Wirtschaft : Kanzleien und Globalisierung: Klotzen wie die Lohnsklaven

Hendrik Bebber

Zwischen einer Hypothekenvormerkung und einer Herausgabeklage aus ungerechtfertiger Bereicherung können sich die Anwälte den Stress im hauseigenen Swimmingpool abschwimmen oder mit den Klienten Bälle und Argumente auf dem Squash Court austauschen. Es wird hart gearbeitet und hart gespielt bei Clifford Chance, der größten Rechtsfirma der Welt. Sie gehört mit Linklaters, Freshfields, Eversheds und Lovell White Durrant zum "magischen Kreis" der Londoner "Superkanzleien", der mehr und mehr deutsche Sozietäten in seinen Bann zieht.

Der Druck zu expandieren wird auch in Deutschland immer größer, und nach der Öffnung des Rechtsmarktes durch die EU drängen anglo-amerikanische Kanzleien verstärkt nach Deutschland. Nach dem Motto "wenn du sie nicht schlagen kannst, trete ihnen bei" gab es eine wahre Flut von Fusionen deutscher Kanzleien mit britischen Unternehmen. Die Vorteile liegen auf der Hand. Die Deutschen profitieren von dem weltweiten Netz der Außenstellen, das ihre britischen Partner aufgebaut haben. Die Briten sehen Deutschland als ideale Zentrale für ihre europäischen Operationen.

Für Junganwälte, die ihr Praktikum in einer deutschen Regelkanzlei mit höchstens zehn Kollegen gemacht haben, ist der Wechsel in eines der Londoner Mammutunternehmen ein Kulturschock. Fast 900 Anwälte und 1900 Hilfskräfte arbeiten in dem schwarzen Monolithen von Clifford Chance in der Aldersgate Street. Die Mitarbeiter bewegen sich auf Rolltreppen zwischen den Büros. Im Keller sorgen der Swimmingpool, Squashcourts und Fitnessräume dafür, dass bei der Entspannung nicht zu viel wertvolle Arbeitszeit verloren geht. Bei der Konkurrenz soll es sogar Schlafkojen für Leute geben, die rund um die Uhr arbeiten. Fehlzeiten durch Arztbesuche werden durch hauseigene Mediziner und Dentisten reduziert.

Um der Abwerbung durch amerikanische Konkurrenz vorzubeugen, zahlen die Londoner Superkanzleien schon Berufsanfängern ein jährliches Grundgehalt von 120 000 Mark. "Dafür müssen wir aber auch klotzen wie Lohnsklaven", sagt eine junge Rechtsanwältin mit wehmütiger Erinnerung an ihre beschauliche Praktikantenzeit in der Provinz. Beim Aufstieg zu den Spitzengehältern von 3,6 Millionen Mark, die die "Partner" im "magischen Kreis" verdienen, ist die Verschleißrate schon nach zwei Jahren beträchtlich. Die Karriere hängt nicht nur von den Fachkenntnissen ab, sondern von den "positiven Indikatoren", die bei allen Mitarbeitern ständig gemessen werden: "Einsatzfreude, Energie und Geschäftssinn". Die Anforderungen der anderen Topfirmen sind nicht geringer. Kein Wunder also, dass die Sektion der Junganwälte bei der englischen Anwaltskammer eine "Telefonseelsorge" eingerichtet hat, um Hilfe bei Stress und Depressionen zu leisten.

Vor allem was den "Geschäftssinn" anbelangt, müssen deutsche Rechtsanwälte bei der Londoner Mutterfirma noch einiges dazulernen. In einem Vergleich der jeweiligen Berufsauffassung bemerkte Oliver Felsenstein, der Europamanager von Lovells, dass deutsche Anwälte traditionell mehr dem Recht verpflichtet sind als dem Kunden: "Wenn der Klient unzufrieden mit dem Vertrag war, ließ sich da wenig machen."

Die "Superliga" hat natürlich auch ihre Kritiker. Ein Hauptproblem ist die Kollision von Interessen. Bei den weltweiten Verflechtungen von Clifford Chance, weiß eine Hand manchmal nicht, was die andere tut. So sind die Topanwälte der Firma jetzt in eigener Sachebeschäftigt. Eine kanadische Baufirma hat sie wegen Fahrlässigkeit, unstandesgemäßem Verhalten und Interessenskonflikt verklagt. Clifford Chance hatte gleichzeitig die Interessen der Kanadier und einer mit diesen im Streit liegenden arabischen Behörde wahrgenommen. Streitwert: neun Milliarden Mark.

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