Wirtschaft : Kampf um den flexiblen Kunden

ULRICH BUCHHOLTZ (HB)

Angebot der Direktbanken wird immer differenzierter / Sorgfältige Prüfung lohnt sichVON ULRICH BUCHHOLTZ (HB)Soll es ein gebührenfreies Girokonto mit hohen Guthabenzinsen sein? Oder wollen Sie lieber Top-Fonds zum Nulltarif kaufen? Und wie wäre es mit einer privaten Rentenversicherung, die eine besonders hohe Garantieleistung bietet? Wie Marktschreier überbieten sich die Direktbanken gegenseitig.Aus gutem Grund.Vor vier Jahren waren Kreditinstitute, die ohne Filialen arbeiten, nur eine Randerscheinung im deutschen Geldgewerbe.Heute ist das Banking per Telefon, Computer, Brief oder Fax eine Wachstumsbranche.Entsprechend hart ist der Kampf um die Kunden.Deren Zahl ist mit ungefähr 1,5 Millionen zwar noch überschaubar; sie wird aber in den nächsten Jahren kräftig wachsen.Eine Studie des Bonner Bankenfachverbandes sieht ein Potential von bis zu 15 Millionen Kunden.Eine Infas-Umfrage im Auftrag der Santander Direkt Bank stützt diese Prognose: Jeder fünfte Bundesbürger hat an Geldgeschäften dieser Art Interesse.Noch nie waren die Chancen so gut, ein Geldhaus zu finden, das zu einem paßt, denn der Wettbewerb läuft nicht mehr nur über die Preise, sondern auch über die Produkte und den Service.Die Institute wissen, daß sie ihren Kunden etwas bieten müssen.Es sind vor allem die kritischen und anspruchsvollen Kunden mit gutem Einkommen, die am Direktbanking interessiert sind.Ein Schlaraffenland ist die neue Bankenwelt aber nicht.Die meisten auf den ersten Blick tollen Angebote haben auch eine Schwäche.So bietet etwa die Direkt Anlage Bank inzwischen zwar mehr als 1000 Fonds mit Rabatt oder sogar ganz ohne Ausgabeaufschlag, darunter auch etliche Spitzenprodukte.Doch Girokonten führt die Hypo-Bank-Tochter nicht gerne, und bei Aktienkäufen per Telefon muß sich das Institut von zwei Konkurrenten Consors und Comdirect - unterbieten lassen.Selbst die kostenlosen Girokonten mit Guthabenzinsen machen nicht wunschlos glücklich: Das Zinsgiro-Konto der Advance Bank wirft zwar 2,5 Prozent Zinsen ab.Dafür langt die Dresdner-Bank-Tochter jedoch ab der 51.Buchung im Quartal und bei den Kreditkarten-Gebühren kräftig zu.Das Bank Girotel UniGiro-Konto bringt gar drei Prozent, ist aber nur für Studenten.Und die Comdirect verzichtet nur im ersten Jahr auf die Gebühren.Bankkunden sollten deshalb genau überlegen, was ihnen wichtig ist.Als erstes sollten sie für sich drei Fragen klären: Habe ich niedrig verzinste Beträge auf Sparbüchern oder als Festgeld angelegt, die sich besser rentieren könnten? Wofür zahle ich derzeit hohe Gebühren, die ich verringern möchte (Girokonto, Bargeldabhebung, Dispozinsen, Aktienkäufe, Fondskäufe)? Welcher Kundentyp bin ich: Der Sparsame, der mit jeder Mark rechnet und notfalls auch bei drei, vier oder fünf Instituten Konten unterhält? Der Bequeme, der am liebsten bei seiner Hausbank bleibt, wenn sie ihm auch Telefonbanking außerhalb der Schalterzeiten ermöglicht und bei den Zinsen etwas entgegenkommt? Oder der Flexible, der zu jeder Tageszeit und an fast jedem Ort über sein Geld verfügen möchte.Wenn bei der Durchsicht der Unterlagen zum Beispiel 10 000 DM auftauchen, die auf einem Sparbuch mit 1,5 Prozent Zinsen schlummern, lohnt sich der Anruf bei der BMW Bank.Die zahlt für täglich verfügbares Geld 3,3 Prozent Zinsen.Ein Plus von 180 DM, für das sich auch der lästige Papierkram bei der Kontoeröffnung rentiert.Euro-Pessimisten werden vielleicht lieber zur Santander Direkt Bank gehen und die 10 000 DM als Tagesgeld auf ein US-Dollar-Währungskonto einzahlen.Das bringt 4,25 Prozent Zinsen im Jahr.Wer beruflich viel unterwegs ist, wird sich über die hohen Gebühren für die Bargeldauszahlungen an Automaten fremder Kreditinstitute ärgern.Dann sind die Girokonten der Allgemeinen Deutschen Direktbank (ADDB) und der 1822direkt interessant.ADDB-Kunden können sich weltweit an jeder Geldmaschine mit einem Visa-Zeichen gebührenfrei bedienen.Das sind allein in Deutschland mehr als 33 000 der insgesamt etwa 44 000 Automaten.Weltweit gibt es sogar 660 000 Auszahlungsstellen.Das zweitgrößte Bargeldnetz bietet die 1822direkt, ein Direkt-Service der Frankfurter Sparkasse, mit den Automaten der deutschen Sparkassen.Beide Girokonten kosten zwar eine monatliche Pauschale, doch gibt es auch hohe Guthabenzinsen.Der Wechsel eines Girokontos ist meist aufwendig.Deshalb ist es wichtig, sich vorher genau über die Konditionen zu informieren, um für sich das richtige Geldinstitut zu finden.Wer allerdings ohnehin häufig umziehen muß, fährt mit einer Direktbank möglicherweise besser als mit einer Filialbank, denn dann entfällt der Bankwechsel von Ort zu Ort.Eine Grundregel sollten alle Wechsler beherzigen.Erst das neue Girokonto eröffnen und Überweisungen, Daueraufträge und Lastschrifteinzüge nur noch über dieses Konto laufen lassen, dann prüfen, ob wirklich keine Buchungen mehr auf dem alten Konto ankommt, und erst nach diesem Check das alte Konto auflösen.Dieser sanfte Übergang kann Wochen und Monate dauern und kostet vorübergehend doppeltes Geld, erspart aber auch unangenehme Überraschungen.Noch mehr Zeit braucht gewöhnlich der Wechsel eines Wertpapierdepots.Die Direktbanken bieten meist sehr attraktive Konditionen für den Kauf von Anleihen, Aktien, Optionsscheinen und zum Teil auch für Fonds.Die Kosten betragen oft nicht einmal die Hälfte der üblichen Sätze (siehe nebenstehenden Artikel).Doch der Übertrag der Wertpapiere vom alten auf das neue Depot ist teuer, weil die alte Bank meist hohe Gebühren verlangt.Immer stärker werden sich Mischformen beim Banking herausbilden: Beratungsintensive Geldgeschäfte wie Aktien-Käufe oder die Hausfinanzierung bleiben beim herkömmlichen Institut, das Girokonto aus Gewohnheit meist auch.Bei einfachen Geschäften kommen dagegen die Direktbanken zum Zuge: Spargelder wandern auf die höher verzinsten Tagesgeld- oder Währungskonten, der Ratenkredit für die neue Küche kommt vom günstigsten Anbieter, der Fonds-Sparplan läuft ohne Aufgeld bei einer Direktbank.Grenzen für dieses Vorgehen setzt nur die eigene Bequemlichkeit.

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