Wirtschaft : Kabelnetz: Lange Leitung

Corinna Visser

Noch ist das deutsche Fernsehkabel eine schmale Einbahnstraße. Doch es hat das Potenzial zu einer breiten Datenautobahn. Bisher dient das Kabel allein dazu, Hörfunk- und Fernsehprogramme in 19 Millionen Haushalte zu bringen. Künftig könnte es aber ein Multimedianetz sein, über das der Kunde telefonieren, schnell im Internet surfen, einkaufen oder Videofilme bestellen kann. Dazwischen liegen allerdings mehrere Milliarden Euro, die in die Aufrüstung des Netzes investiert werden müssen. Und das Bundeskartellamt. Es gilt als sicher, dass die Behörde Liberty Media Ende des Monats verbieten wird, wie geplant große Teile des Kabelnetzes von der Deutschen Telekom zu kaufen. Dafür treiben andere Firmen den Ausbau voran.

Der US-Medienkonzern Liberty Media hat 5,5 Milliarden Euro für das Kabelnetz geboten. Weitere Milliarden sollen in die Aufrüstung des Netzes investiert werden. Das Bundeskartellamt fürchtet aber, dass durch den Einstieg von Liberty die marktbeherrschende Stellung, die die Telekom heute hat, noch verstärkt wird. Die Telekom betreibt in Deutschland die Hauptstrecken des Fernsehkabels bis zu den Grundstücksgrenzen (Netzebene drei, siehe Glossar). Daneben gibt es viele kleinere Gesellschaften, die lokale Netze und die Versorgung in den Häusern (Netzebene vier) unterhalten. Die Telekom hat diesen direkten Zugang nur zu etwa sechs Millionen Haushalten. Erklärtes Ziel von Liberty ist es jedoch, diesen Anteil durch Übernahme anderer Kabelgesellschaften wie etwa Telecolumbus zu erhöhen.

Die Bedingung des Kartellamts, dafür im Gegenzug für mehr Wettbewerb im Telefon-Ortsnetz zu sorgen, will Liberty nicht erfüllen. Liberty ist nicht bereit, in nächster Zeit Telefonverbindungen über das Kabel anzubieten, um so der Telekom Konkurrenz zu machen. Widerstand gegen den Einstieg von Liberty regt sich auch bei den deutschen TV-Sendern. Die fürchten, dass sie im Angebot der Amerikaner auf die hinteren Programmplätze geschoben werden, denn Liberty Media kann auf eigene Inhalte zurückgreifen.

Es gibt drei Möglichkeiten, was nun weiter mit dem Kabel geschieht. Die erste ist: Die Telekom findet keinen Käufer und behält es. Das Kabelnetz gehört nach Aussage von Vorstandschef Ron Sommer jedoch nicht zum Kerngeschäft des Unternehmens. Zudem würde sie sich mit einem aufgerüsteten Kabelnetz, über das ein schneller Internetzugang und Telefonieren möglich ist, selbst Konkurrenz machen. Dass die Telekom künftig Milliarden in die Aufwertung des Netzes investiert, ist daher unwahrscheinlich. Beim Kabel bliebe also alles beim Alten.

Die zweite Möglichkeit ist, dass die Telekom einen anderen Käufer findet. Doch vom stolzen Kaufpreis, den Liberty geboten hat, will Sommer nicht abweichen. Und bei 5,5 Milliarden Euro wird es nicht leicht sein, einen Investor zu finden. Allerdings hat der britische Finanzmakler Compere Associates bereits Interesse angemeldet. Auch Fernsehgesellschaften und andere Konsortien unter Beteiligung der Deutschen Bank arbeiten nach Brancheninformationen an einer Lösung. "Es ist unwahrscheinlich, dass die Finanzbranche bereit ist, so viel Geld zu investieren", sagt jedoch ein Kenner der Branche. "Die Euphorie des Kapitalmarktes für Kabelwerte ist zurzeit gleich null. Es kommt nur ein industrieller Investor in Frage."

Mögliche industrielle Investoren wären die kleineren Kabelgesellschaften. Die können 5,5 Milliarden Euro allein jedoch nicht finanzieren. Als wahrscheinlichste Möglichkeit gilt in der Branche daher Variante drei: ein Verkauf des Kabelnetzes in einzelnen Teilen. Bevor Liberty auf den Plan trat, hatten Kabelbetreiber wie Bosch Telecom oder Telecolumbus bereits Angebote für regionale Teilnetze unterbreitet. Die könnten jetzt eine zweite Chance bekommen.

Während sich der Ausbau der großen Datenautobahn verzögert, arbeiten andere Unternehmen bereits kräftig an den Teilstrecken. Wettbewerber wie Bosch Telecom sind sogar dabei, sich vom Telekom-Kabel unabhängig zu machen. Bosch Telecom versorgt bereits 1,4 Millionen Haushalte mit Kabelfernsehen. Bei etwa der Hälfte der Haushalte braucht Bosch die Dienste der Telekom nicht mehr. Dort hat das Unternehmen eigene Kopfstationen eingerichtet, an denen die Programme der Sendeanstalten direkt eingespeist werden. Zudem hat Bosch eigene Glasfasernetze für die Zuführung gebaut. In Berlin will das Unternehmen noch in diesem Jahr die ersten Haushalte an die eigene Multimedia-Autobahn anschließen und ihnen neben zusätzlichen Fernsehprogrammen auch schnelle Internetanschlüsse bieten - ohne Vorleistung durch die Telekom.

In Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg hat die amerikanische Callahan-Gruppe unter dem Namen "Ish" das Telekomkabel übernommen. 3,4 Milliarden Euro will Ish in die Aufrüstung der Netze investieren. Bis Ende 2004 sollen in Nordrhein-Westfalen fünf Millionen und in Baden-Württemberg 2,6 Millionen Haushalte an das modernisierte Kabel anschließbar sein, die ersten sind es bereits. Entscheidend für den Erfolg ist allerdings, wieviele das Angebot tatsächlich wahrnehmen. Damit sich die Aufrüstung lohnt, müssen die Kunden nämlich bereit sein, für zusätzliche Angebote wie Videofilme auf Abruf auch extra zu bezahlen. Der Misserfolg des Bezahlsenders Premiere World zeigt jedoch, dass die Kabelbetreiber und Diensteanbieter hier noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten haben.

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