Kapitalvernichter 2011 : Aktionärsschützer rügen auch Dax-Konzerne

Die Photovoltaik-Branche war im vergangenen Jahr einer der größten Geldvernichter - aber nicht der einzige.

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11. April 2012: Das vergangene Jahr war mit großen Kapitalverlusten für viele Aktienanleger äußerst unerfreulich. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) veröffentlicht jährlich die größten Kapitalvernichter. Platz 10 gibt es diesmal nicht: Der Dax-Konzern Commerzbank teilt sich den neunten Platz mit Comarch. Allein im vergangenen Jahr verlor die Commerzbank-Aktie 70,7 Prozent, seit 2006 sogar 94,4 Prozent.Weitere Bilder anzeigen
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11.04.2012 17:0211. April 2012: Das vergangene Jahr war mit großen Kapitalverlusten für viele Aktienanleger äußerst unerfreulich. Die Deutsche...

Frankfurt am Main - 2011 war wegen der Euro-Schuldenkrise ein schlechtes Jahr für Aktien. Manche Gesellschaften und ihre Aktionäre hat es vor allem aufgrund eigener Fehler besonders schwer gebeutelt. Die 50 größten dieser Kapitalvernichter, die die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) alljährlich ermittelt, dürften ihren Eigentümern im vergangenen Jahr Verluste in deutlicher zweistelliger Milliardenhöhe gebracht haben. Dabei sind die Unternehmen nicht eingerechnet, die in die Pleite rutschten – wie etwa der Solaranbieter Solon. Überhaupt fällt vor allem die Solarbranche negativ auf. Conergy rangiert mit einem Kursminus von 99,6 Prozent über die letzten fünf Jahre und von 87 Prozent im vergangenen Jahr an der Spitze der Negativliste. Insgesamt tauchen sieben Solarfirmen in der Negativliste auf. Mit der Commerzbank und RWE werden erneut auch zwei Konzerne aus dem Deutschen Aktienindex Dax aufgeführt.

Die Zeichen in der Solarbranche hätten schon länger auf Sturm gestanden, dies zeige sich jetzt auch in der jüngsten Watchliste, sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler am Mittwoch bei der Vorlage der Analyse in Frankfurt. Anleger sollten sich hüten, allein auf Branchenmoden zu setzen, sondern sich jedes Unternehmen genau anschauen. Den größten Sprung in der Negativliste machte 2011 die Baumarktkette Praktiker, die von Rang 50 auf Rang 6 nach oben rutschte. Mit Blick auf die letzten fünf Jahre hat die Aktie 95 Prozent verloren, im letzten Jahr waren es fast 83 Prozent. „Aus dem Rabattkönig ist ein Sanierungsfall geworden, der nicht nur die Aktionäre, sondern jetzt auch die Anleihegläubiger trifft“, sagte Tüngler.

Zu den prominenten Namen auf der Kapitalvernichter-Liste gehören unter anderen Air Berlin (minus 84,9 Prozent), Heidelberger Druck (minus 94,5 Prozent seit 2007), Beate Uhse (minus 82,9 Prozent), Tui (minus 68,3) und MLP (minus 65,9). Die Commerzbank steht bereits im dritten Jahr hintereinander auf der Liste. Deutsche Bank und Postbank tauchen nicht mehr in der Aufstellung auf.

Wie viel Geld die Aktionäre der Kapitalvernichter im vergangenen Jahr in absoluten Zahlen verbrannt haben, hat die DSW nicht ausgerechnet. Schaut man auf den Börsenwert der Unternehmen jeweils Ende 2010 und Ende 2011 waren es bei Conergy rund 148 Millionen Euro, bei Praktiker 390 Millionen, bei Heidelberger Druck 570 Millionen oder bei Air Berlin gut 100 Millionen Euro. Allerdings sind bei diesen Zahlen etwaige Kapitalmaßnahmen oder der Einstieg neuer Großaktionäre verbunden mit möglichen Geldspritzen nicht berücksichtigt.

Die DSW erstellt die Liste jedes Jahr und betrachtet dabei nicht nur die abgelaufenen zwölf Monate, sondern auch einen Fünf-Jahres-Zeitraum, um Aufschluss über die langfristige Kursentwicklung zu gewinnen. Dividenden und Sonderzahlungen fließen in die Analyse nicht ein. Für Anleger könne die Liste einerseits das Signal sein, sich von einem Investment zu verabschieden bevor das ganze Geld weg ist, sagte Tüngler. Oder sie sei ein Hinweis auf Unternehmen, bei denen der Einstieg möglicherweise lohnt. „Grundsätzlich muss es kein Verkaufssignal sein, wenn eine Gesellschaft auf der Liste auftaucht. Ein funktionierendes Geschäftsmodell vorausgesetzt, ist es manchmal sogar genau das Gegenteil.“ Wie etwa bei Infineon. Auch der Chip-Hersteller zählte einmal zu den größten Kapitalvernichtern.

Kritik übte Tüngler an den gesunden Dax-Unternehmen. Mit 27,5 Milliarden Euro schütten sie zwar in den nächsten Wochen nach 2008 die zweithöchste Dividendensumme überhaupt aus. Bei 13 Firmen sei es aber immer noch weniger als vor fünf Jahren. Und insgesamt sei die Summe immer noch weit von jenen 50 Prozent des Gewinns entfernt, die nach Ansicht der DSW an die Eigentümer fließen sollten. „Bei einem Gesamtgewinn von rund 100 Milliarden Euro, den die 30 Dax-Konzerne 2011 erwirtschaftet haben, könnte die Ausschüttung um 20 Milliarden Euro höher liegen. Es gibt noch Luft nach oben.“ Rolf Obertreis

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