Kampf um die Rente : Wovon sollen wir im Alter leben?

Die Gewerkschaften wollen das Rentenniveau heraufsetzen, die Arbeitgeber sind entsetzt. Das IW hingegen fordert die Rente mit 73.

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Entspannt: Rentner sollen von der Rente leben können, finden die Gewerkschaften.
Entspannt: Rentner sollen von der Rente leben können, finden die Gewerkschaften.Foto: dpa

Im politischen Berlin ist Sommerpause. Doch ein Ministerium kann sich Ferien derzeit nicht leisten. Im Bundesarbeitsministerium wird derzeit an einem neuen Rentenkonzept gebastelt. Wie geht es weiter mit der gesetzlichen Rente, wie stärkt man die betriebliche Altersvorsorge? Das sind Fragen, die Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) im Herbst beantworten will.

Die Sozialpartner bringen sich schon jetzt in Stellung. Verdi-Chef Frank Bsirske forderte am Montag mehr Ausgaben für die gesetzliche Rente. „Es kann nicht sein, dass man nach jahrzehntelanger Arbeit mit der Rente nicht anständig über die Runden kommt“, ärgert sich der Gewerkschafter. „Der zentrale Stellhebel ist das gesetzliche Rentenniveau. Es muss stabilisiert und angehoben werden“, fordert Bsirske. Das nötige Geld soll aus Beitragserhöhungen kommen.

Dass er damit auf Widerstand stößt, ist dem Verdi-Chef klar. Die Arbeitgeberverbände und die Versicherungswirtschaft – nach Meinung Bsirskes die Hauptprofiteure der Rentenmisere – „werden aus allen Rohren dagegen schießen“, vermutet der Gewerkschafter.

Mahnt: Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall, warnt vor Beitragssteigerungen.
Mahnt: Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall, warnt vor Beitragssteigerungen.Foto: dpa


Zu Recht. Der Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall, Oliver Zander, sprach am Montag von einer „brandgefährlichen Dynamik“. Das Rentenniveau bis zum Jahr 2030 bei über 47 Prozent stabil zu halten oder es gar auf 50 oder 53 Prozent anzuheben, würde Milliarden kosten. „Die Volksparteien werden den Vertrauensverlust nicht durch Rentengeschenke zur Bundestagswahl 2017 ausgleichen können, wenn damit zugleich Staatsfinanzen und Sozialkassen endgültig ruiniert werden“, mahnt Zander.

Worum geht es? Derzeit liegt das Rentenniveau – das Verhältnis der Rente nach 45 Jahren Arbeit zum Durchschnittseinkommen – bei 47,7 Prozent. Bis 2030 soll es auf rund 44 Prozent sinken. Aufgeschreckt von Meldungen, dass dann immer mehr Menschen nicht mehr von der Rente allein leben können, fordern die Gewerkschaften einen Kurswechsel. Weg von der staatlich geförderten Riester-Rente hin zu einer Stärkung der gesetzlichen Rente.

Die IG Metall hat bereits im Juli ein Rentenkonzept vorgelegt, der Deutsche Gewerkschaftsbund will im September folgen. 6,1 Millionen Menschen sind derzeit Mitglieder einer DGB-Gewerkschaft, die Gewerkschaften sind damit ein wichtiger Machtfaktor in der Rentendebatte. Sie sitzen mit am Tisch, wenn sich Nahles im Oktober mit Arbeitgebern und Sozialverbänden zu einem Rentendialog trifft.

Auch immer mehr Experten fordern Reformen – allerdings gehen die Ideen meist in die andere Richtung. So mahnen der Internationale Währungsfonds und die OECD, dass die Deutschen länger arbeiten sollten bis zur Rente. Das Institut der deutschen Wirtschaft wird konkret und spricht von der Rente mit 73.

Foto: dpa-infografik


Dabei ist Deutschland gerade erst auf dem Weg zur Rente mit 67. Gert G. Wagner, Rentenexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hält von solchen Forderungen nichts. „Im Moment läuft der von Ministerin Nahles begonnene „Rentendialog“. Da kommen alle Optionen auf den Tisch“, sagte Wagner dem Tagesspiegel. Die Rente mit 73 würde es erleichtern, den Beitragssatz niedrig und das Rentenniveau ausreichend hoch zu halten. „Welcher Mix dieser drei Elemente in 20 oder 30 Jahren gewählt wird, muss jetzt aber noch nicht entschieden werden“, warnt Wagner vor unnötigen Debatten. „Das wird auch davon abhängen wie gut die Integration der Geflüchteten und anderer Zuwanderer gelingen wird.“ (mit dpa)

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