Junge Unternehmen : "Crowdsourcing" für Steinmeier

Wie junge, kreative Unternehmen in Berlin durch die Krise kommen. Tagesspiegel.de hat sich in der Berliner Internetszene umgeschaut.

Simon Frost

Berlin - Hauptstadt der Kreativen – so sieht sich Berlin gerne. Die Dichte an Werbern, Werbeunternehmen und Künstlern ist so hoch wie in kaum einem anderen Ballungsraum. Doch nicht jedes junge Unternehmen schreibt auch eine Erfolgsgeschichte.

Ein Bürohaus in der Novalisstraße. Im Erdgeschoss residiert seit zehn Jahren ein Klassiker der Berliner Barszene: das Reingold. Fünf Stockwerke darüber sitzt ein Unternehmen, das erst noch ein Klassiker werden muss. Bastian Unterberg hat hier Jovoto (www.jovoto.de) gegründet. Inzwischen hat die Agentur des 30-Jährigen zehn Mitarbeiter, Tendenz steigend. Das Team vermittelt über seine Internetplattform junge Kreative an Unternehmen, die neue Werbeideen suchen. Nach anderthalbjähriger Testphase läuft das Geschäft seit Oktober 2008 auf vollen Touren.

„Crowdsourcing“ nennt Unterberg das Prinzip. Ein Unternehmen wendet sich mit einigen Vorgaben an Jovoto. Das Unternehmen bietet wiederum eine Community von derzeit rund 2000 Design- oder Werbestudenten und anderen jungen Kreativen. Sie entwickeln Ideen für Videos, Plakate oder andere Werbeformen, und bewerten diese untereinander. Für jede Idee, die ein Unternehmen abnimmt, bekommt der Urheber einen Obolus, von dem Jovoto wiederum zehn Prozent kassiert. Die Kundschaft ist prominent – derzeit sucht beispielsweise die SPD nach einem Logo für ihren Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier.

Die Anschubfinanzierung kam aus Eigenmitteln. Inzwischen ist der Quartalsumsatz von Jovoto sechsstellig, genaue Zahlen will Unterberg nicht nennen. Er gehe aber davon aus, dass sein Unternehmen im Lauf des Jahres profitabel wird.

Dass die Finanzierung funktioniert, ist neben der Idee das Wichtigste für die jungen Kreativunternehmen. Das wiederum ist längst nicht selbstverständlich. „Etwa ein Viertel der neugegründeten Unternehmen schafft es nicht“, sagt Katja Kühnel von der IHK Berlin . „Meistens scheitern sie am fehlenden oder zu geringen Eigenkapital. Hinzu kommen kaufmännische Schwächen bei vielen Gründern.“

Bei der Finanzierung gibt es aber nicht den einen Weg, der zum Erfolg führt. Anders als Jovoto-Gründer Unterberg können sich die Gründer der Berliner Medizinplattform Imedo (www.imedo.de) nicht auf regelmäßige Einnahmen aus Vermittlungs- und Lizenzgebühren verlassen. Ihr Portal basiert auf der Idee, dass Menschen sich im Internet über Krankheiten informieren und austauschen wollen. „Wir sind derzeit noch investorenfinanziert“, sagt Christian Lautner, Imedo-Geschäftsführer und einer der vier Gründer. Zum Geldverdienen verkauft das Portal Anzeigenplätze – doch das allein reicht nicht. Gegen Gebühr können sich Ärzte mit ihren Fachbereichen und Adressen in die integrierte Datenbank einkaufen. Zudem plant das Unternehmen weitere Angebote, die sich vermarkten lassen. „In absehbarer Zukunft wollen wir zum Beispiel einen Krankenversicherungsvergleich einbauen“, erklärt Lautner.

Von der Idee Anfang 2007 bis zum Start im Netz brauchten die Jungunternehmer rund vier Monate. Anfang 2008 folgte dann der Umzug von Stuttgart nach Berlin. Bei dieser Entscheidung spielte für das Team vor allem das Umfeld eine Rolle. „Es hat uns nicht interessiert, dass Berlin hip ist. Aber Berlin ist die Hauptstadt. Jeder, der mit dem Thema Gesundheit zu tun hat, muss hier vorbeikommen“, sagt Lautner. Nicht zuletzt habe der Umzug aber auch finanzielle Gründe gehabt: „Das Investoren-Netzwerk ist hier einfach sehr gut.“ So sammelten die Imedo-Gründer Geld von rund 15 Investoren ein und sind damit fürs Erste vor den schlimmsten Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise gefeit.

Christian Heitmeyer bekommt die Krise dagegen voll zu spüren – allerdings im positiven Sinn. Sein Unternehmen Brands4friends ist ein Shopping-Club im Internet und bietet Überkapazitäten bekannter Bekleidungsmarken mit teilweise rund 60 Prozent Rabatt an. „Natürlich wollen die Menschen auch in schlechten Zeiten gut angezogen sein“, sagt Heitmeyer. Neben den günstigen Preisen, führen Heitmeyer und Mitgründer Constantin Bisanz den Erfolg auch auf das Konzept der sogenannten Closed Community zurück. Wer Brands4friends nutzen will, braucht eine Einladung von einem Mitglied. Dieser Effekt des Dabeiseinwollens macht das Portal offenbar für die angestrebte junge Zielgruppe attraktiv. Nach eigenen Angaben tummeln sich mittlerweile rund 1,7 Millionen Nutzer auf dem Portal. Der Umsatz soll von 25 Millionen Euro im vergangenen Jahr auf 85 Millionen Euro 2009 steigen.

Aus eigener Kraft kann aber auch Brands4friends noch nicht überleben, Investorengelder sind nach wie vor wichtig. Einer der Geldgeber ist Holtzbrinck Ventures, eine Tochter des Holtzbrinck-Verlags, zu dem auch der Tagesspiegel gehört. Im zweiten Halbjahr 2009 wollen Heitmeyer und Bisanz schwarze Zahlen schreiben. Inzwischen beschäftigt Brands4friends etwa 100 Mitarbeiter – für ein Start-up eine ungewöhnlich hohe Zahl.

Natürlich gibt es im Markt junger kreativer Unternehmen in Berlin aber nicht nur Erfolgsgeschichten. So stellte im vergangenen Jahr beispielsweise die Community-Plattform Bloomstreet ihren Betrieb ein, nachdem Großinvestor Bertelsmann den Geldhahn zugedreht hatte. Auch der Onlinespiele-Entwickler Lama Games musste dichtmachen.

Imedo-Geschäftsführer Lautner spricht anderen Jungunternehmern dennoch Mut zu. „Man braucht eine Idee, von der man überzeugt ist“, sagt Lautner. „Und dann ist das Wichtigste: Machen, nicht zu lange warten.“

Am 20./21. März finden in der Station-Berlin am Gleisdreieck die Deutschen Gründer- und Unternehmertage statt. (www.degut.de)

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