Kapitalismus : Die Kugel rollt

Geschichte richtet sich nicht nach dem Kalender. Heute geht ein Krisenjahr zu Ende, aber die Krise nicht. Geiz und Gier prägten die vergangenen Jahre.

Moritz Döbler
Zocker
Verzockt. Das Jahrzehnt der Gier und des entfesselten Kapitalismus kennt viele Verlierer. -Foto: laif

An Neujahr gibt es selten Neues, Epochen beginnen mit einem krummen Datum. In Wahrheit habe das 21. Jahrhundert erst vor knapp zwei Wochen angefangen, am 19. Dezember nämlich, behauptet der Philosoph Peter Sloterdijk. Das Scheitern des Weltklimagipfels sei eine Zäsur, die ganze politische Sphäre bloßgestellt – und: Die Welt befinde sich in einer vorrevolutionären Situation.

Ein großes Wort, ob als Warnung oder Verheißung. Aber nebenbei ordnet Sloterdijk so die heute endenden nuller Jahre dem 20. Jahrhundert zu, und das jedenfalls ist plausibel. Denn die Finanzkrise entspringt einer Haltung, die sich durch ein ganzes Jahrhundert gezogen, aber erst in den nuller Jahren verselbstständigt hat. Ob in den Goldenen 20ern oder in der Nachkriegszeit: Geld zu haben, war das Wichtigste im alten Jahrhundert, und fast alle, jedenfalls im Westen, hatten daran teil. Im Zentrum von Fortschritt und Wachstum und Einkommen stand die industrielle Produktion, aus Trümmerdeutschland wurde ein Wirtschaftswunder. Jeder konnte zu Wohlstand kommen, wenn er nur hart genug arbeitete – das war das Aufstiegsversprechen, das sich für die Mehrheit der Deutschen auch wirklich bewahrheitete.

Auch in den nuller Jahren ging es ums Geld, aber nicht mehr so sehr um Produktion. Jetzt sollte man auch ohne Arbeit reich werden können. Die New Economy schien die Regeln des Wirtschaftens auszuhebeln. Schon der Begriff deutete den Irrglauben an: neue Wirtschaft – was daran war neu außer den gewaltigen Illusionen? Gewinn, eigentlich das Ziel eines Unternehmens, sollte plötzlich nicht mehr nötig sein, selbst Umsatz nicht, sondern nur noch eine Idee.

Das Geschäftsfeld Internet trieb die Wirtschaft in den kollektiven Wahnsinn und den Dax über 8000 Punkte. Als Familienväter, Hausfrauen und Rentner ihren Teil vom Kuchen haben wollten, als auch sie sich am Neuen Markt tummelten und auf Anraten von Manfred Krug T-Aktien kauften, war es viel zu spät, und viele wurden rasiert. So ist es ja noch immer gewesen. Doch die Haltung hielt sich diesmal. Es ist wie der Glaube, dass man bald im Lotto gewinnt, weil doch jeder im Lotto gewinnen kann.

„Geiz ist geil“ lautete der Werbeslogan dieser Zeit. HB-Männchen und Clementine waren gestern, jetzt ging es nur noch ums Geld. Alle verglichen Preise, sammelten Punkte und Meilen. Die Kundenkarten ließen die Portemonnaies immer dicker werden. Wer gegen die Volkszählung auf die Straße gegangen war, gab nun für ein Frotteehandtuch oder einen Rabatt alle persönlichen Daten heraus. Ob der Liter Milch zehn Cent mehr kostet oder das Tagesgeld ein Zehntelprozent weniger bringt – das wurden bestimmende Fragen, auch wenn sie sich jeder Rationalität entziehen.

Wie sich zeigt, ist Gier nicht Bankern vorbehalten, auch wenn es allenthalben so klingt. Wer von uns Nicht-Bankern hätte denn einen Millionenbonus ausgeschlagen? Oder den Dienst-Jaguar nicht genommen? Mit der Finanzkrise ging es in Amerika los, und da besonders galt das Versprechen, man könne einfach so reich werden. Ohne einen Cent zum eigenen Haus – kein Problem. Alles ging gut, solange Preise und Kurse stiegen. Nur deswegen konnten die Fabelboni fließen. Und deswegen kaufte alle Welt deutsche Maschinen und deutsche Autos, so dass die heimische Wirtschaft profitierte. Nicht nur die Deutsche Bank zog Nutzen aus der Blase, bis hin zum Mittelständler lebten die deutschen Firmen bestens davon und mit ihnen die Beschäftigten.

Doch alle Profis wussten, dass die Blase platzen würde, irgendwann. Alle machten sie trotzdem mit, bis hin zu den Landesbanken, die kein eigenes Geschäftsmodell mehr hatten und deswegen mitzockten. Im Sommer 2007 hatte der Dax sogar seine Dotcom-Rekorde übertroffen, aber im Verlauf der Krise halbierte er sich und schloss am 6. März 2009 mit 3666 Punkten. Seitdem steigen die Kurse stetig – und das ist die Garantie, dass sich der Trend absehbar dreht.

Das Internet ist ein Teil des Problems. Es hat zwischen Dotcom-Blase und Finanzkrise binnen weniger Jahre die völlige Markttransparenz geschaffen, die es eigentlich nur im Lehrbuch gab. Heute kann jeder jederzeit jeden Preis an jedem Ort der Erde kennen – aber weil diese Komplexität die Fähigkeiten von Menschen und auch von Computern übersteigt, kommt es ständig zu erratischen Rückkoppelungen in Echtzeit. Die Technologie hat Spekulanten ungeahnte Möglichkeiten gegeben. Binnen Sekunden werden riesige Beträge verschoben und mit jedem Klick verdient irgendjemand daran, so oder so.

An neuen Spekulationsblasen herrscht kein Mangel. Es ist einfach so viel Geld unterwegs. Beim Handel mit Staatsanleihen, im Immobilienmarkt in China und an manchen Rohstoffmärkten lauern Großrisiken. Staatspleiten sind möglich. Um die Beschlüsse der G-20-Gipfel von Washington, London und Pittsburgh schert sich kaum jemand, und so besteht Anlass zur Vermutung, dass der Kapitalismus sein Wechselspiel von Vernichtung und Wiedergeburt fortsetzen kann.

Das also steht am Ende der nuller Jahre: ein völlig entfesselter Kapitalismus, dem die Politiker glauben, mit noch mehr billigem Geld beikommen zu können. Die Rolle des Staates hat sich zwar gewandelt in der Krise; er hat mehr Geld ausgegeben, mehr Regeln erlassen, mehr Einfluss genommen. Aber dass sich wirklich etwas grundlegend geändert hätte, ist nicht erkennbar. Das System ist intakt, die Kugel rollt schon wieder.

Hat Sloterdijk recht, herrscht jetzt wirklich eine vorrevolutionäre Situation? Und was träte an die Stelle von Kasino- und Turbokapitalismus? Weitermachen sei kriminell, bloße Verzichtsethik naiv, und dazwischen lägen die intelligenten Wege, sagt der Philosoph. Daraus ließe sich folgern, dass die Pleite von Kopenhagen den Umbau der deutschen Industrie hin zu nachhaltigen Produkten und Verfahren beschleunigen sollte – als die unternehmerische Antwort auf Finanz- und Klimakrise.

Sloterdijk misst der umstrittenen CO2-Speicherung hohe Bedeutung zu, aber es muss wohl nicht vor allem um mehr Energieerzeugung gehen, sondern um weniger Energieverbrauch. Wenn „Made in Germany“ zum Ausweis für einzigartige energieeffiziente Hochtechnologie würde, wäre tatsächlich ein grünes Wirtschaftswunder möglich. Wenn das kein guter Vorsatz ist!

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