Wirtschaft : Kampf dem Zettelkasten

Nicolaus Neu

Rund 60 Millionen Mobiltelefone gibt es in Deutschland. An allen Ecken klingelt und piept es, Menschen telefonieren auf der Straße, im Café, im Auto - mobile Kommunikation ist aus dem Alltag kaum noch wegzudenken. Allerdings: Wer mobil sein will und muss, der kann Adressen und Infos nicht mehr zu Hause auf dem Schreibtisch stapeln. Auf dem Weg zum Büro, in den Wartehallen von Flughäfen oder zwischen zwei Terminen braucht man eine Telefonnummer, muss die Details einer Arbeitsanweisung des Vorgesetzeten mitschreiben oder die Ankunftszeiten der Flugzeuge seinem Gesprächspartner am Telkefon unbürokratisch weitergeben. Seit geraumer Zeit ist deshalb ein weiteres, anfänglich ebenfalls belächeltes "technisches Spielzeug" dabei, sich unentbehrlich - bei privaten Nutzern und Geschäftsleuten gleichermaßen - zu machen: Persönliche Digitale Assistenten (PDA), auch bekannt als "elektronische Terminkalender".

Dabei geht das Können dieser aufgrund ihrer handtellergroßen Form "Handheld" genannten Helfer im Alltag weit über das eines Terminkalender hinaus: Adressbuch, Taschenrechner oder virtueller Notizblock - wer seine Zettelwirtschaft nicht mehr im Griff hat, kann hier auf elektronische Hilfe hoffen.

Der Einstieg in die Welt der PDAs beginnt bei rund 300 Mark, bei etwas mehr Ausstattung wie E-Mail-Empfang und Internetzugang, kann der Preis schnell 1000 Mark und mehr erreichen. Mit einem minenlosen Stift manövriert sich der Nutzer durch das Menü, ein kurzes Berühren der Symbole auf dem Display eröffnet den Weg in die weitere Programmwelt. Auch die Eingabe der Daten erfolgt mit dem Stift - die einfach auf dem Bildschirm gekritzelten Skizzen und handschriftlichen Anmerkungen werden mittels Schrifterkennungssoftware in digitale Daten umgewandelt. Durchschnittlich 3000 Adressen fasst der Speicher eines Handhelds. Wem die umfangreiche Eingabe auf diese Art zu mühevoll ist, muss darauf achten, dass eine Verbindung mit dem PC möglich ist.

Eng verbunden mit den Persönlichen Digitalen Assistenten ist bislang der Name Palm. Das Unternehmen aus dem kalifornischen Santa Clara ist wie "Golf", "Tempo" oder "Selters", zum Synonym einer gesamten Produktklasse geworden. 1996 erstmals vorgestellt, hat Palm bereits 14 Millionen Organizer an seine Kunden auf allen Kontnenten verkauft und hält 75 Prozent des gesamten Weltmarktes. Doch das Klima für den Marktführer ist vor allem in den letzten Monaten härter geworden, Konkurrenten rüsten sich, die Stellung des PDA-Pioniers bereits in den kommenden Jahren einzunehmen. Und: Der Markt für PDA hat schon lange keine wirkliche Innovation mehr gesehen. Den Unternehmen, die sich mit Handhelds beschäftigen, geht es samt und sonders wirtschaftlich schlecht.

Vor allem die beiden Menschen, die eigentlich vor Jahren das Wunderding zum Mitnehmen - den Palm - erfunden haben, setzen dem Unternehmen Palm jetzt zu: Jeff Hawkings und Donna Dubinsky haben ein neues Unternehmen gegründet. Es heißt Handspring und avancierte aus dem Stand zum Bestseller und Expertenliebling. Neben teilweise besseren Produkten, die Handspring entwickelte und auf den Markt warf, setzte der Neuling den etablierten Anbieter mit aggressiven Preisen unter Druck. Inzwischen ist Handspring mit einem Weltmarktanteil von zehn Prozent der größte Mitbewerber. Dennoch will Timm Caspari, Sprecher von Palm Deutschland, nicht von "einer erbitterten Konkurrenz" sprechen, schließlich würden doch beide das Palm-Betriebssystem OS benutzen.

Ein Verbund, auf den Palm nicht verzichten will und kann. Denn der Handheld-Absatz gerät noch aus einer anderen Ecke unter Druck: Die PC-Branche, die ursprünglich von Palm attackiert worden war, schlägt zurück. Es scheint, dass die Computerbranche erkannt hat, dass ihre Produkte in Zukunft nicht nur schnelle Prozessoren und qualitativ hochwertige Bildschirme benötigt, sondern auch attraktiv sein muss für Kunden, die nicht über großräumige Büroetagen verfügen. Erstmalig wurde in diesem Jahr in den USA mit dem Casio iPaq ein Pocket-PC - eine Art Westentaschencomputer - zum best verkauften Handheld. Hinter dem Pocket-PC-Konzept steht eine Allianz aus Microsoft, Compaq, HewlettPackard und Toshiba. Sie setzen anstatt auf das Palm OS auf ein "abgespecktes" Windows-Betriebssystem, umfangreiche Softwareausstattung und Multimedia-Anwendungen wie vollwertige Webbrowser.

Ein Pocket-PC sei dann auch mehr mobiler Computer als Organizer, beschreibt Barbara Wollny von HewlettPackard Deutschland. Mit diesem Konzept haben die Unternehmen vor allem Geschäftskunden, Außendienstmitarbeiter und Vertreter im Visier. Wollny: "Die Produkte zielen eindeutig auf den professionellen Einsatzbereich."

Leicht bedienbar, schlank, ausdauernd und preiswert - gegen diese Palm-Attribute hatten die durch die umfangreiche Ausstattung zu klobig gewordenen und Strom fressenden Minicomputer jahrelang keine Chance. Erst im letzten Jahr war es den Pocket-PC-Herstellern gelungen, ihre Geräte leichter und die Akkus leistungsfähiger und stromsparender zu gestalten. Zwar entschieden sich laut den zuletzt veröffentlichten Verkaufszahlen in den beiden Monaten Juni und Juli 2001 allein in Deutschland 47 000 Kunden für ein Geräte mit der Palm OS-Software, doch bereits mehr als 13 000 Kunden kauften einen Minicomputer - Zahlen, die Microsoft und Co. siegesgewiss stimmen, die monopolartige Stellung der Palm-Handhelds zu knacken. "Palm hat eindeutig die Marktentwicklung verschlafen" kommentieren die beiden Analysten Alexander Rummler und Ralf Muthmann das Marktgeschehen. Die beiden Analysten des Düsseldorfer Bankhauses HSBC Trinkhaus & Burckhardt sehen die Zukunft des Unternehmens skeptisch: "Die Pocket-PCs werden das Rennen machen", so ist ihre Meinung. Palm-Sprecher Caspari sieht die Situation natürlich anders: Er macht klare Vorteile bei der unternehmenseigenen Software aus. "Die meisten nutzen lediglich den Terminkalender, die Adressverwaltung und Email." Daher werde man auch weiterhin möglichst leicht bedienbare Geräte mit dieen Ausstattungsmerkmalen liefern. Handspring kündigte unterdessen an, ebenfalls in den Markt für Pocket-PC einzusteigen.

Seit der Markteinführung vor fünf Jahren wurden bislang rund 15 Millionen Handhelds verkauft. Marktforscher gehen davon aus, dass das Marktvolumen bis 2004 auf das vierfache ansteigen wird. Dann sollen 64 Millionen Menschen Benutzer eines PDAs sein. Die Hoffnung der gesamten Branche ruht auf den sogenannten "Smartphones", eine Kombination aus Handheld und Mobiltelefon - das ist ein Handheld, das telefonieren kann. Oder ein Mobiltelefon, das auch als Adressenverwaltung und Notizzettel fungiert. Und auf dem Markt balgen sich nicht nur die Computerunternehmen: Handyhersteller wie Nokia, ihre Mobiltelefone aufzurüsten. Zu kleinen tragbaren Computern, die hre Nutzer in Zukunft noch mobler werden lässt.

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