Wirtschaft : Kapital global

Hunderte Milliarden Euro sausen um den Erdball und fließen in Immobilien, Rohstoffe oder Straßen – trotz der steigenden Zinsen

Carsten Brönstrup

Manchmal verdienen die Finanzmarktprofis in Frankfurt Millionen in Minuten. Vor allem,wenn Jean-Claude Trichet im Spiel ist, der Chef der Europäischen Zentralbank EZB. So geschehen am vergangenen Donnerstag: Er sehe noch keinen Grund, die Leitzinsen weiter anzuheben, verkündete Trichet – prompt schoss der Aktienindex Dax binnen kurzer Zeit um 30 Punkte nach oben. Die Anleger atmeten auf, denn sie wussten: Die Milliarden-Party geht weiter.

Seit die Zinsen in den drei wichtigsten Wirtschaftsregionen der Welt – Europa, Amerika, Japan – wieder steigen, treibt Händler und Spekulanten eine Sorge um: Das teurere Geld könnte zu Turbulenzen in wichtigen Märkten führen und nicht nur die Preise von Aktien, sondern auch die von Rohstoffen und Immobilien auf Talfahrt schicken – mit ernsten Folgen für die Weltwirtschaft. Mittlerweile aber geben sich immer mehr Experten gelassen: Es werden weiterhin kaum fassbare Geldsummen um den Globus fließen, auch nach Deutschland. „Wir haben gemerkt, dass Zinserhöhungen um ein paar Punkte nicht dramatisch sind“, sagt Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft der Deka-Bank.

Seit 2001 erlebt die Weltwirtschaft eine nie gesehene Geldschwemme. Um die Folgen des New-Economy-Booms und des 11. September abzufedern, hatten die Zentralbanken rund um den Globus mit teils drastischen Zinssenkungen die Notenpressen angeworfen. In Europa fiel der Leitzins auf ein Rekordtief von zwei, in den USA sogar auf nur ein Prozent. Zwar kamen die meisten Industriestaaten auf diese Weise um eine dauerhafte Rezession herum – durch das billige Geld aber bildeten sich vielerorts gefährliche Spekulationsblasen.

Der einfache Grund: Das viele Geld musste irgendwo untergebracht werden. So haben sich die Immobilienpreise in Spanien und Großbritannien seit 1995 mehr als verdoppelt, in den USA und Australien ging es ebenfalls steil nach oben. Auch Rohstoffe zogen in hohem Maße Geld an – Öl oder Gold etwa waren noch nie so lange so teuer wie derzeit. Banken und Fondsanbietern fiel es nicht schwer, weltweit Milliardenbeträge einzusammeln, um damit Firmen aufzukaufen mit dem Ziel, sie zu zerschlagen oder meistbietend wieder abzustoßen. Und selbst Schuldtitel finanzpolitischer Hallodris wie Argentinien, 2002 noch zahlungsunfähig, erfreuten sich bei willigen Anlegern reger Nachfrage.

Doch das befürchtete Chaos durch eine straffere Zinspolitik ist bislang ausgeblieben. Immerhin haben die Amerikaner die Kredite seit Mitte 2004 bereits 15-mal verteuert, die Europäer zweimal. Dabei sind die für Investitionen wichtigen langfristigen Zinsen an den Märkten aber moderat geblieben. „Ein abruptes Ende des Booms ist nicht zu erwarten“, sagt daher Deka-Mann Bahr. Allenfalls besonders riskante Investments könnten es schwer haben, Kapitalgeber zu finden. Ohnehin könnte es mit dem teureren Geld bald wieder vorbei sein: „Wenn das Wachstum in den USA Ende dieses Jahres abflacht, wird die Fed auch die Zinsen nicht weiter anheben.“ Auch für Europa sagen die Prognostiker für 2007 wieder schwächeres Wachstum voraus – das würde auch moderate Zinsen bedeuten. Hinzu kommt Geld, das unabhängig von der Politik der Zentralbanken angesammelt wird – etwa bei angelsächsischen Pensionsfonds (siehe unten) – und investiert werden muss.

Die Liquidität wird also weiter fließen – auch nach Deutschland. Vor allem der in den vergangenen Jahren vom Preisverfall gebeutelte Immobiliensektor stößt auf reges Interesse. „Der deutsche Markt wird für Investoren aus dem Ausland noch attraktiver werden als im vergangenen Jahr“, versichert Christian Ulbrich, Deutschland-Chef der Maklerfirma Jones Lang Lasalle. Ein sehr starker Trend sei es, Immobilien an Investoren zu verkaufen und dann wieder anzumieten. „Hier erwarten wir einen starken Zustrom ausländischen Kapitals – Bundesländer verkaufen große Bestände, aber auch Unternehmen.“ Allein diesen Markt schätzt er auf mehr als fünf Milliarden Euro in 2006.

Daneben suchen Geldgeber nach neuen Anlagezielen – Infrastruktur-Projekten etwa. „Die Investoren stehen Schlange“, sagt Heiko Stiepelmann, Vize-Hauptgeschäftsführer beim Bauindustrie-Verband. Objekte für nur ein paar Millionen Euro interessieren sie dabei nicht – „50 Millionen sollten es schon sein“. Mit Hilfe von Pilotprojekten versucht der Bund derzeit, die nötigen Erfahrungen zu sammeln. Damit sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, um in Zukunft noch mehr Geld privater Investoren nach Deutschland zu locken.

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