• Kanzleramt: Die Fassade des künftigen Amtssitzes an der Spree fertigt ein Spezialist aus Baden-Württemberg

Wirtschaft : Kanzleramt: Die Fassade des künftigen Amtssitzes an der Spree fertigt ein Spezialist aus Baden-Württemberg

Margarita Chiari

Nichts soll den Blick des Kanzlers über Berlin trüben, wenn er dereinst im achten Stock des neuen Amtssitzes an der Spree residiert. Kein Bunker wird das Büro umhüllen, sondern Glas - fünf Meter hoch. "Die sicherste Glasfassade der Welt", wie der Hersteller, die Firma Gebr. Schneider Fensterfabrik im baden-württembergischen Stimpfach, stolz betont. Immerhin: Bei Tests im Bundesbeschussamt in Ulm blieben die Fensterscheiben unversehrt.

"Fenster" ist freilich eine Bezeichnung, die Alfons Schneider, den geschäftsführenden Gesellschafter der Unternehmensgruppe, schmunzeln lässt. Denn die 10 000 Quadratmeter große Fassade des Kanzleramtes ist - wie er sagt - ein "Mini-Kraftwerk". Wasser wird durch die Hohlräume in der Fassade geleitet. Das Gebäude kann auf diese Weise im Sommer gekühlt, im Winter geheizt werden. Für Sonnenschutz sorgen zudem computergesteuerte Lamellen, die dem Stand der Sonne folgen. Ihre Bewegung wurde für den Standort berechnet und zudem mit der Zentraluhr in Braunschweig gekoppelt. Am Stand der Sonnenwagen lässt sich damit die Zeit ablesen. Alles in allem ein 20-Millionen-Mark-Auftrag für Schneiders Betrieb.

Schneider ist Spezialist für "Problemlösungen nach Maß". Vom schlichten Holzfenster über Lichtdächer, Stahl-Aluminium-Fassaden, Brandschutzkonstruktionen bis hin zu beschusssicheren Anlagen und Solarfassaden, der 900-Mann-Betrieb fertigt speziell nach den Anforderungen des Gebäudes und des Kunden. Mit dem klassischen Fenster- und Fassadenbaubetrieb ist das kaum noch vergleichbar. In der Firmenbeschreibung stößt man dann auch auf die Bezeichnung "Spezialist für Photovoltaikfassaden und solares Bauen" - und damit hat eigentlich alles begonnen.

Ende der 80er Jahre startete Schneider eine Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg und entwickelte energiesparende und -erzeugende Fassaden. Wenig später beteiligte er sich an dem Pilotprojekt des "Null-Energie-Hauses", das vom Bundesministerium für Forschung und Technologie gefördert wurde. Herausforderungen, die seinem Betrieb einiges abverlangten, ihm aber zugleich einen Innovationsvorsprung gegenüber der Konkurrenz verschafften. "Als mittelständischer Betrieb hätten wir diesen Forschungsaufwand allein nicht betreiben können", räumt der heute 43-jährige Unternehmer ein.

Das Wagnis hat sich gelohnt. Seit Schneider gemeinsam mit seiner Schwester die Leitung des väterlichen Betriebs vor 15 Jahren übernahm, hat sich der Umsatz auf 300 Millionen Mark jährlich mehr als versechsfacht, die Zahl der Arbeitsplätze stieg von 200 auf 900. Zum Stammwerk in Stimpfach sind inzwischen auch Fertigungen im sächsischen Radeburg bei Dresden und im polnischen Breslau hinzugekommen, die Unternehmensgruppe hat sich neben dem Fenster- und Fassadenbau mit schlüsselfertigen Gewerbebausystemen ein weiteres Standbein geschaffen.

Die Gruppe ist gut im Geschäft, was nicht viele in dieser durchwegs mittelständisch geprägten Branche von sich behaupten können. Von gut 11 000 Betrieben noch Anfang der 90er Jahre haben inzwischen rund 1600 aufgegeben oder verkauft. Schneider kann dagegen über einen Mangel an Aufträgen nicht klagen: Neben dem Kanzleramt ist sein Unternehmen derzeit bei allen Neubauten des Deutschen Bundestages in Berlin beschäftigt (außer dem Reichstag) und erhielt auch den Auftrag für das Polizeipräsidium in Frankfurt (Main). Vor kurzem wurde die neue Fassade für den Flugsteig A in Frankfurt fertiggestellt. Zu den weiteren Renommierprojekten zählen unter anderem die Fassade für das Optoelektronikzentrum in Berlin-Adlershof, das Virchow-Klinikum oder das Berufsschulzentrum in Bitterfeld, ein Expo-Projekt. Kostspielige Rückschläge blieben dabei nicht aus - so etwa beim Bau der Greenpeace-Zentrale in Hamburg, wo die wärmedämmenden Solarpanele sich zunächst beschlugen. Schneider nennt das "Risiko der Fortschritts".

Gleichwohl bleibt das Baugeschäft offenbar auch für Spezialisten wie Schneider eine Gratwanderung. Kleine und mittelständische Betriebe würden durch die "Anonymisierung" immer stärker in die Defensive gedrängt, sagt er. Wo früher ein Handschlag genügte, seien heute umfangreiche Verträge nötig, die geforderten Bürgschaften erreichten inzwischen ein Niveau, das der Hälfte des Umsatzes entspricht. Kleinere Betriebe stünden damit fast permanent am Rande der Insolvenz. Schneider, der auch Präsidiumsmitglied des Branchenverbandes ist, fordert hier ein stärkeres Einschreiten des Gesetzgebers. Das kürzlich in Kraft getretene Gesetz zur Beschleunigung fälliger Zahlungen, das Bauherren zur Zahlung innerhalb von 30 Tagen verpflichte, sei "ein erster Schritt in die richtige Richtung", sagt er. Nötig seien aber weitere Korrekturen, etwa bei den so genannten Rückbehaltungsrechten: Mit dem Verweis auf Mängel können Bauherren heute bis zum Dreifachen der für die Beseitigung nötigen Summe einbehalten. Kleinere Unternehmen würden da schnell auf Gegenwehr verzichten. "Fünf oder sechs Jahre Gerichtsverfahren können sie sich nicht leisten", sagt Schneider.

Ins Schleudern kommen auch größere Betriebe. Jüngst musste die Würzburger Fassadenbaugruppe Götz, die den Neu- und Ausbau von Kuppel und Fassaden des Berliner Reichstages ausgeführt hatte, mit knapp 700 Beschäftigten Insolvenz anmelden. Sie kritisierte in diesem Zusammenhang die "extrem bürokratische Abwicklung" durch die Bundesbaugesellschaft. Schneider will sich dazu nicht äußern. Ihm steht die Abrechnung mit der Bundesbaugesellschaft ja noch bevor.

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