Wirtschaft : Kampf den Musikpiraten: Die Charts kommen in Zukunft aus der Kiste

Don Clark

Sollten kostenpflichtige Musik-Seiten im Internet - solche, wie sie Napster Inc. und die Bertelsmann AG vergangenen Donnerstag ankündigten - wirklich eines Tages der Renner werden, wird Max Wells vielleicht berühmt. Wells ist Mitgründer von Canta Metrix, einer winzigen Firma in Bellevue, Washington, die von Investoren wie dem Gitarristen Eric Clapton unterstützt wird. Die Firma entwickelt ein System zur Analyse digitaler Musikdateien. Ein Automat "hört" Musik und erstellt dann für jedes Lied eine mathematische Formel zur Identifikation. Diese digitalen Fingerabdrücke könnten mit Datenbanken kombiniert werden, in denen Lied-Nutzungsrechte gespeichert sind. Auf diese Weise wäre es möglich, zwischen legalen und illegalen Musik-Kopien im Internet zu unterscheiden.

Canta Metrix ist ein Neuling unter den vielen jungen Firmen, die daran arbeiten, die Verteilung von Musik und anderen digitalen Inhalten im Netz regel- und überwachbar zu machen. Viele dieser Unternehmen kümmerten bislang vor sich hin, während die Nutzerzahlen bei frei zugänglichen Angeboten wie Napster explodierten. Die Allianz zwischen Napster und Mediengigant Bertelsmann hat nun Spekulationen darüber ausgelöst, wie der geplante Dienst seine Musik-Dateien "einschließen" würde, damit er sie per Abonnement verkaufen kann. Den Herstellern der Einschließ-Techniken - von den Giganten Microsoft und IBM bis hin zu den Jungunternehmen Liquid Audio Inc. und InterTrust Technologies Corp - hat der Napster-Deal wieder Hoffnung gegeben. "Wir finden das großartig", sagte Gerry Kearby, früher Toningenieur der Grateful Dead. Für Kearby, der Liquid Audio gegründet hat, nehmen die großen Plattenfirmen das Internet viel zu langsam an. "Hoffentlich ziehen jetzt, wo einer der Großen sich zum Internet bekannt und Napster legitimiert hat, auch die anderen Plattenfirmen den Kopf aus dem Sand und kommen in die Gänge."

Es ist noch völlig unklar, ob genügend Napster-Nutzer zukünftig Abonnementgebühren akzeptieren und nicht stattdessen zu anderen Anbietern wechseln, die weiterhin kostenlosen Musik-Tausch anbieten. Auch ist unbekannt, welchen Preis Napster und Bertelsmann verlangen werden. Napster-Kenner und Führungskräfte der Branche gehen davon aus, dass die Firmen Verfahren entwickeln werden, mit denen Nicht-Abonnenten Hörproben herumreichen können oder Kopien, die nur begrenzt oft abspielbar sind. Dateien ohne Einschränkungen sind dann für Zahler reserviert. Napster könne auch mit technischen Kontrollmechanismen die Lieder überprüfen, die durch seinen Dienst getauscht werden und dann die blockieren, die nicht von den Urheberrecht-Inhabern autorisiert sind, sagte Eric Scheirer, ein Analyst von Forrester Research Inc. Für all das sind verschiedene Basis-Techniken nötig.

Mit Verschlüsselungssoftware kann man eine Musikdatei in eine Art Sicherungs-Schachtel einpacken. Diese kann nur unter bestimmten Bedingungen geöffnet oder abgespielt werden, zum Beispiel, wenn der Nutzer bezahlt hat. Bei der Markierung mit einem sogenannten Wasserzeichen wird ein spezieller Erkennungscode an Lieddateien angehängt, der weder gehört noch gelöscht werden kann. Das Wasserzeichen macht es schwieriger, markierte Dateien auf andere Geräte zu übertragen. Ein weiterer Indentifizierungs-Mechanismus, der International Standard Recording Code, ist ein Zusatz zu Musikaufnahmen. Er soll als digitales Nummernschild dienen, wenn Musikdateien im Internet weitergegeben werden.

Einige der Musikschutz-Unternehmen arbeiten mit großen Plattenfirmen daran, Internet-Download-Dienste zu schützen. Sie würden aber liebend gern zu Napster oder ähnlichen Diensten wechseln, die das "Peer-to-Peer"-Verfahren nutzen: den direkten Austausch zwischen den Computern der Nutzer ohne zentralen Rechner. Das System ermöglicht rasches Wachstum, weil die Musik-Dateien nicht auf einem einzigen Web-Server liegen. "Wir sind absolut darauf aus, im Peer-to-Peer-Markt zu arbeiten", sagte Dave Fester, ein führender Manager der Digitalmedien-Gruppe von Microsoft.

Junge Firmen sind vielleicht noch mehr darauf aus. Die Aktie von Liquid Audio, einem Unternehmen, das Software und Dienstleistungen für sichere Musikübertragung anbietet, sank von November 1999 bis zum vergangenen Monat von 49,25 auf 3,63 Dollar. Am Donnerstag stieg sie im frühen Handel an der Nasdaq wieder um 2,8 Prozent oder 12,5 Cents auf 4,50 Dollar. Liquid Audio hatte im Juli eine Forschungs- und Entwicklungs-Zusammenarbeit mit Napster verkündet. Kearby, der Firmengründer, wollte sich nicht dazu äußern, ob er jetzt auch über Napster mit Bertelsmann zusammenarbeiten werde, schloss dies aber auch nicht aus. Die Aktien von InterTrust Technologies stürzten von 99,75 Dollar im Februar auf 4,75 Dollar Anfang Oktober. Am Tag der Bertelsmann-Ankündigung machten sie an der Nasdaq sofort 25 Prozent gut; am frühen Donnerstag notierten sie 6,9 Prozent höher, bei 10,69 Dollar. Eine Investorengruppe, zu der norwegische Wagniskapital-Finanzierer und auch Eric Clapton gehören, hat der Firma Canta Metrics jetzt fünf Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. Für Max Wells von Canta Metrics hat das System seiner Firma einen großen Vorteil: Anders als beim Wasserzeichen-Verfahren könne die Technik bei Millionen bereits existierender Aufnahmen angewandt werden und nicht nur bei denen, die eine Markierung angehängt haben. Jim Griffin, Chef von Cherry Lane Digital LLC, einer Abteilung der New Yorker Cherry Lane Music Group, sieht das ebenso: "Canta Metrics verlangt nicht von dir, noch einmal anzufangen und bestehende Inhalte neu aufzunehmen. Das ist entscheidend".

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