Wirtschaft : Karin Schlangen

(Geb. 1951)||Nur keine Enge! Nicht in der Politik, nicht in der Liebe.

Tatjana Wulfert

Nur keine Enge! Nicht in der Politik, nicht in der Liebe. Wie muss das gewesen sein, Anfang der Siebziger nach Berlin zu kommen, wenn man 20 ist und in einem Örtchen am Niederrhein gelebt hat? Wenn man oft bei der Berliner Tante, die als Mannequin arbeitete, zu Besuch gewesen war, in den Cafés und auf den Boulevards das atemlose Leben der Großstadt bestaunt hatte? Die Sehnsucht muss groß gewesen sein.

Karin Schlangen wurde in Frankfurt an der Oder geboren. Ihre Eltern verließen die DDR 1959, versuchten, sich eine neue Existenz in Wesel am Niederrhein aufzubauen. Karin versuchte dies zunächst ebenso. Sie heiratete, ließ sich wieder scheiden. Dann zog sie los.

Ihr Abitur holte sie an der Fachhochschule für Wirtschaft nach, zweiter Bildungsweg, neue Chancengleichheit. Dann wollte sie an der FU Medizin studieren. Doch hier sollte die Chancengleichheit aufhören. Ihr Abschluss war nicht hochschultauglich. Sie gab nicht klein bei, sondern suchte sich einen jungen, engagierten Anwalt. Und bekam Recht. Sie war eine der ersten Studentinnen Berlins, die sich an einer Universität einklagte.

Tagsüber studierte sie, am Abend saß sie im „Dschungel“ am Winterfeldtplatz, einer einschlägigen Kneipe für Debattierende. Festgelegt auf eine politische Idee, gar Ideologie hat Karin Schlangen sich nie. Verführerisch wäre das in diesen aufgeregten Zeiten gewesen. Sie jedoch hielt sich an den Grundsatz, ihr Leben lang, dass das Nachdenken und Handeln nur dann einen Sinn ergibt, wenn man einen klaren Kopf behält, Für und Wider frei von Vorurteilen abwägt. Vielleicht befürchtete sie, jede fest gefügte Ansicht sei ein Rückfall in die niederrheinische Enge.

Nie sprach Karin Schlangen über den Ort ihrer Kindheit, und fragte doch mal jemand, dann winkte sie ab und sagte „Ach, Weeeesel“. Dennoch, irgendwann wollte sie ihre Eltern in der Nähe haben. Die stimmten zu und machten sich 20 Jahre nach ihrer Tochter auf den Weg in die große Stadt. Die Tochter suchte ihnen eine hübsche Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft eines ihrer Ex-Liebhaber, und da der Ex-Liebhaber inzwischen wieder Freund geworden war, kümmerte er sich mit um sie.

Überhaupt gingen Karin Schlangen die Männer nie verloren. Sie wandelte Liebe in Freundschaft um. Wahrscheinlich war in ihrer Liebe immer schon sehr viel Freundschaft. 1978 verliebte sie sich in einen, mit dem sie zusammenzog. Mit ihm lebte sie bis zum Schluss. Im Lauf der Jahre versuchte sie andere Möglichkeiten, lebte andere Lieben, zu keiner Zeit heimlich und verstohlen. Ein paar Mal bat man sie, komm zu mir, leb mit mir. Aber sie schien sich wieder vor der Enge zu fürchten, blieb in dem offenen freundschaftlichen Beieinander.

Eine Ehe wollte sie eigentlich nicht mehr. Vor drei Jahren aber, die Krankheit beherrschte ihren Körper da schon ganz und gar, heiratete sie den Lebensgefährten doch.

Zehn Jahre lebte Karin Schlangen mit dem Krebs. In den Phasen, in denen es ihr besser ging, rief sie ihre Freunde an, erzählte und lachte wie immer. Geklagt aber hat sie nie. Lieber zog sie sich zurück, sagte dann am Telefon: Mir geht es nicht gut, ich melde mich später. Kein Wort mehr.

In der letzten Silvesternacht tanzte sie noch einmal bis in den frühen Morgen hinein. Im Februar flog sie nach Bali. Sie fühlte sich gut, aß und trank und blinzelte in die Sonne.

Einen Tag nach ihrer Rückkehr brachte man sie ins Krankenhaus. Später dann ins Hospiz.

Ihre Eltern leben nun allein in der großen Stadt.

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