Wirtschaft : Kadé Müller

Geb. 1954

Marc Neller

Alles ist sozial, nichts ist nur privat, alles Private ist auch politisch. Konsequent war er, und die Abzweigungen, die er auf seinem Weg genommen hat, erscheinen im Rückblick folgerichtig. Aber warum er keine Kinder wollte, wird im Dunkeln bleiben. Er hat es nie erzählt. Er liebte Kinder. Freunde vermuten, er habe sich davor gefürchtet, die Gene seines Vaters weiterzuvererben.

Wenn man ihn auf seine Kindheit ansprach, verdüsterte sich sein Blick. Man weiß, dass er in Celle aufwuchs, einer Kleinstadt in Niedersachen, ein Vorgartenidyll, in dem die Familien streng religiös waren. Das Idyll der Familie Müller war eine Fassade, hinter der die Eltern über Kreuz miteinander lagen wie Kadé mit dem Vater. Als der über Nacht mit dem ältesten seiner vier Söhne verschwand, war Kadé Müller vierzehn.

Eigentlich hieß er damals noch Klaus- Dirk. Der neue Name ist Teil seines zweiten Lebens ohne die Familie. Es beginnt mit einem Theologiestudium in Göttingen. Die Fakultät ist, Mitte der Siebziger, bekannt für die damals fortschrittliche Auffassung, religiöse Überzeugung und der Kampf um politische Veränderung seien eins. Die Vision: Religion ist Menschlichkeit, mit dem Anspruch, sich die Welt besser zu denken und entsprechend zu handeln. Das klingt etwas theoretisch, aber er hat nichts gegen Theorie. Zudem ist Göttingen das Gegenteil von Celle. Eine Freundin sagt: „Er hat versucht, mit dem Studium seine Vergangenheit auszutreiben.“

Doch irgendwann wird selbst dem Theoretiker die Theorie zu theoretisch. Auch in Göttingen halten die Menschen nicht, was sie predigen. Der Pfarrersanwärter Klaus-Dirk mit dem Seitenscheitel, dem Schnäuzer und der klobig-eckigen Brille, der zwanzig Jahre älter aussieht, als er ist, verwandelt sich in K.D. – Kadé, einen Mann mit Nickelbrille, Vollbart und langen strähnigen Haaren.

So geht er nach Berlin, um den Bruch mit der Familie zu vollenden. Kreuzberg, SO36, autonome Szene, ein Leben in Fabriketagen und besetzten Häusern, am 1.Mai wird demonstriert. Dabei stört ihn die Gewalt. Sie rührt an Dinge, mit denen er sich nicht befassen will. Er ist einsneunzig groß, stattlich. Wer weiß, ob nicht auch er die Kontrolle über sich verlieren könnte? Es fällt ihm schwer, es einzugestehen: Aber auch in der autonomen Kreuzberger Szene lähmen Dogmen das Denken. Kadé fragt sich, ob seine Motive wirklich immer so edel waren, wie er es lange Zeit glauben wollte. Und er löst sich.

„Da, wo die Angst ist, geht es lang“, sagt er und probiert einen neuen Weg, dieses Mal weniger abrupt. Es dauert ein paar Jahre, er ist inzwischen über vierzig, bis er sich darauf einlässt, mit einer einzigen Frau zusammenzuziehen, ganz ohne Kommune drum herum. Dennoch bleibt er dabei: Alles ist sozial, nichts ist nur privat, alles Private ist auch politisch.

Es lässt sich ja alles ausdiskutieren, bis man einen guten Weg gefunden hat. Und wenn nicht in der Kommune, dann eben im Zweierplenum. Oder zu dritt – denn die Freundin hat einen Sohn. Manchmal diskutiert nur Kadé, die anderen hören zu. Er ist klar, überzeugend, er füttert die Gedanken derer, die sich auf ihn einlassen. Nach wie vor hat er den distanzierten, skeptischen Blick. Aber er ist milder geworden. Der Bart ist ab, die Haare kurz geschnitten. Die Freundin sagt, dass für sie die reine Idee nichts wert ist, wenn sie den Menschen nicht gerecht wird. Irgendwann sieht er das ein.

Kadé geht auf die Fünfzig zu, als er sich zum ersten Mal fest anstellen lässt. Bisher hat er als Hausmeister in einem Frauenwohnheim gejobbt, Schmuck verkauft, autistische Kinder betreut, als freier Journalist gearbeitet. Für Miete, Essen und Milchkaffee hat das gereicht. Er sagt, das Geld sei es nicht wert, dass es den Kopf blockiert. Man braucht doch Zeit für Wichtigeres, zum Beispiel im Café zu sitzen, Stapel von Zeitungen durchzuarbeiten und Menschen zu beobachten. Und für die Liebe. Die ist schließlich eine Spielart der Langsamkeit – und manchmal ist die Langsamkeit auch eine Liebestechnik. In Zeiten, in denen andere schwach sind oder noch nachdenken müssen, muss man warten können. Er will ein Gefühl für das Tempo anderer haben, sie nicht überfahren. Er hatte dieses Gefühl, sagt seine Freundin.

Und dann ist da noch Kadés Schokopudding, auch eine seiner Liebestechniken. Ein Sonntagabend, im Fernsehen läuft Fußball. Sie spricht von Schokopudding, er geht in die Küche, um für sie einen zu machen. Sie schlafen glücklich ein. Er zum letzten Mal.

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