Wirtschaft : Kampfhähne auf der Flucht

Thailands Züchter fürchten die staatliche Bekämpfung der Vogelgrippe: Ihren teuren Tieren droht die Schlachtung

James Hookway

Der staubige Hinterhof ist mit so vielen Weidenkörben vollgestellt, dass sich Vichian Tansiri nur mühsam einen Weg bahnen kann. Dabei fragt er sich, wie lange er seine in den Körben scharrenden und kreischenden Kampfhähne vor den Schlächtern der Regierung bewahren kann.

Zahlreiche asiatische Länder haben Millionen Hühner geschlachtet, seit sich die Vogelgrippe ausgebreitet hat. Die Seuche grassiert mittlerweile in mindestens zehn Ländern. In Thailand und Vietnam haben sich auch Menschen mit dem Erreger angesteckt. Mindestens 20 sind an der Vogelgrippe gestorben.

Wie schwer die Bekämpfung der Seuche ist, zeigt das Beispiel des 71-jährigen Vichian und anderer Kampfhahnzüchter. Für den Thailänder hängt vom Leben seiner Tiere besonders viel ab: Seine Hühner sind wertvolle Kampfhähne. In ganz Asien haben sie Preise gewonnen, weil sie im Ring dynamisch auf ihre Gegner springen und mit ihren Klauen verletzen. Bislang hatte Vichian Glück. Sein Wohnviertel wurde noch nicht offiziell zum infizierten Gebiet erklärt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und andere internationale Gesundheitsinstitutionen fordern die schnelle Tötung aller Vögel, um den Vogelgrippe-Virus H5N1 einzudämmen, bevor er zu einer Variante mutiert, die schneller von einem Menschen auf den anderen übertragen wird und eine gefährliche Grippeseuche auslösen könnte. In infizierten Regionen in Thailand wird die Gefahr als so hoch eingeschätzt, dass Soldaten und Gefangene auf Anordnung der Regierung Hühner in alte Reissäcke stecken und sie lebendig in flachen Erdgruben vergraben.

Doch die thailändischen Kampfhahn-Züchter versuchen, der Massenschlachtung der Tiere zu entgehen – manchmal sogar mit tödlichem Ausgang. So sucht die thailändische Polizei einen Mann, der angeblich seinen Schwager zu Tode geprügelt hat, weil der seinen preisgekrönten Hahn getötet und verspeist hat. Das Tier war der staatlich angeordneten Schlachtung entgangen.

In der thailändischen Stadt Chiang Saen an der Grenze zu Laos schickten einige Hahnzüchter ihre Krieger in den Untergrund, als die Region zu einem Infektionsgebiet erklärt worden war. „Ich habe meine Vögel ins Haus geholt, weil ich sie nicht sterben sehen wollte“, sagt ein 43-jähriger Mann, der seine Hähne auf seiner Veranda sonnt. Aus diesem Grund hat die thailändische Polizei in vielen Provinzen Kontrollstützpunkte eingerichtet. Mit Taschenlampen leuchtet sie in vorbeifahrende Autos, um zu verhindern, dass Kampfhähne aus infizierten Gegenden herausgeschmuggelt werden.

Die Sorge, dass die Tiere mit dem Vogelgrippe-Virus infiziert sind, ist nicht grundlos: Ein sechsjähriger Junge namens Nithikorn Chidnok starb am 2. Februar in Bangkok, nachdem er mit Kampfhähnen in Berührung gekommen war. Am Tag darauf wurde ein sechsjähriges vietnamesisches Mädchen Opfer der Vogelgrippe. Auch sie hatte Kontakt mit einem kranken Wetthahn gehabt.

Thais lassen gern alle möglichen Tierarten gegeneinander kämpfen und wetten auf den Ausgang des Kampfes. In einigen Provinzen lassen Menschen sogar Spinnen, Büffel und schwarze Mistkäfer gegeneinander antreten. Doch es sind die thailändischen Kampfhähne, die das Rennen machen.

Teure Zucht, mächtige Lobby

Unterstützt von ihrer mächtigen Lobby sind viele thailändische Hähne der Massenschlachtung entgangen. Das macht deutlich, wie schwierig es ist, die asiatischen Länder von allen potenziellen Krankheitsträgern zu befreien, wie es die WHO empfiehlt.

Für einen Kampfhahnzüchter, der tausende Dollar und viele Jahre in einen Rassehahn investiert, dürfte das Leben eines Vogels wertvoller sein, als die Ausbreitung einer gefährlichen Krankheit zu verhindern. Vichian, eine Art Dorfchef in dem verschlafenen Bangkoker Vorort Nong Chok, hat Vögel gezüchtet, die Preisgelder von 2500 Dollar errungen haben. „Wir haben mehr als 100 Jahre auf die Zucht dieser Hähne verwendet und wir können jetzt sagen, dass sie die besten weltweit sind“, sagt Vichian, während er eiskaltes Wasser in einem Wohnzimmer trinkt, an dessen Wänden eingerahmte Seiten aus Hahnenkampf-Zeitschriften hängen. „Unsere Kampfhähne sind in vielen anderen Ländern wie Indonesien, Brunei und auf den Philippinen beliebt. Sie zu töten hieße, die Blutlinie auszulöschen.“ Um sicherzugehen, dass die Blutlinie – und der Profit, den sie bringt – erhalten bleibt, kann Vichian auf die Unterstützung einer ungewöhnlichen Koalition von Bauern, wohlhabenden Politikern und sogar eines Popsängers bauen. Die Gruppe, früher die Thai Figthing Cock Association genannt, rät ihren Mitgliedern, ihre Hahn-Champions vor den staatlichen Behörden zu verstecken. Ihre Begründung: Die Lokalregierung könne die angemessene Entschädigung nicht zahlen.

Hahnenkämpfe sind fester Bestandteil der südostasiatischen Landeskultur. Auf den Philippinen finden etwa Hahnkämpfe in eigens gebauten Stadien vor laufenden Fernsehkameras statt. In Indonesien verfügen viele Dörfer über einen Hahnenkampfplatz.

Thailändische Bundesminister versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen: Der Agrarminister Somsak Thepsuthin hat seinen preisgekrönten Kampfhahn dem Messer ausgeliefert. Aber lokale Politiker befürchten, dass bei einer staatlich verordneten Schlachtung die Züchter in den Untergrund abtauchen. „Wenn Sie einen derart seltenen Vogel hätten und hörten, dass die Behörden kommen und ihren Vogel töten wollen, würden Sie dann einfach dasitzen und sie machen lassen?“, fragt der stellvertretende Bürgermeister von Bangkok, Prapan Kitisin.

Vichian rät anderen Mitgliedern des Hahnenzüchter-Verbandes, seinem Beispiel zu folgen und zumindest einige Tiere aus der Zucht zu verstecken, so dass sie nach dem Abklingen der Vogelgrippe weitermachen können.

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