Junge Gewerkschafter : Heute Abend hab’ ich Verdi

Mit 20 Jahren ist Ulrike Steffen der Gewerkschaft beigetreten. Inzwischen hat sie fünf Ehrenämter und erklärt Serben deren Rechte.

Verena Friederike Hasel

Als ein Freund neulich am Samstag von seiner Firma zu einem Training geschickt wurde, horchte Ulrike Steffen auf. „Das solltest du als Arbeitstag geltend machen“, sagte sie. Der Freund, in einem kleinen Privatbetrieb beschäftigt, schüttelte den Kopf. „Das gibt nur Ärger“, sagte er. „Aber du hast doch Rechte“, beharrte Ulrike Steffen. Sie ist 26 Jahre alt, hat lange blonde Haare und trägt Jeans. Die Tasche über ihrer Schulter sieht aus wie die eines DJs, schwarze Glanzoptik. Mit einem Zusatz: „Verdi Jugend“, steht auf Ulrike Steffens Tasche.

Leicht ist es für Gewerkschaften nicht, junge Mitglieder zu werben. Ulrike Steffen ist schon mit 20 Jahren bei Verdi eingetreten, zu der Zeit war sie im ersten Lehrjahr bei der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK). „Willst du meinen Job übernehmen?“, hatte sie eine der damaligen Jugendvertreterinnen der DAK gefragt. Steffen sagte Ja und wählte gleich das volle Programm: Sitz im DAK-Personalrat, Vorsitz in der Jugendvertretung von Verdi, Ehrenämter in fünf Arbeitskreisen. In einem hat sie gerade serbische Gewerkschafter geschult.

Ulrike Steffen, in Frankfurt an der Oder geboren, hat in ihrer Jugend einige Male erlebt, wie Arbeitnehmer plötzlich rechtlos wurden. In ihrer Umgebung verloren Erwachsene nach der Wende ihre Jobs, Firmen gingen pleite, Gehälter blieben aus. Viele hätten ihren Ärger zu Hause geäußert, aber nicht aufbegehrt, sagt die Krankenkassenangestellte. Ulrike Steffen ist keine Kampfmaschine, sie lacht viel, bestellt sich eine heiße Schokolade und fängt das Zuckerpapier ein, als der Wind es wegträgt. Im Monat bekomme sie etwa fünf Anfragen von Azubis, sagt sie, das meiste sei mit einem Gespräch zu klären. Eine zum Beispiel wurde im zweiten Lehrjahr schwanger und traute sich nicht, es ihrem Vorgesetzten zu sagen. Steffen klärte sie über Mutterschutz auf und bot ihr an, sie zum Gespräch mit dem Chef zu begleiten.

18 Stunden ist Steffen monatlich freigestellt für solche Belange. Für die Verdi-Arbeit gehen 20 weitere Stunden drauf. „Wollen wir was machen?“, fragen die Freunde und müssen damit rechnen, dass Ulrike Steffen antwortet: „Ich hab’ doch Verdi heute.“

Für die meisten ihrer Freunde sei so etwas nichts, sagt Ulrike Steffen. Warum sie sich engagiert, kann sie nicht so recht erklären. „Ich setze mich gern für andere ein“, sagt sie, probiert es erneut: „Ich bin ein freundlicher Mensch.“ Überlegt und erzählt dann vom Verdi-Kongress im vergangenen Jahr, da hatte eine Paketstation um Streikhilfe gebeten. Nachts um zwei wurden Ulrike Steffen und die anderen mit drei Bussen abgeholt, vor der Paketstation bildeten sie eine Kette, versuchten Menschen zum Mitmachen zu bewegen. Und etliche taten es. „Das war ein ganz besonderes Feeling“, sagt Ulrike Steffen.

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