Wirtschaft : Kaninchen im Anzug

Aus drei Metern Papier einen Meter gemacht /Peter Hartz im Kanzleramt und im Französischen Dom

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Von Robert von Rimscha

Das weiße Kaninchen trug einen dunklen Anzug. Da war er also, der lange erwartete Auftritt von Peter Hartz neben Gerhard Schröder. Was man sonst mit einem Kaninchen macht, es nämlich aus dem Hut zu zaubern, das konnte man über den Auftritt zunächst im Kanzleramt und dann, ohne Schröder, im Französischen Dom nicht wirklich sagen. Lange geplant, sorgfältig inszeniert: Von spontaner Zauberei hatte dies nichts.

Nur war da etwas passiert, etwas überhaupt nicht Inszeniertes und gar nicht Geplantes. So galt die Aufmerksamkeit auch an diesem Freitag nicht wirklich der Feier eines Dokumentes, dessen Kernbestandteile seit Monaten lanciert und debattiert, zurückgewiesen und gepriesen werden. Wegen des Hochwassers war die Bühne und ihre Angemessenheit selbst zum wichtigsten Thema geworden. Schröder hatte bereits am Donnerstag unwirsch auf Fragen reagiert, ob denn wegen des Hochwassers nicht der Wahlkampf eine Auszeit nehmen solle. Wer so denke, so Schröder, könne auch sagen: „Warum soll Herr Hartz noch seine Kommissionsarbeit vorstellen? Sollen wir das abblasen? Ich glaube, das wäre falsch.“ Natürlich werde in Flut-Zeiten „wenn nötig“ der Wahlkampf Wahlkampf sein gelassen. „Aber ich glaube nicht, dass jede Aktivität, die nichts mit dem Ereignis zu tun hat, jetzt eingestellt werden sollte. Das geht auch gar nicht.“

Auch Hartz rang mit der Frage, welches die angemessene Bühne für seine Ideen sein könnte. Für den VW-Manager war die Alternative nicht Gummistiefel oder dunkler Anzug, er dachte vielmehr in den Kategorien von Populärem oder Festlichem. Er sei ja ein Fan von Thomas Gottschalks „Wetten dass“, bekannte der Arbeitsmarktreformer am Donnerstag abend. Und da sei jemand wie er schon versucht, seiner Prognose, zwei Millionen Arbeitslose seien durch sein Paket innerhalb von drei Jahren wieder in Lohn und Brot zu bringen, im Rahmen einer Wette die nötige, massenwirksame Glaubwürdigkeit zu verleihen. Nur auf die Frage, was er beim Verlust seiner Job-Wette denn als Einsatz anbieten wolle, drückte sich Hartz. Schlammschippen an der Elbe? Der Vorschlag kam. Das wäre die bizarre Verknüpfung von Flut und Globalreform gewesen.

Das Kanzleramt platzt fast beim Auftritt von Schröder und Hartz. Die Presse ist in Scharen gekommen. Später im Dom, wo Hartz lieber von „einer Informationsveranstaltung“ denn von einer Krönungsmesse spricht, fehlen Industrie und Opposition. Hartz macht es seinen Zuhörern nicht immer leicht. „Welche Organisation dimensionieren wir denn, und in welcher Größe?“, fragt er beispielsweise. Die Minister Riester und Müller nebst BA-Chef Gerster stehen vor der Kommission, die sich rechts neben Hartz aufgebaut hat. Als der verkündet, auf eine Definition des Job Floater wolle er jetzt verzichten, bricht Heiterkeit aus.

„Aus drei Metern Papier sollten wir einen Meter machen“, sagt Hartz. Schröder, der links neben ihm steht, nickt kurz und wendet die offene linke Hand Hartz zu, als Angebot sozusagen. „Die ganze Welt haben wir umgegraben“ nach den besten Lösungen, versichert Hartz. Er spricht mit Karteikarten, meist in der Linken und zuweilen in der Rechten, und mit der anderen Hand meistens in der Luft, er schwankt von einem Bein aufs andere, Schröder steht stoisch daneben.

„Schlaflose Nächte“ habe ihm der „Kürzungskasten“ bereitet, und „sehr harte Nüsse“ hätten im Kündigungsschutz gesteckt, sagt Hartz. Beim Kündigungsschutz gehe es nun darum, ihn „praktikabel zu neutralisieren“, was so offen klingt, dass man es für einen Freudschen Versprecher halten müsste, hätte Hartz die Formel nicht seit längerem in seinem Repertoir. DGB-Chef Sommer antwortet jedenfalls kurz darauf auf die Frage, ob er sich denn unter dieser Formulierung etwas vorstellen könne, nur mit einem knappen „Ja!“

Dann erhält Schröder eine Disk, ein modernes Medium für eine moderne Reform, und der Kanzler lobt, Hartz habe „nicht den Konsens um jeden Preis“ gesucht. Vor gut sieben Wochen, am 26. Juni, stand ein anderer Herr im dunklen Anzug im Dom. Die Gesellschaft müsse wegkommen „vom kleinsten gemeinsamen Nenner, weg vom Konsens um jeden Preis“, hatte der gesagt. Das war, wortgleich, Edmund Stoiber gewesen.

Hartz und Schröder, beide wollen sie noch ein Anliegen loswerden. Der VW-Boss benennt, fein nach Berufsgruppen aufgefächert, insgesamt 6,1 Millionen „Profis der Gesellschaft“, die sich nun in einer Weise um die Arbeitslosigkeit kümmern sollen, wie sie dies bisher leider nicht getan hätten. Vereine beispielsweise könnten doch Patenschaften für Jobsuchende übernehmen.

Auch Schröder mahnt die Umsetzung der Ideen an. Nur nicht in Detailkritik zerredet werden sollten sie nun. Warum das ganze Paket so spät kommt, kann der Kanzler erklären. „Viele Leute haben Angst vor Veränderungen.“ Deshalb wohl musste die gefühlte Arbeitslosigkeit, auch wegen der neuen Opfer aus der New Economy, erst auf Rekordhöhe steigen. Und noch einen Wunsch hat Schröder. Die Besitzstandswahrer und Interessengruppen sollten doch nun bitte nicht im Kleingedruckten nachweisen, warum irgendetwas von den Hartz-Ideen aus welchem Grund auch immer nicht gehe. Nein, das Land müsse nun prüfen, „wie man es gehend machen kann in seinen gesamten Wirkungszusammenhängen“. Ein schwieriger Satz, ganz Schröder, aber wohl der Kern dessen, was der Kanzler gern sähe. Denn dann wäre, Flut hin, Flut her, Hartz mit seinem Paket doch noch sein weißes Kaninchen.

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