"Kalte Progression" : Lohnerhöhungen landen in der Staatskasse

Die Tariflöhne steigen dieses Jahr um fast drei Prozent, doch bei den Menschen kommt davon nichts an. Das liegt nicht nur an der Inflation.

Mit steigendem Lohn steigt auch die Steuerlast - bei vielen so stark, dass vom Gehaltsplus nichts übrig bleibt.
Mit steigendem Lohn steigt auch die Steuerlast - bei vielen so stark, dass vom Gehaltsplus nichts übrig bleibt.Foto: dpa

Die deutschen Arbeitnehmer haben trotz teils kräftiger Lohnerhöhungen unter dem Strich nicht mehr Geld in der Tasche. Die Reallöhne sind im zweiten Quartal dieses Jahres erneut nicht gestiegen, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilt.

Zwar nahmen die Nominallöhne gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 1,5 Prozent zu. Allerdings zogen im selben Zeitraum auch die Verbraucherpreise entsprechend an, so dass das Lohnplus komplett von der Inflation aufgezehrt wurde. Im ersten Quartal waren die Reallöhne erstmals seit 2009 sogar um 0,1 Prozent gesunken, da die Preise stärker zugelegt hatten.

Der Staat weigert sich und profitiert

Profitiert hat von dem Lohnplus vor allem der Staat, der mehr Steuern eingestrichen hat. Die aktuellen Zahlen werden die Debatte über Entlastungen der Steuerzahler anheizen. Dazu soll das Problem der „kalten Progression“ gemildert werden. Der Staat soll weniger an Geldentwertung und „heimlicher Steuererhöhung“ verdienen.

Hintergrund ist, dass wegen steigender Steuersätze bei Lohnzuwächsen ganz normal auch mehr Einkommensteuern anfallen. Zum Problem wird dies, wenn die Lohnzuwächse brutto lediglich zu einem Ausgleich der Preissteigerung führen. Trotz Inflationsausgleichs sinkt die reale Kaufkraft der Steuerzahler, der Fiskus verdient trotzdem.

Das Aufkommen aus der Lohn- und Einkommensteuer stieg für den Staat zwischen April und Juni des Jahres kräftig von rund 60,8 Milliarden auf gut 97,1 Milliarden Euro. Für 2013 wurde zuletzt ein Anstieg auf fast 198 Milliarden Euro geschätzt.

Ein Vorstoß von Union und FDP gegen die kalte Progression war zuletzt am Widerstand der Länder aufgrund der Mindereinnahmen gescheitert. Die Statistiker führen die Stagnation unter anderem auf gestrichene Sonderzahlungen zurück. Blieben sie unberücksichtigt, wären die Bruttoentgelte um 1,9 Prozent geklettert und hätten damit über der Preissteigerung gelegen.

Im Durchschnitt 3447 Euro brutto

Steigende Reallöhne gelten als Stütze für den privaten Konsum. Sie waren in Deutschland nach einer langen Flaute in den vergangenen drei Jahren moderat gestiegen.

Im Schnitt verdiente ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer ohne Sonderzahlungen 3447 Euro brutto im Monat. Die Spanne reichte von 2013 Euro im Gastgewerbe bis zu 4535 Euro, die durchschnittlich bei Banken und Versicherungen gezahlt wurden.

Die höchsten Steigerungen von 5,7 Prozent innerhalb der Jahresfrist verbuchten die geringfügig Beschäftigten, was mit der zu Jahresbeginn auf 450 Euro angehobenen Verdienstgrenze für Mini-Jobber zu tun haben dürfte. Die Vollzeitbeschäftigten bekamen nominal nur 1,2 Prozent mehr Geld.

Der Präsident des Steuerzahlerbundes, Reiner Holznagel, forderte in der „Bild“: „Diese Steuererhöhungen durch die Hintertür müssen endlich ein Ende haben. Die nächste Bundesregierung muss diese Gerechtigkeitslücke schließen.“

Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Michael Fuchs, sagte, nach der Regierungsbildung werde die Union das Thema zeitnah anpacken: „Wir werden den letzten Entwurf zum Abbau der kalten Progression, der im Bundesrat gescheitert ist, zügig wieder hervorholen.“ (dpa)

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