Wirtschaft : Jürgen Müller

Geb. 1941

Anne Jelena Schulte

Wer ihn ins Wanken brachte, hatte für immer verspielt Aus der Uniformmütze lugte ein schwarzes Zöpfchen. Er hatte dunkle Augenbrauen, eine sportliche Figur und klare grüne Augen. Er sah gut aus.

In seinen Schubladen lagen viele Fotos von vielen Frauen. „Ach, und grüß mal den Jürgen!“, riefen die Kolleginnen Carla hinterher.

Kennen gelernt hat Carla ihn in der Ewigen Lampe, einer Jazz-Kneipe. Die Hot Onions spielten. Natürlich war er es, der sie angesprochen hat. Mit seinem klaren Blick hat er sie angelacht und ein Glas Wein vor sie hingestellt: „Rotwein in der Lampenschale gibt gedämpftes Licht im Saale.“ Carla hat zurückgelacht.

Wie sich bald herausstellte, war ihr Geschmack durchaus verschieden. Carla mochte Free Jazz, Jürgen Dixieland und New Orleans. Auch vor Marschmusik schreckte er nicht zurück. Mit seinen Kollegen stand er jedes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt in Spandau und blies in die Tuba. Er mochte Eisenbahnen und Räuchermännchen, er ging gerade auf die Leute zu und behielt die Fäden gerne in der Hand. Jürgen war eben ein richtiger Mann. Das war es, was die Frauen an ihm liebten und bekämpften.

Carla war Jürgens dritte Frau. Mit der ersten hatte er an Palmenstränden gelegen. Mit der zweiten fuhr er Ski. Mit Carla kaufte er ein altes Gehöft bei Treuenbrietzen. Mit Carla wollte er alt werden.

Er hat sich frühzeitig pensionieren lassen. Das wäre früher undenkbar gewesen. Die Zollschule West-Berlin, wo Jürgen Müller lehrte, war ihm wie eine Familie gewesen. Schüler und Kollegen mochten seinen Humor und seine natürliche Autorität. In der Zollkapelle spielte er Tuba und im betriebseigenen Sportverein Tennis. Flanierte er im Urlaub einen Grenzfluss entlang, dann sprach er die Kollegen an und ließ sich mit auf eine Kontrollfahrt nehmen. Jürgen Müller, Zollamtsrat aus Berufung.

Nach der Wiedervereinigung wurde die Zollschule aufgelöst. Nun musste Jürgen Müller entscheiden, ob er nach Brandenburg oder nach Nordrhein-Westfalen versetzt werden wollte. Er war Berliner und Westdeutschland von jeher Ausland. Also: Brandenburg. Dass er mit seinen neuen Kollegen Probleme kriegen könnte, hatte der Herzensgewinner nie in Erwägung gezogen. Was das konkret für Probleme waren, wollte er Carla nicht erzählen.

Angst und Traurigkeit, das sind so wabernde Zustände, man kann sie nicht greifen und ihnen weder mit Vorschriften noch mit Werkzeugen beikommen. Wenn man ihnen Raum gibt, dann wachsen sie wie Flaschengeister. So sah das Jürgen. Er wurde stiller und kränkelte. Sein Whisky-Glas stand öfter auf dem Tisch als früher, und am Wochenende las er Bücher, die von einsamen Westernhelden handelten.

Er wurde geliebt und liebte sich selbst für seine Stärke. Menschen, die ihn ins Wanken brachten, hatten für immer verspielt: Die Frauen von früher, enttäuschende Freunde. In keinem Gespräch, in keiner Telefonliste tauchten sie je wieder auf.

Viel lieber als die Bindungen zu Einzelnen waren ihm die großen Gesellschaften. Hier darf man unverbindlich sein, man redet nicht von Sorgen und keiner weint, wenn man geht.

Das Dorf bei Treuenbrietzen, wo er mit Carla seinen Alterswohnsitz ausbaute, wurde ein schöner Ersatz für die verlorene Zollfamilie. In der kleinen Kirchenkapelle war noch Platz für seine Tuba. Den Jugendlichen bot er Zigaretten an und half ihnen beim Motorräderreparieren. Er kannte sich aus mit den wahren Klippen des Lebens: Kolbenfresser, Polizei.

Tee, Tränen und Tätscheleien: Krankheiten waren ihm ein Graus. Erst als ein Nachbar sich laut über Tuba-Müllers blaue Beine wunderte und Carla ihm mit Kofferpacken drohte, zog er missmutig zum Arzt. Krebs. Auf die telefonische Nachfrage eines ahnungslosen Bekannten antwortete Jürgen, es ginge ihm gut. Lediglich ein bisschen Schnupfen. Da konnte er schon nicht mehr laufen.

„Ich glaube, jetzt haben wir uns aneinander gewöhnt“, sagte er drei Tage vor dem Tod zu Carla. Die Liebeserklärung eines Cowboys.

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