Wirtschaft : Kampfkandidatur um die IG Metall-Spitze

Zwischen Jürgen Peters und Berthold Huber trifft die Gewerkschaft auch eine Richtungsentscheidung

Alfons Frese

Die IG Metall steuert auf einen der größten Konflikte ihrer Geschichte zu. Erstmalig gibt es zwei Kandidaten für den ersten Vorsitz der Gewerkschaft. Darüber hinaus verkörpern die potenziellen Nachfolger von Klaus Zwickel entgegengesetzte politische Richtungen: Für eher klassenkämpferische Rhetorik steht der gegenwärtig zweite Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Peters; das Image eines modernen Arbeitnehmerführers mit intellektuellem Touch trägt der Stuttgarter IG Metall-Chef Berthold Huber.

Die meisten Spitzenfunktionäre inklusive Klaus Zwickel plädieren für Huber als neuen Vorsitzenden der 2,6 Millionen Mitglieder zählenden IG Metall. Am 7. April wird Zwickel dem zehnköpfigen geschäftsführenden Vorstand der Gewerkschaft Berthold Huber als seinen Nachfolger vorschlagen. In dem Gremium, dem auch Peters angehört, werden mindestens sechs Stimmen Huber zugerechnet; sichere Peters-Unterstützer sind nur die Gewerkschaftslinken Karin Benz-Overhage und Horst Schmitthenner. Mit dem Votum des geschäftsführenden Vorstands befasst sich dann der gesamte IG Metall-Vorstand am 8. und 9. April in Dresden. Auch in diesem Gremium, das insgesamt 41 Personen umfasst, ist eine Mehrheit für Huber wahrscheinlich. Dann liegt es an Jürgen Peters, ob er auf dem Gewerkschaftstag im Oktober gegen Huber antritt.

Peters selbst hält sich in dieser Angelegenheit bedeckt: „Warten wir es doch mal ab.“ Ein Vorstandsmitglied der Gewerkschaft mutmaßt, Peters werde vermutlich nicht kandidieren, wenn er dadurch Schaden für die Organisation befürchte. Je größer der Vorsprung Hubers, desto geringer die Wahrscheinlichkeit einer Kandidatur Peters.

Hasso Düvel, Bezirksleiter der IG Metall in Berlin, Brandenburg und Sachsen, sieht das ganz anders. „Peters wird in jedem Fall kandidieren“, sagte Düvel dem Tagesspiegel, und weist hin auf die Tradition der Gewerkschaft, wonach der zweite Vorsitzende immer nachrückt. „In der IG Metall wird der Zweite Erster.“ Düvel ist aus dem Kreis der sieben Bezirksleiter neben dem Niedersachsen Hartmut Meine der einzige Peters-Befürworter. Der Berliner Bezirkschef räumt zwar ein, dass zwei Kandidaten für die IG Metall „verheerend“ sein könnten. Aber Peters als zweiter Vorsitzende sei der „geborene Kandidat“. Und zwar auch deshalb, weil Peters „kompromissfähig ist“, aber auch „ein klares Verhältnis zu gewerkschaftlichen Positionen hat“. Anders als Klaus Zwickel, der seit 1993 die IG Metall führt, werde sich Peters auf ein Bündnis für Arbeit, „das uns überhaupt nichts gebracht hat“, nicht einlassen, meint Düvel. Die politische Erwartung an den neuen IG Metall-Chef formuliert Düvel, indem er davor warnt, „dem Kanzler weiter die Stange zu halten“; das provoziere nur Mitgliederverluste in der IG Metall.

Schröder hilft Peters

Nach Ansicht von Klaus Lang, Chefstratege im IG Metall-Vorstand, muss die Gewerkschaft unter ihrem neuen Vorsitzenden Antworten auf verschiedene Fragen finden: „Welcher Umgang mit der Politik führt die IG Metall langfristig weiter? Welche Konzeption von Tarifpolitik wird angestrebt und wie wird die Gewerkschaft attraktiver für neue Mitglieder?“ Offensichtlich sind die meisten Spitzenfunktionäre der Auffassung, Berthold Huber sei eher geeignet, diese Fragen zu beantworten.

Doch im Oktober entscheidet die Basis respektive die 598 Delegierten, die sich in Hannover versammeln. „Zwei Drittel“ der Delegierten sieht Hasso Düvel auf Peters Seite, insbesondere die Abgesandten aus Berlin, Brandenburg und Sachsen, aus Niedersachsen, Frankfurt und Bayern. Die meisten Delegierten stammen allerdings aus Nordrhein-Westfalen (154) und Baden-Württemberg (106), den Bezirken, die neben der Küste (49 Delegierte) ziemlich geschlossen hinter Huber stehen. Peters Erfolg hängt also von seinem Wahlkampf ab.

Die politische Großwetterlage kommt ihm dabei entgegen. Nach dem endgültigen Scheitern des Bündnis für Arbeit und nach Gerhard Schröders Regierungserklärung vom 14. März weht den Gewerkschaften der Wind noch schärfer ins Gesicht. Mit dem Etikett der sozialpolitischen Bremser und Blockierer versehen und vom traditionellen Partner SPD beinahe ignoriert, stehen Verdi, IG Metall und DGB in der Ecke. Wenn sich Schröder durchsetzen sollte und vor allem Arbeitslose und Arbeitnehmer (weniger Arbeitslosengeld und Kündigungsschutz) Opfer bringen müssten, erhöht das die Konfliktbereitschaft in der IG Metall. Und Peters bringt das Unbehagen über die Zeitumstände auf den Begriff: Er spricht vom „Terror der Ökonomie“, dem das Schicksal der Beschäftigten unterliegt. Diese Rhetorik liebt die IG Metall-Basis; sie ist Peters schärfste Waffe im Kampf um den Spitzenposten.

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