Wirtschaft : Kanzlerin und Technik

Wie Angela Merkel beim Cebit-Rundgang eine Ministerin zum Stolpern bringt und mit dem Metro-Chef einkaufen geht

Corinna Visser

Hannover - „Ich lache erst, wenn ich es verstanden habe“, sagt Angela Merkel. Und lacht. Dann wendet sie sich den Fotografen zu, die ein Lächeln von der Bundeskanzlerin gefordert hatten: „Hier ist der Chip und dort die Antenne.“ Gerade hat Hans-Joachim Körber, der Chef der Handelsgruppe Metro, ihr auf der Computermesse Cebit den Aufbau eines RFID-Chips erklärt. RFID steht für Radiofrequenz-Identifikation. So ein Funkchip soll bald den Strichcode auf Produkten ersetzen und das Einkaufen revolutionieren. Die Bundeskanzlerin schiebt einen Einkaufswagen an einer Computerkasse vorbei. In Sekundenschnelle erfasst diese per Funk alles, was im Wagen liegt, und zeigt den Preis an. Merkel fragt Körber nach Details, schließlich müsse auch „der RTL-Zuschauer genau verstehen, wie es geht“. Ob der Chip bald auf jeder Möhre klebe, will sie wissen. Ja, sagt Körber. „Und wie zahlen wir jetzt?“, fragt sie. Kaufmann Körber verlangt Bares. „Testen Sie das bitte gut“, rät Angela Merkel. „Sonst haben sie Schlangen mit Kunden, die zu viel bezahlt haben.“

RFID soll nicht nur das Einkaufen, sondern die Logistik insgesamt revolutionieren. Das hatte die Bundeskanzlerin schon am Vorabend in ihrer Rede erwähnt, als sie die weltgrößte Computermesse in Hannover eröffnete. RFID, das ist eine der Technologien, mit denen sie Deutschland vorne sehen will. Sie habe ein bisschen Sorge, vieles auf der Messe nicht zu verstehen, hatte die promovierte Physikerin gesagt. „Allein mit SMS kann man heute auch nicht mehr überleben.“ Ihre Leidenschaft für SMS greifen fast alle Gesprächspartner auf. Immerhin verfügt sie damit über mehr Anwendungswissen in modernen Telekomdiensten als ihr Vorgänger Gerhard Schröder.

Die Bundeskanzlerin geht zügig durch die Messehallen – einige Dutzend Fotografen, Kameraleute und Reporter versuchen, Schritt zu halten. „Die schnellste Kanzlerin, die wir je hatten“, raunt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff Forschungsministerin Annette Schavan im Eilschritt zu. Alle Kameras sind auf Angela Merkel gerichtet. Auch die der verblüfften Messebesucher, die schnell ihre Handys zum Fotografieren in die Höhe halten. Merkel sorgt für schöne Bilder. Beim Chiphersteller Intel setzt sie sich keck auf den breiten Reifen eines Formel-Eins-Rennwagens. Annette Schavan ist so überrascht, dass sie stolpert.

Immer wieder schaut Angela Merkel interessiert in Bildschirme, nickt zu den Erklärungen der stolzen Firmenchefs und fragt nach. „Wer sind ihre Abnehmer?“, will sie etwa von Tobias Groten von der Softwarefirma Tobit wissen. Mit einem kurzen Blick registriert sie, dass Groten der einzige Firmenchef ist, der ihr heute in Jeans gegenübertritt. Auch Groten wünscht sich ein Foto – nicht von der Bundeskanzlerin. Sie soll eines von ihm machen. Merkel drückt auf den Auslöser.

Hier und da hat sie auch eine Botschaft: Den US-Ciphersteller AMD fordert sie auf, weiter in Dresden zu investieren. Mittelständler lobt sie für neue Jobs. Und als Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke fragt, „liebe Frau Merkel, haben Sie uns noch etwas zu sagen?“, hebt sie zu einem industriepolitischen Exkurs an – über Wettbewerb und Innovationen und dass sie für gute Rahmenbedingungen sorgen werde. Und: „Denken sie immer an den Kunden und nicht so sehr von der Technik her“, sagt die Kanzlerin zum Telekom-Chef. Einfache und bequeme Produkte wünsche sie sich – und ist dann doch ganz nah bei Gerhard Schröder.

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