Wirtschaft : Kanzleien und Globalisierung: Lieber allein um Mandanten ringen

Dr. Cornelis Lehment arbeitet als Rechtsanwalt in

Nach mehr als sechs Jahren in einer führenden deutschen Großsozietät traf mich die Idee eines Sommerabends wie ein Schlag: Warum sich nicht selbstständig machen und zukünftig allein um Mandate und Mandanten ringen? Ein unerhörter Gedanke, denn Einzelanwälte sind aus Sicht der "Großen" wenig strukturierte Betriebe mit mäßig interessanten Fällen und dementsprechenden Erlösen. Demgegenüber bietet die Großsozietät Sicherheit, anspruchsvolle Mandate und eine überdurchschnittliche Bezahlung. Warum ich mich trotzdem für die Einzelpraxis entschieden habe?

In modernen Großsozietäten nach angelsächsischem Vorbild herrscht eine stark managementbezogene Unternehmenskultur. Sie bindet die einzelnen Partner in ein früher ungekanntes Strategiekorsett ein. Wegen der schieren Größen des Apparates müssen sich diese Kanzleien auf lukrative Großmandate konzentrieren. Geld, die Kontrolle der Profitabilität aller Sozietätsmitarbeiter und die damit verbundene Konzentration auf interne Angelegenheiten - an vielen Tagen habe ich mehr als ein Drittel meiner Zeit nur mit Organisationsfragen verbracht - spielen eine wesentliche Rolle. Wie groß der dadurch entstehende Innendruck einer solchen Gemeinschaft ist, habe ich erst nach meinem Ausscheiden richtig begriffen. So notwendig diese Strukturen bei der Bearbeitung großer Geschäftsfelder wie dem Kapitalmarktrecht oder der transnationalen Unternehmensberatung sein mögen - bei Mandaten, die typischerweise nur von einem Spezialisten in der Sozietät bearbeitet werden, sind sie eher hinderlich. Weil der Mandant hier den vollen persönlichen Einsatz "seines" Anwalts erwartet, können solche Mandate schlecht delegiert werden. Justiziare und Führungskräfte von Unternehmen verhalten sich eben nicht anders als der Normalbürger bei seiner Anwalts- oder Arztwahl: Das persönliche Vertrauen entscheidet.

Natürlich ist der Schritt zum Einzelkämpfer nur möglich, wenn man einen ausreichenden Mandantenstamm hat. Und der kann auf Spezialgebieten wiederum am besten in einer Großkanzlei aufgebaut werden.

Meine heutige Mandatsarbeit ist fast die gleiche wie früher. Die an besagtem Sommerabend entwickelte Theorie hat sich also - zumindest bis jetzt - in der Praxis bewährt. Die Zeit, die ich durch den Wegfall interner Tätigkeiten gewonnen habe, verwende ich für die Arbeit im Vorstand der Rechtsanwaltskammer, für Qualitätsicherung im Büro und fürs Tennisspielen. Und ich nehme auch einmal einen richtig "kleinen" Fall an - nur, weil er mir Spaß macht.

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