Wirtschaft : Kälte macht arm

Im Winter sind wieder mehr als drei Millionen Menschen ohne Job. Aber Besserung ist in Sicht

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Fenster mit Aussicht. Für dieses Jahr erwartet die Bundesagentur eine weitere Entspannung der Lage am Arbeitsmarkt. Foto: dpa
Fenster mit Aussicht. Für dieses Jahr erwartet die Bundesagentur eine weitere Entspannung der Lage am Arbeitsmarkt. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin/Nürnberg - Angesichts des strengen Winters sind die Arbeitslosenzahlen im Dezember wieder über die Drei-Millionen-Marke gestiegen. 3,016 Millionen Menschen hätten Ende vergangenen Jahres eine Stelle gesucht, erklärte die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Dienstag in Nürnberg. Das waren 85 000 mehr als einen Monat zuvor, aber 260 000 weniger als noch im Dezember 2009. Dennoch war die Entwicklung auf dem Jobmarkt so gut wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr.

„Der deutsche Arbeitsmarkt hat 2010 von der starken wirtschaftlichen Erholung profitiert“, sagte BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise. Im Schnitt der gesamten zwölf Monate lag die Arbeitslosenzahl bei 3,244 Millionen – weniger waren es zuletzt 1992. „Das war eine bessere Entwicklung als wir noch vor zwölf Monaten erhofft hatten“, räumte Weise ein. Neue Stellen sind in erster Linie im Dienstleistungsbereich entstanden, während in der Industrie der Abbau weiterging. Von der Krise, die 2009 zu einem Einbruch der Wirtschaftsleistung von fast fünf Prozent geführt hatte, seien auf dem Arbeitsmarkt nur noch wenige Spuren sichtbar, sagte Weise weiter. Beispielsweise bezögen weitaus weniger Menschen Kurzarbeitergeld als damals.

Nüchterner sieht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Lage. Die Krise sei noch nicht überwunden, denn die Zahl der Arbeitslosen sei noch immer um 150 000 höher als vor der Krise. „Die Lage ist nicht so toll, wie sie scheint“, sagte Konjunkturfachmann Ferdinand Fichtner. Ältere Menschen sowie solche, die von privaten Firmen vermittelt werden, tauchen in der BA-Statistik nicht mehr auf. Neue Stellen seien zudem oft nur Teilzeitjobs.

Für das neue Jahr erwartet die Bundesagentur eine nochmalige Verbesserung der Lage. Mit einem Schnitt von drei Millionen Arbeitslosen rechnet Weise („Viel besser wird es nicht!“), der allerdings bei Prognosen als sehr vorsichtig gilt. Optimistische Ökonomen gehen derzeit von nur noch 2,8 Millionen Arbeitslosen aus. Der BA-Vorstandschef verwies auf die Risiken für den Jobmarkt – die Schuldenkrise in der EU, aber auch die demografische Entwicklung und den Fachkräftemangel. Zudem könnten Einsparungen bei der Arbeitsmarktpolitik, die die Bundesregierung verlangt, dazu führen, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen weniger stark zurückgeht. Im Dezember haben sich die Einsparungen bei Ein-Euro-Jobs bereits entsprechend bemerkbar gemacht.

Optimistischer zeigte sich Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Das Ziel der Vollbeschäftigung sei in „realistischer Reichweite“, kommentierte er die Zahlen. „Der Dezemberfrost wird die Konjunktursonne nicht verhindern.“ Ähnlich sieht es Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). „Man kann mit großer Zuversicht in das Jahr 2011 hineinschauen“, sagte sie. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nannte es dagegen „absurd“, angesichts von drei Millionen Arbeitslosen von Vollbeschäftigung zu sprechen. 1,4 Millionen zusätzliche Arbeitslose befänden sich in meist perspektivlosen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, sagte DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki. Jugendliche, Langzeitarbeitslose, Migranten und ältere Arbeitnehmer profitierten derzeit am wenigsten vom Aufschwung.

In Berlin und Brandenburg verlief die Entwicklung ähnlich wie im restlichen Bundesgebiet. 360 062 Menschen waren in beiden Bundesländern im Dezember ohne Arbeit. Das waren 12 400 mehr als einen Monat zuvor, aber 18 600 weniger als noch im Dezember vergangenen Jahres. Berlin weist mit einer Arbeitslosenquote von 12,8 Prozent aber noch immer den schlechtesten Wert aller Bundesländer auf. Margit Haupt-Koopmann, die Chefin der BA-Regionaldirektion Berlin-Brandenburg, führte die Verschlechterung der Lage in erster Linie auf den Winter zurück. „Vor allem für witterungsabhängige Unternehmen und ihre Beschäftigten kam es durch Eis und Schnee zu gravierenden Arbeitseinschränkungen“, sagte sie. Getroffen habe dies vor allem den Bausektor und die Garten- und Landschaftsbranche.

Brandenburg steht mit einer Arbeitslosenquote von 10,7 Prozent weitaus besser da als die Hauptstadt und als alle anderen neuen Bundesländer. Das Land profitiert zum einen von der Nähe zu Berlin, zum anderen stehen angesichts des Bevölkerungsschwunds immer weniger Menschen als Arbeitskräfte zur Verfügung.

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