JUGEND OHNE ARBEIT Trotz des Aufschwungs gibt es noch immer nicht genug Lehrstellen : Die große Leere

Das Ausbildungsjahr hat gerade begonnen. Doch es fehlen mehr als hunderttausend Ausbildungsplätze.

Yasmin El-Sharif

Ein bisschen wie bei einer Lotterie ging es in den vergangenen Jahren auf dem Ausbildungsmarkt zu. Wer eine Lehrstelle fand, hatte das große Los gezogen. Gute Lehrstellen waren knapp, die Nachfrage umso größer. Die weniger Erfolgreichen mussten sich mit Weiterbildungsmaßnahmen, Praktika oder der Arbeitslosigkeit zufrieden geben. In diesem Jahr scheint die Situation aber wieder entspannter zu sein, glaubt man den offiziellen Zahlen. 460 000 Ausbildungsstellen meldeten die Unternehmen bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) bis August – knapp zehn Prozent mehr als 2006.

Das sei noch lange kein Grund zum Jubeln, sagt jedoch Herman Nehls, Referent für Berufsbildung beim DGB-Bundesvorstand. „Das Niveau betrieblicher Ausbildungsstellen liegt immer noch im Keller.“ Die Nachfrage an Ausbildungsplätzen könne auch in diesem Jahr bei weitem nicht gedeckt werden.

„Jedes Jahr fehlen mehr als hunderttausend Ausbildungsplätze“, sagt auch Joachim Ulrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). In diesem Jahr werde das trotz guter Konjunktur nicht anders sein. In der offiziellen Statistik der BA falle die Zahl der Unvermittelten zwar viel niedriger aus – aber nur, weil sich nicht alle Jugendlichen bei der BA suchend meldeten oder sie einfach anderen Übergangsbeschäftigungen nachgingen. „Das große Problem ist, dass wir seit Anfang der 90er- Jahre steigende Schulabgängerzahlen haben, aber deutlich weniger Ausbildungsplätze angeboten werden“, erklärt Ulrich. Gab es 1992 noch rund 720 000 Ausbildungsplatzangebote für 760 000 Absolventen aller Schulformen, war die Diskrepanz im vergangenen Jahr mit 940 000 Absolventen, aber nur 590 000 Angeboten deutlich größer. Und 2007 soll sich dies laut BIBB nur geringfügig verbessern.

Zudem drängen noch Altbewerber auf den Lehrstellenmarkt. Diese gehen in der Statistik der Unvermittelten ebenfalls unter, weil sie oft in Maßnahmen der BA stecken. Etwa 300 000 Altbewerber gibt es laut Ulrich derzeit. Darunter sind Jugendliche, die schon in den Vorjahren keinen Job gefunden haben, entweder weil sie einen niedrigen oder gar keinen Schulabschluss haben, schlechte Noten mitbringen oder schlecht Deutsch sprechen. „Je länger sie von der Schule weg sind, desto geringer wird die Chance, dass sie noch etwas finden“, sagt Ulrich.

Der DGB fordert daher, dass die Unternehmen mehr Ausbildungsplätze anbieten sollten, damit auch Schwächere eine Chance haben. Denn das Ausbildungsdefizit sei das größte Problem bei der Jugendarbeitslosigkeit. So gebe es aktuell mehr als eine Million jugendliche Arbeitslosengeld-II-Empfänger in Deutschland.

Die Wirtschaft weist die Schuld von sich. „Wir bilden schon mehr aus als in den Vorjahren“, berichtet Alexander Legowski, Sprecher beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). „Bereits jetzt liegen 120 000 Lehrverträge unterschrieben vor, das sind rund 10 000 mehr als zu diesem Zeitpunkt im Vorjahr“, sagte ZDH-Präsident Otto Kentzler der „Bild am Sonntag“. Und Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, sieht sogar gute Chancen, dass es erstmals seit 2001 zum Jahresende keine Lehrstellenlücke mehr geben werde. Die bereits unterzeichneten Verträge bedeuteten den „höchsten Stand seit der Wiedervereinigung“, sagte Braun der Zeitung.

Allerdings könnten es sich die Betriebe nicht leisten, schwache Lehrlinge zu beschäftigen, sagt Legowski. Der internationale Wettbewerb sei viel härter als früher. Dabei nehme die Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen ab. „Die Schulen sind ihrer Pflicht nicht richtig nachgekommen.“

Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Jürgen Zöllner, verspricht Besserung. „Ich nehme die Sorgen der Wirtschaft ernst. Wenn die Abnehmer höhere Anforderungen stellen, müssen wir dafür sorgen, dass sie zufriedengestellt werden“, sagt der Berliner Bildungssenator. Das kriege man aber nur durch vielfältige Ansätze in den Griff, etwa durch eine enge Zusammenarbeit mit Betrieben.

BIBB-Experte Ulrich meint, dass die Unternehmen von sich aus in die Bildung investieren müssten. Schon ab 2008 gebe es immer weniger Schulabsolventen. „Und dann wird es irgendwann richtig eng auf dem Bewerbermarkt.“

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