Wirtschaft : Kanadier forschte über Wechselkurse und erfreute Generationen von Studenten mit seinen Theorien

jhw/tik

Der Kanadier Robert Mundell, Professor an der Columbia University in New York, bekommt den diesjährigen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Das gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Mittwoch in Stockholm bekannt. Damit erhält ein Ökonom das Preisgeld von 1,8 Millionen Mark, den zumindest jeder Student der Volkswirtschaftslehre kennt. Denn Mundell entwickelte vor 36 Jahren das heute berühmte Mundell-Fleming-Modell, das zum Grundstoff der Wirtschaftswissenschaft gehört. Zudem fand seine Theorie der optimalen Währungsräume Beachtung - zuletzt vor dem Start des Euro.

Dem Düsseldorfer "Handelsblatt" sagte Mundell am Mittwoch: "Man kann letztlich noch nicht sagen, ob die Eurozone ein optimaler Währungsraum ist. Die Währungsunion ist in jedem Fall ein Modell, das alle Beteiligten wirtschaftlichen Erfolg bringen wird. Es gibt keine asymmetrischen Schocks mehr durch überraschende Ab- oder Aufwertungen. Vielleicht ist der Faktor Arbeitskraft noch nicht mobil genug. Der Faktor Kapital ist es in jedem Fall".

Der 67-Jährige hat nach Auffassung der Akademie die Grundlagen für eine Theorie gelegt, die bis heute die praktischen wirtschaftspolitischen Erwägungen im Bereich der Geld- und staatlichen Haushaltspolitik offener Volkswirtschaften beherrscht. Seine Arbeiten hätten "Generationen von Wissenschaftlern inspiriert", heißt es in der Begründung. Seine wichtigsten Beiträge stammen aus den 60er Jahren. Obwohl seine Arbeiten mehrere Jahrzehnte zurücklägen, seien sie doch "von überragender Bedeutung". "Einzigartig war Mundells Fähigkeit, mit fast prophetischer Genauigkeit die Probleme aufzugreifen, die sich im nachhinein als entscheidend für die Entwicklung internationaler geldpolitischer Arrangements und internationaler Kapitalmärkte erwiesen", teilte die Akademie mit.

Betrachteten Wirtschaftsforscher vor Mundell eine Volkswirtschaft, die abgeschlossen vom Rest der Welt war; so führte der Kanadier die Annahme ein, dass Güter und Kapital Grenzen überwinden können. Das ermöglichte Aussagen über die Grenzen nationaler Wirtschaftspolitik - hinsichtlich der Ausgabenpolitik der Regierung und der Geldpolitik der Notenbank. Mundell zeigte, dass die Wirkung der Politik davon abhängt, in welchem Maß Kapital international mobil ist. In einem System freier Wechselkurse, in das die Zentralbank nicht eingreift, hat Geldpolitik eine starke Wirkung, demonstrierte der Ökonom. Dagegen nutzt eine Ausgabenpolitik zur Ankurbelung der Konjunktur nichts. Heute, so die Akademie, wird die Geldwirtschaft vieler Länder durch flexible Wechselkurse und hohe Kapitalmobilität geprägt. In den frühen 60er Jahren aber musste eine Analyse der Konsequenzen einer solchen Struktur vielen als akademische Kuriosität vorgekommen sein.

Zwei Jahre vor diesem herausragenden Aufsatz verfasste Mundell die Weg weisende Arbeit über optimale Währungsgebiete. Wie groß sollte ein so genannter Währungsraum sein, in dem eine einzige Währung gilt? Mundells Artikel war der erste, der auf diese Frage einging. Zu den Vorteilen einer gemeinsamen Währung zählt er die geringeren Kosten, weil man weniger Währungen umtauschen muss und sich die Unsicherheit über Preisschwankungen wegen des Wechselkurs-Risikos verkleinert. Mehr Augenmerk legt er jedoch auf die Nachteile - und als den größten bezeichnet er das Problem, die Beschäftigung aufrechtzuerhalten, wenn sich die Bedingungen überraschend verändern. Schon Mundell betonte, wie wichtig ein hoher Grad von Mobilität der Arbeitskräfte ist, um solche Störungen aufzufangen. "Die Art und Weise, in der Mundell das Problem formulierte, hat Generationen von Ökonomen beeinflusst", lobt die Akademie. Zuletzt traf das in der Diskussion um die Einführung des Euro zu. Denn zwischen den elf Volkswirtschaften in Euroland fällt der Wechselkurs als Mechanismus weg, der Störungen in einigen Teilen des Währungsraums auszugleichen vermag. Folglich, so würde Mundell sagen, müssten die Arbeitskräfte bereit sein, über nationale Grenzen hinweg umzuziehen. Wollen sie das nicht, so droht ein Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Wissenschaftler, die sich mit der Europäischen Währungsunion beschäftigen, betrachten die Idee des optimalen Währungsgebietes als selbstverständlichen Ausgangspunkt ihrer Analysen. Der Berliner Professor Michael Burda von der Humboldt-Uni sagte, gewöhnlich messe man die Leistung eines Wirtschaftswissenschaftlers daran, wie lange andere ihn zitierten. Burda: "Bei Mundell ist die Bilanz sehr beeindruckend."

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