• Kampf der Generationen Reiner Hagemann fordert mehr Markt im Gesundheitswesen und den Ausgleich zwischen Jung und Alt

Wirtschaft : Kampf der Generationen Reiner Hagemann fordert mehr Markt im Gesundheitswesen und den Ausgleich zwischen Jung und Alt

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Das deutsche Gesundheitssystem ist chronisch krank. Medizinischer Fortschritt, gewachsene Ansprüche der Patienten, wenig Wettbewerb und ein großer Verwaltungsaufwand treiben die Kosten in die Höhe. Überraschend wenig Aufmerksamkeit erfährt dagegen eine der wichtigsten Ursachen für die dramatische Entwicklung: Die Folgen der demografischen Entwicklung sorgen absehbar für einen Kollaps in unserem Umlagesystem, in dem immer weniger Beitragszahler für immer mehr Leistungsempfänger sorgen müssen.

Dass der Abschied vom gewachsenen Gesundheitssystem schwer fällt, liegt auf der Hand: Noch bis in die 90er Jahre galt es als eines der besten der Welt. Besonders geschätzt waren: die Krankenversicherung für alle, die Wahlfreiheit bei der ärztlichen Behandlung und die hervorragende Ausbildung deutscher Mediziner.

Allerdings treten heute auch seine Schwächen immer deutlicher zu Tage: Im internationalen Vergleich ist die Gesundheitsversorgung der Deutschen unverhältnismäßig teuer. 10,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gehen in den Sektor Gesundheit. Direkt hinter den USA liegt Deutschland damit in der Spitzengruppe der teuersten Gesundheitswesen der Welt. Was der Patient dafür erhält, gehört jedoch nicht immer zur Spitzenklasse. Betrachtet man die krankheitsbedingte Lebenserwartung (Disease Adjusted Life Expectancy), eine wichtige Kenngröße für die Effizienz eines Gesundheitssystems, liegt Deutschland weit abgeschlagen hinter Frankreich, Schweden, Griechenland und Italien – obwohl diese Länder deutlich weniger ausgeben.

Wer sich diese oder gar höhere Ansprüche weiter leisten möchte, muss bei der Finanzierung umdenken. Die Menschen werden immer älter und haben immer weniger Kinder. 2040 werden 35 Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik über 60 Jahre alt sein. Das hat deutliche Auswirkungen auf die Kostenentwicklung: Ein gesetzlich krankenversicherter Ruheständler verursacht um 86 Prozent höhere Gesundheitsausgaben als ein Erwerbstätiger, zahlt jedoch durchschnittlich nur halb so hohe Beiträge. Ohne den rechtzeitigen Aufbau von Altersrückstellungen durch Kapitaldeckung wird das auf Dauer nicht mehr funktionieren. Es erfordert letztlich weniger Mut, einen Systemwechsel zu wagen, als die vorhersehbaren Spannungen in unserem Sozialgefüge, besonders zwischen Alt und Jung, in Kauf zu nehmen.

Gefordert ist ein Umdenken in den Grundsätzen: Marktwirtschaft, Transparenz und Eigenverantwortung müssen sich in einem System durchsetzen, das sich jahrzehntelang Maximen staatlicher Fürsorge leisten konnte. Dazu gehört auch, dass der Hebel zu weniger Ausgaben im Gesundheitswesen nicht in der Hand derer liegen sollte, die ein Eigeninteresse am Erhalt einer stabilen Kostenbasis haben müssen. Nur in einem marktwirtschaftlichen Modell können sich Qualität und Effizienz so entwickeln, dass der Patient die für ihn optimale Behandlung zu einem vernünftigen Preis erhält und die Ärzte ihrer Leistung entsprechend vergütet werden. Die staatliche Fürsorge sollte sich auf die wirklich Schutzbedürftigen konzentrieren. Für alle anderen Verbraucher sollten Lösungen gefunden werden, die ihnen so viel Spielraum zu eigenverantwortlichem Handeln lassen wie möglich.

Reiner Hagemann ist Vorstandsmitglied der AllianzVersicherung in München.

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