Tod saß er in seinem blauen Sessel, und seine Freunde kamen, um sich zu verabschieden. Zum Schluss sagte er: „Es war ein schönes Leben, ich möchte nicht sterben. Aber ich habe auch keine Angst davor.“

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