Wirtschaft : Kapitalismus in Kreuzberg

Quelle schafft nur halb so viele Jobs wie von Wowereit behauptet – und das zu niedrigeren Löhnen

Moritz Döbler

Berlin – Die Ansiedlung eines Quelle- Callcenters in Berlin hat weniger positive Folgen für die Stadt als erwartet. Zwar werden gegen Ende des Jahres etwa neue 500 Computer-Arbeitsplätze an einem neuen Standort in Kreuzberg errichtet, an dem dann 800 Menschen beschäftigt sein sollen. Doch dafür wird das bestehende Callcenter in Friedrichshain mit etwa 300 Beschäftigten spätestens zum 31. März 2007 geschlossen. Diese Recherchen des Tagesspiegels bestätigte Gerd Koslowski, Sprecher des Versandhandelsbereichs bei Karstadt-Quelle.

Unterm Strich bleibt damit ein Plus von 500 Beschäftigten. So schön das ist – es ist nur halb so viel wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) jüngst behauptete. „Demnächst wird ein Investor weitere 1000 Arbeitsplätze bringen“, sagte er in einer Wahlkampfveranstaltung mit Blick auf die Quelle-Pläne. Zudem gibt es bei den neuen Jobs weniger Geld und mehr Druck. Für 90 Prozent der jetzigen Berliner Mitarbeiter sinke das Bruttogehalt monatlich zwar nur um 20 bis 30 Euro, lediglich bei zehn Prozent seien die Einbußen deutlich größer, sagt der Firmensprecher.

Hinzu kommt aber: Die Wochenarbeitszeit steigt von 38 auf 42 Stunden, der Urlaubsanspruch sinkt deutlich, Urlaubs- und Weihnachtsgeld und selbst vermögenswirksame Leistungen werden gestrichen. An die Stelle dieser Zahlungen treten Prämien, die an den Erfolg des Callcenters insgesamt und an die individuelle Leistung geknüpft sind.

Der Stundenlohn liegt nach Firmenangaben zwischen 6,04 und 16,50 Euro. Die Wahrheit liegt dabei nicht in der Mitte, sondern am unteren Ende: Ein Mitarbeiter berichtete dem Tagesspiegel, ihm sei ein Bruttogehalt von 1100 Euro angeboten worden, was etwa 6,50 Euro Stundenlohn entspricht. Firmensprecher Koslowski bestätigte, dies sei für das neue Callcenter „ein ganz normaler Vertrag“, der Durchschnitt liege bei 1250 bis 1300 Euro. Aus dem Unternehmen heißt es, etwa ein Fünftel der Betroffenen habe die neuen Verträge nicht angenommen und werde nun abgefunden.

Hintergrund ist der mangelnde Ertrag des Versandhandels bei Karstadt-Quelle. Die Umsätze waren im ersten Halbjahr um mehr als zehn Prozent eingebrochen.

Das neue Callcenter, für das bereits Räume auf dem DeTeWe-Gelände in Kreuzberg angemietet wurden, firmiert als Quelle Communication Center Berlin GmbH, das alte gehörte zur Quelle Contact GmbH – so handelt es sich formal nicht um einen Betriebsübergang, die Personalkosten lassen sich daher leichter senken. Denn die Konditionen, zu denen die Mitarbeiter der bundesweit 14 Callcenter arbeiten, sind sehr unterschiedlich. Die besten Verträge haben die, die noch bei der Quelle AG angestellt wurden. Daher wird in Nürnberg – unweit der Fürther Zentrale – im Schnitt mehr bezahlt als in Berlin. Das neue Callcenter soll „ein Vorzeigestandort der Gruppe“ werden, heißt es bei Karstadt-Quelle. So wolle man auch externe Kunden gewinnen, also für andere Unternehmen den telefonischen Kundenservice übernehmen. Arbeitslosen mit wenig Bildung böten sich hier neue Chancen. Als diese Pläne den Berliner Mitarbeitern vorgestellt worden seien, habe es Applaus gegeben.

Das Unternehmen macht sich Hoffnungen auf staatliche Förderung: Es gebe „sehr konstruktive Gespräche“ mit der Wirtschaftsförderung Berlin Partner. Dort heißt es, man übe lediglich eine Lotsenfunktion aus; entscheiden werde die Investitionsbank Berlin (IBB).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben