Wirtschaft : Kampf gegen die Schattenwirtschaft: 125 Milliarden Mark gehen dem Staat verloren

Carsten Brönstrup

Wenn es Samstag wird in Deutschland, geht das Arbeitsleben zumeist einen ruhigeren Gang. Freilich nur in Büros und Behörden. Auf Baustellen oder unter Auto-Hebebühnen geht es weniger gemäßigt zu - Tausende bieten ihre Dienste an, um sich ein paar Mark hinzuzuverdienen, natürlich "schwarz", oder, wie die Österreicher sagen, als "Pfusch". Ein Haarschnitt für 20 Mark, geputzte Fenster für 40 oder eine Autoreparatur für 50 Mark die Stunde - ohne Rechnung - sind Alltag. Der Schaden für die Volkswirtschaft ist immens. Die Schattenwirtschaft gilt als der am stärksten wachsende Wirtschaftszweig hier zu Lande.

Während es im offiziellen Sektor im vergangenen Jahr ein Plus von drei Prozent gab, wuchs die ungesetzliche Wirtschaftsleistung um nahezu sieben Prozent auf 640 Milliarden Mark, schätzt Friedrich Schneider, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Linz. 1975 waren es 200 Milliarden Mark weniger. Würden diese Güter und Dienstleistungen in der offiziellen Statistik auftauchen, wäre das Bruttoinlandsprodukt um mehr als ein Sechstel größer, Steuern und Sozialabgaben könnten deutlich sinken: 125 Milliarden gehen dem Staat verloren, schätzt das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft. Das geht jedoch nicht allein auf das Konto von feierabendaktiven Fliesenlegern und Friseuren. Zur Schattenwirtschaft gehören ebenso der ehrenamtliche Vereinsvorsitz oder die Nachbarschaftshilfe bei der Obsternte, die nicht per se gesetzeswidrig sind.

Überall, wo eher Hände als Maschinen das Tagwerk vollbringen, ist Schwarzarbeit verbreitet: im Handwerk, beim Hausbau und in der Gartenbranche. Würde die Schwarzarbeit in den legalen Sektor verlegt, könnten allein im Handwerk 500 000 zusätzliche legale Jobs entstehen, glaubt Handwerks-Präsident Dieter Philipp. Ökonom Schneider zweifelt indes an der Aussagekraft derartiger Zahlen - einen Großteil der verbotenen Arbeit würde es dann gar nicht geben, und das schwarz verdiente Geld flösse zudem umgehend in den offiziellen Sektor zurück (siehe Interview). Die Ursache für den Boom der Arbeit zum Spartarif liegt auf der Hand: Der Staat beansprucht einen großen Teil des Sozialprodukts für sich, zwischen Brutto und Netto klafft eine große Lücke. Wichtigste Faktoren, die zur Schwarzarbeit verleiten, sind hohe direkte und indirekte Steuern, staatliche Regulierungen wie die Neuregelung der 630-Mark-Jobs und die Komplexität des Steuersystems. Aber auch die Beiträge zur Sozialversicherung, Anfang der siebziger Jahre noch bei 27 Prozent, sind bis auf 41 Prozent geklettert. Zudem trage die verordnete Arbeitszeitverkürzung zur Zunahme bei - statt Rente mit 60 und 35-Stunden-Woche wollten die Leute lieber Geld verdienen, glaubt Schneider.

In Berlin gibt es Wichtigeres als die Bekämpfung der Schwarzarbeit. Zwar nimmt die Regierung das Thema als "bedeutende gesellschaftliche Aufgabe" schon "sehr ernst", wie sie auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion hin mitteilte. Und von der in diesem Jahr in Kraft getretenen Steuerreform erwartet Ökonom Schneider eine "erhebliche Senkung" des Umfangs der illegalen Nebenarbeit. Doch von ihrem Ziel, die Sozialabgabenquote in dieser Wahlperiode unter 40 Prozent zu drücken, ist die Koalition weit entfernt. Das ist falsch, kritisiert die Opposition. "Der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung ließe sich sofort um einen Prozentpunkt senken", sagt Dirk Niebel, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der FDP. "Die Regierung will damit aber bis 2002 warten, um Wahlkampfmunition zu haben". Weiterhin könne man über einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz für personalintensive Dienstleistungen nachdenken, was auch Handwerks-Präsident Philipp für wünschenswert hält. Überhaupt, so FDP-Mann Niebel, gehörten die Steuern generell weiter gesenkt, wobei man "nicht immer gleich an die Gegenfinanzierung denken" müsse. Philipp schlägt zudem vor, dass die Bürger Handwerkerrechnungen von der Steuer absetzen können sollen.

Bei der SPD zeigt man sich solchen Überlegungen gegenüber eher reserviert. Ulla Schmidt, Arbeits- und Sozialexpertin sowie stellvertretende Fraktionschefin, hat eine andere Idee. Private Arbeitgeber sollen einen Zuschuss erhalten, wenn sie haushaltsbezogene Dienste legal bei so genannten Dienstleistungszentren nachfragen, statt sie schwarz erledigen zu lassen. Die Differenz zwischen dem illegalen, vom Haushalt bezahlten Lohn und dem Marktlohn solle der Staat beisteuern. Noch seien aber viele Fragen ungeklärt - die EU gestatte derartige Subventionen nicht, und teuer seien sie zudem. Vorerst, so Schmidt, müsse die Zusammenarbeit von Finanz- und Strafverfolgungsbehörden verbessert werden, und durch Fahndung und Kontrollen müsse man abschrecken.

Schwarzarbeits-Experte Schneider hält davon freilich wenig. Eine aufwendigere Bekämpfung vergeude nur unnötig Geld, glaubt er: "Der Staat muss mehr Personal einstellen, um Schwarzarbeiter zu überführen, und die Arbeiter selbst müssen mehr Energie darauf verwenden, nicht entdeckt zu werden - auch das verursacht Kosten."

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